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Bedingungsloses Geben erwartet keinen Dank


Schenken macht Freude. Es gehört zu den schönsten zwischenmenschlichen Aktionen, die wir von klein auf lernen. In der Regel möchten wir durch diesen Akt dem Gegenüber unsere Verbundenheit zeigen und Freude bereiten. Vom Beschenkten erwarten wir dabei keine Gegenleistung. Doch wie reagieren wir, wenn Freude und Dankbarkeit ausbleiben?



Hält uns jemand die Tür auf, macht ein Kompliment oder lobt uns für gute Arbeit, so reagieren wir in der Regel stets mit einer freundlichen Geste, gefolgt von einem schlichten Wort: wir sagen „Danke“. Dankbar zu sein für eine uns entgegengebrachte Aufmerksamkeit und diese Dankbarkeit unserem Gegenüber zu zeigen gehört zu den ersten Benimmregeln, die wir von unseren Eltern eingetrichtert bekommen und die wir eifrig unsere eigenen Kinder lehren. Mit Sätzen wie „Sag schön danke!“ oder „Was sagt man da?“ wollen wir sie zu höflichen und dankbaren Menschen erziehen.



DIE RITUALE DES SCHENKENS


Die typischste Situation, in der wir das Dankbarkeit erlernen ist das Schenken, oder eher das Beschenkt-werden. Zahlreiche sozialwissenschaftliche Studien haben sich mit dem Schenkphänomen befasst. „Schenken gehört zu einer der positivsten zwischenmenschlichen sozialen Handlungen“, schreibt etwa der Soziologe Friedrich Rost. Dabei unterscheidet er zwischen anlassgebundenen Pflichtgeschenken, wie dies etwa bei Staatsbesuchen der Fall ist und dem überraschenden Schenken, das allein dazu dient, den Beschenkten zu erfreuen, was Rost als „wirkliches Schenken“ bezeichnet.

Dies war nicht immer der Fall. In „Die Gabe. Form und Funktion des Austauschs in archaischen Gesellschaften“ beschrieb der französische Soziologe Marcel Mauss 1925 aufwendige Schenkzeremonien bei den Kwakiutl, einem indigenen Volk an der Küste Nordamerikas. Bei deren Schenkzeremonien, Potlatsch genannt, die zwischen zwei benachbarten und rivalisierenden Gruppen stattfanden, ging es beim gegenseitigen Beschenken einzig und allein darum, der anderen Gruppe durch das Darbringen der Geschenke Großzügigkeit und Wohlstand zu demonstrieren und sich gegenseitig zu übertrumpfen. Ähnliche Funktion hatten Geschenke im frühen Mittelalter im fränkischen Raum, wie der Historiker Jürgen Hannig herausfand.



DIE ERWARTUNGEN BEIM SCHENKEN


Erst der Aufstieg des wohlhabenden Bürgertums hat das Schenken zu dem gemacht, was es heute ist: Einem altruistischen Akt zur Festigung von (bestehenden) sozialen Beziehungen zwischen Individuen, die sich kennen. Heute gilt die Form des überraschenden, nicht anlassgebundenen Schenkens als - so der Soziologe Friedrich Rost - die edelste und eigentlich auch die aufrichtigste Form des Schenkens: „Überraschend für den Empfänger und ohne Erwartung auf Erwiderung seitens des Gebers.“

Doch stimmt es wirklich? Erwarten wir wirklich nichts, wenn wir jemanden beschenken, ihm etwas von uns geben? Nicht so ganz, denn oftmals, vielleicht sogar ohne es zu wissen, erwarten wir eine positive Reaktion auf unsere Aktion.

Vielleicht haben Sie es schon selbst einmal erlebt: Sie überreichen einem Bekannten ein Geschenk oder Sie werfen einem Obdachlosen eine Münze in die Schale – und als Reaktion kommt: nichts. Ein Dankeschön? Fehlanzeige. Der Bekannte lehnte das Geschenk vielleicht ab. Der Obdachlose kommentierte stattdessen schnippisch „Ey, warum so wenig?“

Machte sich dann vielleicht bei Ihnen ein ungutes Gefühl breit? Fühlten sie Empörung, ärgerten sich über diese „undankbaren“ Menschen und wünschen sich sogar, alles rückgängig zu machen, das Geschenk wieder mitzunehmen und das gespendete Geld aus der Schale zurückzuholen?

Offensichtlich erfolgte das Schenken und Geben doch nicht so bedingungslos, „ohne Erwartung auf Erwiderung“ schloss wohl eine Erwartung aus: nämlich jene, dass das Gegenüber seine Dankbarkeit zeigt.



