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Corona-Krise in Spanien: "Wer eingeliefert wird, rechnet damit zu sterben"

24. März 2020. Ende März erreichte die Corona-Pandemie in Spanien ihren Höhepunkt: Die Notaufnahmen der Krankenhäuser waren überfüllt, das Gesundheitspersonal klagte über mangelnde Schutzmaßnahmen. Mein Bericht für Zeit Online. 


Normalerweise kennt man Bilder, wie sie gerade in den spanischen Nachrichten liefen, aus Weltuntergangsfilmen: Bei Desinfektionsarbeiten finden Soldaten in einem Altersheim mehrere Leichen, die offenbar schon seit längerem in ihren Betten lagen . Das überforderte Personal hatte keine Zeit, sie würdevoll zu bestatten. Wie lange und um wieviele Menschen es sich handelte, ist nicht ganz klar. Aber die Bilder werfen ein Schlaglicht auf die dramatischen Zustände in Spanien.

Fast 40.000 Menschen (Stand Dienstagabend) sind in mit dem Coronavirus infiziert, 2.800 Erkrankte gestorben - höher sind die Zahlen innerhalb der EU nur noch in Italien. Mit mehr als 12.300 Infektionen ist Madrid das Epizentrum. 1.050 Patienten müssen derzeit dort auf der Intensivstation behandelt werden, 1.535 sind bereits gestorben. Medien berichten von Erkrankten, die auf den Klinikfluren behandelt werden, weil es keinen anderen Platz für sie gibt. Im Netz zirkulieren unter dem Hashtag #Ningunaenfermasinbata, "Keine Krankenschwester ohne Kittel" Anleitungen, die zeigen, wie man aus ein paar Müllsäcken Schutzkleidung näht. Und weil auch in den Leichenschauhäusern die Plätze knapp werden, hat man die Eislaufhalle Palacio de Hielo zur Totenhalle umfunktioniert.

Zu wenig Personal, zu wenig Ausrüstung

Solche Zustände hätte man bis vor Kurzem eher in Entwicklungsländern vermutet. Aber in Spanien? Das (steuerfinanzierte) Gesundheitssystem des Landes galt als robust und solide, die Weltgesundheitsorganisation WHO stuft es als siebtbestes der Welt ein. Wie kann das sein?

Nieves Contreras arbeitet in der Notaufnahme des Madrider Krankenhauses Ramón y Cajal Doppelschichten. Die 51-jährige Krankenschwester klingt erschöpft. Die Zahl der eingelieferten Patienten wachse täglich, sagt sie am Telefon. Inzwischen habe man zwei Drittel der Sprechzimmer der Fachärzte in Behandlungszimmer umfunktioniert und in jedes Doppelzimmer ein zusätzliches Bett geschoben. Demnächst werde man auch auf die Flure zurückgreifen müssen. "Wir erleben Situationen, die wir nie für möglich gehalten hätten", sagt Contreras. "Die Notaufnahme ist voll, aber es herrscht absolute Totenstille. Wer eingeliefert wird, rechnet damit zu sterben." Kein Gesundheitssystem der Welt sei auf einen so rasanten Anstieg und auf so dramatische Verläufe vorbereitet.

Elena Gómez García aus dem benachbarten Universitätsklinikum La Paz pflichtet ihr bei. Die 48-Jährige ist eigentlich Gesichts- und Kieferchirurgin, doch wie fast alle Ärztinnen und Ärzte kümmert sie sich jetzt fast ausschließlich um Covid19-Patienten. Noch ist es in Spanien nicht so schlimm wie in Italien, wo teils strikt nach Alter entschieden wird, ob ein Patient ans Beatmungsgerät angeschlossen wird oder nicht - doch Gómez fürchtet, dass sich das bald ändert. Um die Erkrankten behandeln zu können, nutzen die Kliniken inzwischen auch Beatmungsgeräte aus den Operationssälen und haben alle nicht lebensnotwendigen Operationen verschoben. Aber die Ressourcen - sowohl die personellen wie auch die materiellen - sind knapp.

Jesús Padilla sagt, das sei eine direkte Folge der schweren Wirtschaftskrise, die das Land vor einigen Jahren im Griff hatte. Padilla, ein Hausarzt aus dem Madrider Norden, gilt als profilierter Kritiker der spanischen Gesundheitspolitik. Er hat ein Buch geschrieben mit dem plakativen Titel Wen werden wir als nächstes sterben lassen? und keinen Zweifel daran, wer hauptsächlich für die dramatische Situation in den Krankenhäusern verantwortlich ist: die Regierung. Sie habe während der Wirtschaftskrise ab dem Jahr 2010 versucht, das Land mit rigiden Sparmaßnahmen im Sozialbereich krisenfit zu machen – mit fatalen Folgen, sagt Padilla. "Das Virus hatte hier ein leichtes Spiel, weil es auf ein geschwächtes System traf."

