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Ausgangssperre in Spanien: Großer Tag für Spaniens Kinder

26. April 2020. Während der Corona-Pandemie durften Kinder in Spanien sieben Wochen lang die Wohnung so gut wie nie verlassen. Was hat das für Folgen für Familien und Gesellschaft? Eine Analyse für Zeit Online.


In WhatsApp-Gruppen spanischer Eltern kursiert seit ein paar Tagen eine App. In roter Farbe kann man sich hier einen Umkreis von einem Kilometer rund um die eigene Wohnung anzeigen lassen. Die Idee dahinter: In ebendiesem Bereich dürfen sich Kinder bis 14 Jahre ab heute wieder bewegen: eine Stunde lang, einmal am Tag, begleitet von einem Erwachsenen aus ihrem Haushalt. Entwickelt hat die App ein junges Open-Software-Team als Hilfestellung für Familien, die seit Tagen auf diesen Sonntag hinfiebern. Denn der "Kinder-Freigang" ist die erste Lockerung der strikten spanischen Ausgangssperre, die seit dem 14. März gilt. Ausnahmen gab es kaum; Kinder mit Autismus durften spazieren gehen, Kinder von Alleinerziehenden ihren Elternteil zum Einkaufen oder zur Apotheke begleiten. Für alle anderen aber wird es an diesem Sonntag der erste Spaziergang seit mehr als sechs Wochen sein.

Kaum ein Land hat strengere Maßnahmen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie erlassen als das mit knapp 220.000 gemeldeten Sars-CoV-2-Infektionen und über 22.600 Todesfällen besonders gebeutelte Spanien. Besonders hart waren die Regeln für Kinder. Wie in vielen europäischen Ländern sind Kindergärten, Schulen und Universitäten seit Mitte März geschlossen. Doch während es im Nachbarland Portugal von Beginn an ein verbrieftes Recht auf einen Spaziergang "für die mentale Gesundheit" gab und Kinder in Italien bereits seit Anfang April wieder nach draußen dürfen, hieß es für ihre spanischen Altersgenossen bis jetzt: Ihr müsst drin bleiben. Und das in einem südeuropäischen Land, in dem im Sommer die Spielplätze und Parks normalerweise bis spätabends voll sind und lärmende Kinder in Restaurants und Cafés genauso zur Geräuschkulisse gehören wie der dröhnende Fernseher in der Ecke und laute Gespräche am Tresen.

Hundebesitzer dürfen raus, Eltern mit Kindern nicht

"Das war längst überfällig", schimpft Montse García. "Es kann doch nicht sein, dass Hundebesitzer mit ihren Haustieren Gassi gehen dürfen, während wir im Wohnzimmer hocken müssen." Die Mittvierzigerin lebt mit ihrem Mann und den drei sieben- bis zehnjährigen Kindern in einer Eigentumswohnung im ehemaligen Arbeiterviertel Poblenou in . Sich selbst zählt die Katalanin García zu den "Privilegierten dieser Krise". Beide Elternteile arbeiten Vollzeit im Homeoffice, sie als Ingenieurin bei einer Eisenbahngesellschaft, er bei einer Firma für medizinische Geräte. Ihre Erdgeschosswohnung haben sie vor ein paar Jahren vergrößert, indem sie die darüberliegende Wohnung dazukauften. Es gibt genügend Platz für die fünfköpfige Familie - und eine zwölf Quadratmeter große Terrasse, auf die ein paar Stunden am Tag die Sonne fällt. Dort machen die drei Kinder täglich ihre Sportübungen. Doch die Motivation sei von Woche zu Woche gesunken. "Meine Kinder müssen sich draußen bewegen", sagt García. "Zehn Minuten Rollschuhfahren machen doch glücklicher als jede Youtube-Trainingsstunde."

Kinderärzte warnen bereits vor den Folgen des Bewegungsmangels. Laut Ernährungsfachleuten haben Spaniens Kinder seit Beginn der Ausgangssperre schon um fünf Prozent zugenommen. Als die spanische Linkskoalition Anfang der Woche als "Maßnahme zur Erleichterung" zunächst bekannt gab, dass Kinder ihre Eltern künftig "bei erlaubten Tätigkeiten" begleiten könnten, also zum Einkaufen in Lebensmittelgeschäfte, zur Apotheke oder auf die Bank, platzte Montse García der Kragen. Wie Tausende andere im Land stellte sie sich ans Fenster und trommelte als Zeichen des Protests auf einen Kochtopf. Die Regierung revidierte die Maßnahme und Vizepräsident Pablo Iglesias entschuldigte sich bei den Kindern wortreich für den "Fehler". Doch für García kommt das zu spät. "Alle Familien, die ich kenne, haben sich strikt an die Ausgangssperre gehalten - aus Verantwortungsbewusstsein", sagt sie. "Trotzdem hat man uns behandelt wie unmündige Kleinkinder."

Mediziner schütteln den Kopf

Als "kommunikationspolitisches Desaster" bezeichnet Ildefonso Hernández Aguado die Debatte um die Ausgangssperre für Kinder. Der Epidemiologe und Experte für öffentliche Gesundheit berät unter anderem die Regionalregierung der Balearen zu möglichen Exit-Strategien. "Nach allem, was wir wissen, geht vor allem von älteren Kindern eine erhöhte Ansteckungsgefahr aus - und da in erster Linie in geschlossenen Räumen, in Schulen, Geschäften oder im öffentlichen Nahverkehr und sehr viel weniger draußen", sagt Aguado. Mit entsprechendem Sicherheitsabstand hätte man die Kinder demnach schon sehr viel früher draußen spielen lassen können.

Auch Kinderpsychologin Rosa Jové schüttelt über das Krisenmanagement der Regierung den Kopf. Statt Kinder als Teil der Gesellschaft zu betrachten, habe man in ihnen lediglich ein Infektionsrisiko gesehen und so eine ohnehin belastende Situation noch zusätzlich verschärft. "Wo Erwachsene früher ein Kind sahen, sehen sie jetzt eine Gefahr", sagt Jové. "Damit müssen auch Kinder erst lernen, umzugehen." Jové hat den katalanischen Katastrophen-Krisenstab mitgegründet und betreut auch Krankenschwestern und Ärzte, die unter der extremen Belastung durch die Covid-19-Pandemie leiden. Doch wenn bei ihr dieser Tage das Telefon klingelt, sind es fast immer Eltern, die sich um ihre Kinder sorgen."Dabei können Kinder in der Regel besser mit solchen Ausnahmesituationen umgehen als Erwachsene", sagt Jové. "Sie sind kreativer und finden Zuflucht im Spiel und in der Fantasie." Dass die Welt draußen für Spaniens Kinder so lang tabu war, müsse aber nicht zwangsläufig zu Störungen führen. "Wichtig ist, dass der Alltag zu Hause möglichst entspannt bleibt und sie weiter Tag und Nacht unterscheiden können, dazu reicht prinzipiell ein offenes Fenster oder ein Blick nach draußen."


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