BEDINGUNGSLOSES GEBEN HEIßT: NICHTS ERWARTEN


Selbstverständlich ist es ein schönes Gefühl, wenn Ihre großzügige Geste, die Spende an einen Bedürftigen, entsprechend honoriert wird. Aber es sollte nicht zur Bedingung gemacht werden. Jeder hört gerne ein „danke“. Wird diese Erwartung jedoch nicht erfüllt, kommt statt einem ursprünglich erwarteten positiven Gefühl ein negatives - die Enttäuschung. Der andere reagierte nicht so, wie ich es erwartet hatte.

„Erwartungen ruinieren Beziehungen“ lautet derweil das Mantra von Neale Donald Walsh, dem Autor des berühmten Buches „Gespräche mit Gott“. Übertragen auf die Beziehung zwischen dem Gebenden und dem Nehmenden bedeutet es: Wenn du von vornherein erwartest, dass dein Geben mit Dankbarkeit honoriert wird, dann ist es nicht bedingungslos.

Erwarte nichts, dann wirst du nicht enttäuscht, lautet ein ähnlicher Spruch im Volksmund. Auch wenn er zunächst mal pessimistisch anmuten mag – eine positive Lesart offenbart, dass dieser Spruch nichts anderes bedeutet als: Wir sollen unsere innere Verfassung, unsere Stimmungen und Gefühle nicht davon abhängig machen, ob das Umfeld, die Mitmenschen unser Tun und Wirken gebührend mit Dankbarkeit würdigen.

Wenn wir vom ganzen Herzen jemandem ein Geschenk machen, ihm eine Aufmerksamkeit zukommen lassen wollen – dann sollten wir es einfach tun! Und zwar ohne Erwartungen. Konsequent zu Ende gedacht heißt es also auch, sich nicht zu ärgern, wenn man für das Geben nichts zurück bekommt. 



WIRKLICH SCHENKEN MACHT FREUDE


Das „wirkliche“ Schenken ist, wie Rost bemerkte, ein Schenken „ohne Erwartung auf Erwiderung“.

Denn warum macht Verschenken dem Schenkenden Freude? Laut Walsh ist der Grund ganz einfach: Keiner kann geben, was er nicht schon hat. Das gilt sowohl für die materiellen als auch immateriellen Dinge. Ob ich Geld- oder Sachspenden an Hilfsbedürftige verteile, mich in meiner Freizeit ehrenamtlich in einem gemeinnützigen Verein engagiere, oder meinen Mitmenschen im Alltag kleine Aufmerksamkeiten zukommen lasse. Es gilt: Ich gebe etwas von mir - Freundschaft, Liebe, Geld - weil ich es habe und es mit anderen teilen will. Weil ich nicht anders kann.

Dieses bedingungslose Geben kann für den Gebenden nur pure Freude bedeuten. Erwartung bedeutet ich spüre einen Mangel, mir fehlt etwas. Bedingungsloses Geben heißt Überfluss. Ich habe etwas zu geben. Keine Erwartungen zu haben heißt, mit sich selbst und mit dem eigenen Leben im Reinen zu sein.



„WEIL ES DICH GIBT, GEBE ICH DIR"


Eine weitere Möglichkeit, sich an ein Geben ohne Erwartungen, ein Geben ohne Bedingungen zu erinnern ist es, an diese zauberhafte Zeit zurückzudenken, als man sein Neugeborenes erstmals in den Armen hielt, in seine kleinen Augen blickte und sich dachte: Dir lege ich die Welt zu Füßen!

Von unseren Kindern erwarten wir - zumindest bis zu einem bestimmten Alter – nichts.

Wie denn auch? Kinder sind wahre Egoisten. Ich-bezogen leben sie in ihrer eigenen Welt. Sie fordern, sie wollen haben, sie sind der Mittelpunkt, um den sich alles dreht.

Dankbarkeit nach außen zu kommunizieren gehört in den ersten Jahren noch nicht zu ihrem Repertoire. Und den Eltern macht es nichts aus! Allein die Liebe zu den Kindern und die empfundene Dankbarkeit, dass es sie gibt, macht es möglich.


Bedingungsloses Geben erwartet keinen Dank. Sollte es nicht. Denn wenn wir uns vor Augen führen, dass wir alle Eins sind, nach Gottes Ebenbild erschaffen, so schenken wir eigentlich in dem Augenblick, in dem wir jemand anderen beschenken, auch uns selbst. Hierin liegt der Zauber des bedingungslosen Gebens.