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Spanien: Wenige Impfgegner, viel Solidarität

Ein Covid19-Genesener genießt in Barcelona die ersten Sonnenstrahlen. Ist die Pandemie in Spanien bald vorbei (Foto: Julia Macher)

Zeit Online, 9. November 2021. Spanien könnte die Pandemie bald hinter sich lassen, fast 90 Prozent der über Zwölfjährigen sind geimpft. Dabei gab es zunächst viele Skeptiker. Was ist passiert? Meine Analyse für Zeit Online.


Ein Sonntagnachmittag an der Strandpromenade von Barcelona. Kellner und Kellnerinnen balancieren Tabletts mit dampfenden Calamares und frisch gezapftem Bier, am Eingang der Restaurants warten kleinere Gruppen auf Einlass. Nach einem Impfpass oder Test fragt niemand. Warum auch? Die Sieben-Tage-Inzidenz in Katalonien liegt derzeit bei 28,56 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern, nur etwas über dem landesweiten Schnitt von 26,7. Und im EU-Vergleich steht mit 155 Dosen pro 100 Einwohner ganz weit oben: 88,7 Prozent der über 12-Jährigen sind vollständig geimpft, 90,4 Prozent haben zumindest eine Dosis erhalten (Stand 5. November). Laut dem medizinischen Fachjournal The Lancet könnte das Land als eines der ersten die Herdenimmunität erreicht haben und die Pandemie hinter sich lassen.

Was macht Spanien besser als der Rest der Welt? Diese Frage bekommen die Epidemiologinnen und Epidemologen des Landes in den vergangenen Wochen immer wieder gestellt. Amós García, Präsident der spanischen Gesellschaft für Immunologie, hat darauf eine einfache Antwort: "Wir haben nicht nur ein exzellentes staatliches Gesundheitssystem, das trotz der Kürzungen gut funktioniert, sondern auch eine vorbildliche Impfkultur - ganz ohne Impfpflicht."

Für alle Altersgruppen gibt es einen empfohlenen Impfkalender mit Gratisimpfungen. "Allein im Herbst verabreichen wir jedes Jahr in zwei Wochen Millionen Grippeimpfungen. Das hat für die Pandemie geschult", sagt García.

Impfgegner und -gegnerinnen gibt es im Gegensatz zu Deutschland und Frankreich kaum, auch nicht bei den Corona-Impfungen. Weniger als ein Prozent, etwas mehr als 327.000 Menschen, haben auf die Spritze gegen Covid-19 bisher verzichtet, gab die Gesundheitsministerin kürzlich auf eine parlamentarische Anfrage bekannt. Auch das monatliche Stimmungsbarometer des Meinungsforschungsinstituts CIS zeigt ähnliche Daten. Von den 5,4 Prozent, die angeben, noch nicht geimpft zu sein, wollen 43 Prozent es tun, sobald sie an der Reihe seien. Nur ein verschwindend geringer Teil derjenigen, die keine Impfung wollen, negiert die Existenz der Krankheit.


Dabei war die Skepsis gegen mRNA-Impfungen auch in Spanien zunächst groß. Noch im Oktober 2020 wollten sich laut einer internationalen Befragung des Markforschungsunternehmens Ipsos lediglich 64 Prozent der Spanierinnen und Spanier impfen lassen. Europaweit waren es nur in Frankreich weniger.

Der Grund für den Stimmungswandel: Die Covid-19-Impfkampagne hat nach ersten Anlaufschwierigkeiten zügig und reibungslos funktioniert. Priorisiert wurde strikt nach Altersgruppen, die Ältesten und Schwächsten zuerst. Der Erfolg ließ sich an den rapide sinkenden Sterbezahlen ablesen. Infrage gestellt hat diese Methode niemand. "In einem katholisch geprägten Land wie Spanien haben Eltern und Großeltern einen hohen Stellenwert", sagt der Epidemiologe Manuel Franco. "Für die überwältigende Mehrheit war klar, dass die Schwächsten zuerst geimpft werden müssen."

Dabei wirkte auch das Trauma der ersten Welle nach. Als sich während des harten Lockdowns wochenlang eine gespenstische Stille über das Land legte, starben Zehntausende allein in Altersheimen oder Krankenhäusern. Diese Bilder hat niemand vergessen. "Während in Deutschland Gesundheit oft als Privatsache behandelt wird, steht in Spanien der gesamtgesellschaftliche Aspekt im Mittelpunkt", sagt Franco, der in Berlin und Alcalá de Henares studiert hat. "Solidarität ist ein wichtiger Wert."


Kaum jemand fiel durchs Raster

Dass Spanien ausgerechnet beim Thema Organisation als Vorbild gilt, macht Wissenschaftlerinnen und Epidemiologen besonders stolz. Hebel zum Erfolg war dabei auch der hohe Grad an Digitalisierung im Gesundheitswesen. Grundpfeiler des steuerfinanzierten Systems sind die lokalen Gesundheitszentren. Wer krank ist, wird dort vom zuständigen Familienarzt behandelt oder an die Fachärztin, den Facharzt unter demselben Dach verwiesen. Patientinnenakten werden elektronisch erfasst, sodass alle behandelnden Mediziner darauf Zugriff haben. Einen gesetzlich festgelegten Minimaldatensatz stellen die für Gesundheit zuständigen Regionen den nationalen Behörden bereit. Das hat die Organisation der Covid-19-Kampagne erleichtert: "Die Behörden wussten nicht nur genau, wie viele Vakzine sie wohin schicken mussten, sondern wussten auch, wie und wo sie die Empfänger erreichen", sagt Franco. Statt selbst zum Telefon greifen zu müssen, wurden die Spanierinnen und Spanier per Smartphone über ihren persönlichen Impftermin informiert oder per Telefon oder Brief benachrichtigt. So fiel kaum jemand durchs Raster. Auch die Boosterimpfungen werden nach derselben Methode verabreicht.

Dass sich in Deutschland viele vor zu viel Digitalisierung fürchten, verwundert Spaniens Experten ebenso wie Berichte über Impfskepsis beim Pflegepersonal. Krankenpflege ist in Spanien ein vierjähriges Studium, der Umgang mit Spritzen und Vakzinen gehört zu den Kernkompetenzen von Pflegerinnen und Pflegern. "Sie sind der Muskel unseres Systems", sagt García. Er kenne niemanden aus dem Gesundheitswesen, der sich nicht habe impfen lassen.

Allerdings erreicht auch das spanische Impfsystem nicht alle. In Großstädten wie oder Madrid scheuen vor allem die Bewohnerinnen und Bewohner der ärmeren Viertel die Spritze. Dabei gehe es nicht um ein grundsätzliches Misstrauen gegen das Vakzin, sondern um Existenzängste, sagt Manuel Franco: "Viele haben schlicht Angst, sich wegen möglicher Nebenwirkungen für ein paar Tage krank melden zu müssen und so vielleicht ihren Job zu verlieren." Amós García sorgt sich vor allem um die 20- bis 40-Jährigen. Dort ist die Quote mit 77,7 beziehungsweise 76,5 Prozent vollständig Geimpfter am niedrigsten. "Sie haben kaum Risikoempfinden", sagt der Epidemiologe. Impfzelte sollen Abhilfe schaffen, auf den Kanarischen Inseln fährt der "vacuguagua" durch die Bezirke, ein zum mobilen Impfzentrum umgebauter Touristenbus. Doch, so der Präsident der spanischen Gesellschaft für Immunologie: "Viel zu tun ist zum Glück nicht mehr."

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