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Lustgärten und Totenstädte: Paradiesvorstellungen abseits vom Garten Eden


Wenn wir sterben, kommen wir ins Paradies, jenen mythischen Ort, „wo Milch und Honig fließt“. So zumindest der Glaube in jüdisch-christlich-islamischen Religionen. Doch was passiert mit Menschen, die weder Abraham, noch Jesus oder Mohammed kennen?


„Der Mensch ist das Tier, das weiß, dass es sterben muss“, lautet die nüchterne Aussage unter Anthropologen. Seit die Menschheit die Endlichkeit ihres physischen Daseins erkannte wurde, quält sie die Frage: was kommt „danach“? Das Nichts? Die Auslöschung des „Ich“? Das klingt beunruhigend. Nicht für alle, wie man im Hinduismus sieht. Doch die Sehnsucht, dass es nach dem Tod irgendwie, in der einen oder anderen Weise weitergeht, ist in fast allen Kulturen vorhanden.


Bereits archäologische Grabfunden belegen den Glauben an die Existens eines Jenseits. Den Verstorbenen wurden Kleidung, Lebensmittel, Münzen und sogar Waffen beigelegt, damit es ihnen dort, wo sie nach dem Tod hinkommen, an nichts mangelt. Damit einher ging auch die Vorstellung, dass das Leben im Jenseits dem diesseitigen ähnlich ist.


Eine solche Analogie des irdischen Lebens im Jenseits, lässt sich in vielen indigenen Gesellschaften beobachten, so der Soziologe Alois Hahn. Das „Paradies“ unterscheidet sich nicht wesentlich vom Leben im Diesseits. Was lediglich fehlt, sind die Mühen und „leidvollen“ Lebensumstände.



Ein königliche Stadt inmitten einer schönen Flußlandschaft und ein Baum der ewigen Jugend


So zum Beispiel bei dem Volk Ngadju Dajak in Indonesien. Das Land der Toten ist eine „reiche Stadt mit goldenem Sande und blitzenden Diamanten“, heißt es in Hans-Jürg Brauns „Das Jenseits“. Sogar die „Steinerölle“ sind aus Achat. Das „Leben“ ist wie im Diesseits, nur besser. Die Verstorbenen gehen weiterhin ihren Tätigkeiten nach – sie bebauen Felder, gehen zur Jagd, fischen. Nur dass sie nie Mangel erfahren müssen. Es gibt keine Mißernten, die Jagd und Fischerei ist stets von Erfolg gekennzeichnet. Doch offenbar ist man auch im Jenseits nicht vor Vergänglichkeit und Alter sicher. Allerdings gibt es auch dafür ein Gegenmittel: Im Mittelpunkt der Stadt befindet sich ein See, der übersetzt „Freude des Lebens“ heißt. Darin liegt eine Insel, aus deren Mitte ein mächtiger Baum emporragt, und durch dessen Knorren verjüngendes Lebenswasser pulsiert.



Drei Totenstädte für die Gerechten, die „Nichtswürdigen“ und die Mörder


Nach Ansicht der Ewe, einer indigenen Gesellschaft im Süden Togos, gelangt die Seele des Verstorbenen, nach einer Wanderung über den Agu-Berg und über den Fluss nach Awe Ga, „die große Heimat“. Diese besteht aus drei Totenstädten. Darin leben, strikt voneinander getrennt, die guten Geister, die „Nichtswürdigen“ und die Mörder. Wer in die Stadt der Guten gelangt, der wird von deren Bewohnern freudig empfangen und in sein Haus geleitet. Dort warten schon seine Ahnen auf ihn, denen er die mitgebrachten Geschenke überreicht. Die Ankunft der Seele in der Totenstadt ist ein freudiges Ereignis und es wird ausgelassen gefeiert. Doch eine Pflicht hat die Seele doch noch zu erfüllen, bevor sie sich in seinem Haus niederlassen kann. Die ersten drei Jahre muss sie für den Herrscher der Unterwelt, Gatsikui, arbeiten. Ist diese Pflicht - die offenbar für alle gilt, Rechtschaffene wie Mörder - erfüllt, steht dem Leben in der Totenstadt nichts mehr im Wege. Auch hier gehen die Toten ähnlichen Tätigkeiten nach, wie zu Lebzeiten. Allerdings erscheint die Welt im Jenseits komplett spiegelverkehrt. Wenn hier Tag ist, ist es in den Totenstädten Nacht, wenn hier Sommer ist, dann dort Winter. Bei Nahrungsknappheit, was wohl auch im Jenseits passiert, müssen die Toten diese von den Lebenden fordern. Daher ist es bei den Ewe Brauch, immer etwas von den Speisen auf den Boden zu werfen als Gabe an die Ahnen.