Um Personal zu sparen, wurden damals Stellen im Gesundheitswesen nicht neu besetzt. Allein in Madrid seien in sieben Jahren 3.000 Stellen weggefallen, sagt Padilla. Noch heute gibt die Hauptstadtregion, eine der wohlhabendsten des Landes, nur 3,7 Prozent ihres Bruttosozialprodukts für das Gesundheitssystem aus, im spanischen Mittel sind es 5,4 Prozent. Padilla nennt das einen Skandal. 

Zwar wurde der Einstellungsstopp im Gesundheitswesen seit 2017 sukzessive zurückgenommen, aber der Standort Spanien ist für Ärztinnen und Ärzte wenig attraktiv. 5.400 Ärzte, Ärztinnen, Krankenpfleger fehlen. Mit einem durchschnittlichen Nettoverdienst von 2.500 Euro liegt der Durchschnittslohn im europäischen Vergleich am unteren Ende der Skala, das Durchschnittsalter dagegen ist hoch. "Junge und ehrgeizige Absolventen sind in letzter Zeit massiv ins Ausland abgewandert", sagt Padilla. "Auch das führt dazu, dass die Ärzte in Spanien vergleichsweise alt sind – das rächt sich jetzt." Denn mit hohem Alter steigt auch das Infektionsrisiko, zwölf Prozent der Covid19-Patienten sind Menschen, die im Gesundheitssektor arbeiten. 

Drei Masken für fünf Pflegende

Hinzu kommt der Materialmangel. Bei ihrem letzten Spätdienst hätte es für drei Krankenschwestern und zwei Pfleger im Krankenhaus Ramón y Cajal, einer der spanischen Vorzeigekliniken, lediglich drei FFP2-Atemschutzmasken gegeben, sagt die Krankenschwester Contreras. Die Kittel desinfiziere man einmal täglich selbst. "Diese Hygienebedingungen machen uns alle nervös: Schließlich haben viele von uns ältere Menschen zu Hause – und das Letzte, was wir wollen, ist, sie anzustecken." Für die Ärzte sehe das Protokoll, das die Erstdiagnose von Halsschmerzen und ähnlichen Erkrankungen regelt, inzwischen gar keinen Mundschutz mehr vor. "Ich habe den Eindruck, dass das Hauptkriterium für die Protokolle inzwischen das Material ist – und nicht die tatsächlichen Erfordernisse." 

Wurde wegen der knappen Ressourcen in Spanien zu wenig und zu spät getestet? Wurde das Personal zu spät aufgestockt? Der Alarmzustand zu zögerlich verhängt? Elena Gómez Garcia seufzt am Telefon. "Wir wissen es einfach nicht", sagt die Ärztin. "Uns fehlen noch zu viele Daten für eine eindeutige Diagnose." Noch steigt die Epidemiekurve rapide an. Allein für den Dienstag vermeldete das Gesundheitsministerium 514 Todesfälle. Es ist ein neuer Rekord. 

Greifen die Maßnahmen der Regierung gegen die Pandemie, wird die Kurve in den nächsten Wochen abflachen. Doch überstanden sei die Corona-Krise damit noch lange nicht, glaubt Nieves Contreras. Die Szenen, die sie in ihrer Klinik erlebt, gehen ihr nicht mehr aus dem Kopf. Sie fürchtet einen drastischen Anstieg von Depressionen und anderen psychischen Krankheiten. "Es gibt so viele Menschen, die sich nicht von ihren Angehörigen verabschieden konnten und allein mit Trauer, Angst, Verzweiflung zurechtkommen müssen." Die Wirtschaft werde sich irgendwann erholen, aber die gesundheitlichen Langzeitfolgen könnten Spanien noch lange beschäftigen – in der Gesellschaft und in der Politik. 

Jesús Padilla versucht sich derweil in Zweckoptimismus. "Wenn die akute Phase der Krise vorbei ist, müssen wir alles tun, um unser Gesundheitssystem auszubauen und robuster zu machen", sagt der Gesundheitsexperte. "Nur dann werden wir für die Zukunft gewappnet sein." Denn die nächste Pandemie kommt bestimmt.     

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