Und dann doch: blühende Lustgärten


Daneben gibt es Paradiesvorstellungen, in denen das Leben nach dem Tod einem wahren Fest gleicht. Das Paradies als eine Stätte ewiger Glückseligkeit. Und keiner muss arbeiten. Es mangelt nicht an seelischem und leiblichen Wohl. Die jüdisch-christlich-islamischen „Paradiese“ zählen hierzu.


Das Paradies bei den Parsen, den Anhängern Zarathustras, die ursprünglich aus Iran kamen und heute überwiegend in Indien leben, ist eine wahre Ode an das Sinnliche.

Zugang zum Paradies bekommen alle, die zu Lebzeiten „reich an guten Gedanken, guten Worten und guten Taten“ waren. Trifft dies ein, schreibt Bernheim Stavrides in „Welt der Paradiese, Paradiese der Welt“, so erscheint der Seele am vierten Tag nach dem Tod ein wunderschönes junges Mädchen. Es ist Daena, die Verkörperung des „guten Bewusstseins“ des Verstorbenen. Über eine schmale Brücke führt sie die Seele ins Paradies, wo sie vom Gott Ahura Mazda empfangen wird.

Dem Heiligen Arda Wiraf ist es gelungen, einst das Paradies zu besuchen. In seinen Beschreibungen ist das Paradies in verschiedene Sphären gegliedert. In der ersten, der „Sphäre der Sterne“, leben die „verdienstvollen Seelen“. Mit jedem weiteren Schritt, den er tat, passierte er weitere Sphären - die Sphäre des Mondes und die Sphäre der Sonne. Schließlich erreichte er das Paradies der „ewigen Glückseligkeit“. Darin, so Arda Wiraf, erblickte er die Seelen von Königen und Kaisern. Ihre Rüstungen waren aus purem Gold, die Kleider der „frommen Frauen“ mit Edelsteinen bestickt. Die Arbeiter erkannte man an ihren „sternübersäten Gewändern“. Und im Garten wuchsen „alle süßduftenden Blumen“ und „sämtliche Wunderdinge der Welt“.




Paradiesvorstellungen – Erklärungen aus soziologischer Sicht


Nicht immer ist das Paradies ein „Garten“, wie wir das aus Jenseitsvorstellungen des Judentums, des Christentums oder des Islam kennen. Vielmehr scheint die Umgebung, in der die jeweilige Gesellschaft ihr diesseitiges Dasein verbringt, für die jeweilige Jenseitsvorstellung Modell zu stehen.


Und meist ist die Jenseitsvorstellung eine höchst „irdische“ Vorstellung von einem glücklichen Leben, vom Glück. Welche ist das? Ein Leben ohne Müh' und Not, ein Leben im Überfluss. „Das Paradies“ so Hahn, „bietet den mühelosen, weder durch Tod noch durch Krankheit, weder durch Mißernte noch durch Hungersnöte unterbrochenen Genuss dessen, was als irdisches Glück einer einfachen Ackerbaugesellschaft erscheint.“ Es sind kollektive Bilder von „Glück“.


Ob Totenstädte oder ewig grüne Wonnegärten – wenn auch die Vorstellungen von einem Leben nach dem Tod sich von Kultur zu Kultur unterschieden, was die Spezies Mensch eint ist offensichtlich der Glaube daran, dass der Tod nicht das Ende ist. Dass Gerechtigkeit siegt. Und dass der Sinn des Sein ist: das Glücklich-Sein.