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Reportage

An der Wurzel gepackt

Süddeutsche Zeitung | 15.4.2014 | SZ-Serie Start-up-Citys |

Im Nordosten Nairobis soll ein Start-up dabei helfen, dass
"Gemüsemuttis" Menschen in den Slums besser
versorgen können.
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Suraj Gudka, 21, sitzt an einem schmalen Tisch im oberen Stock
eines schlammgrünen Neubaus aus Glas und Beton. Im
vergangenen Sommer hat er sein Studium an der London School
of Economics beendet, nun bereitet er hier an der Ngong Road, im
Westen von Kenias Hauptstadt Nairobi, den Start einer neuen
Einkaufsplattform vor. Nicht für kaufsüchtige Gleichaltrige, die
nach angesagten Klamotten suchen. Sondern für die Mama
Mbogas im Slum von Mathare. Diese „Gemüsemuttis“, wie man
sie wörtlich übersetzt im Deutschen nennen würde, sind Frauen,
die morgens auf weit entfernten Großmärkten Obst und Gemüse
einkaufen, um es dann an die Slumbewohner zu verkaufen. „Die
kämpfen täglich mit zwei großen Problemen: Erstens brauchen sie
jeden Morgen etwa zwei Stunden, um auf den Märkten frische
Produkte einzukaufen. Zweitens kostet sie jede Fahrt 100
Schilling, das sind zehn bis fünfzehn Prozent ihres Einkommens“,
sagt Suraj Gudka. Deshalb sammelt sein Start-up Sokotext die
Bestellungen per SMS und übernimmt den Einkauf für die Frauen.
Der wird ins eigene Warenlager im Slum Mathare im Nordosten
Nairobis gebracht, wo die Mama Mbogas ihre Bestellungen zu Fuß
abholen und bezahlen können.Weil Sokotext Mengenrabatt auf die
Früchte bekommt, bleibt auch etwas bei dem Start-up hängen. Die
Händlerinnen sparen ihrerseits Geld und Zeit für den Transport.

Gudka – Hornbrille, Karohemd, brav gescheitelt – ist einer von
zahlreichen Gründern, die in der Ngong Road an ihren Ideen
schrauben. Im selben Gebäude liegt der iHub, der zentrale
Treffpunkt für Entwickler und jene, die ihre Nähe suchen.
„Mittlerweile hat der iHub auch eine eigene
Forschungsabteilung“, sagt Direktor Josiah Mugambi, „aber
unsere Hauptaufgabe ist nach wie vor, den Austausch in und mit
der Technologiegemeinde zu fördern.“ Gerade wirbt zum Beispiel
ein Mitarbeiter der Vereinten Nationen in einem Vortrag vor
Entwicklern dafür, sich auch für die großen humanitären Probleme
zu engagieren – zum Beispiel in Kenias Flüchtlingslagern.
Technologie als Heilsbringer: Diese Botschaft weht durch das
Gebäude. Mal als zarte Hoffnung, mal als grenzenloser
Optimismus. Diese Zuversicht ist zwar weltweit in der
Technologie-Szene verbreitet. Doch sie hat eine andere
Dringlichkeit in einem Land wie Kenia, wo fast die Hälfte der 43
Millionen Bewohner als arm eingestuft wird. Aber brüten Kenias
Entwickler deshalb vor allem über Ideen zur Armutsbekämpfung?

Marissa Drouillard hat versucht, eine Antwort auf diese Frage zu
finden. Sie leitete die Studie „Digital Entrepreneurship in Kenya
2014“ der Mobilfunkbranchenvereinigung GSM Association
(GSMA). Ihr Team befragte etwa 300 Jungunternehmer und
rechnete aus, wie viele als Zielgruppe ihres Geschäfts die breite
Masse der Armen angaben. „Es sind vier Prozent – niedrig, wenn
man Kenias demografische Situation bedenkt“, sagt Drouillard.
Doch gleichzeitig sei „der am häufigsten genannte Grund, um ein
Geschäft zu gründen: einen im Markt noch nicht gedeckten Bedarf
zu stillen“. In Kenia, davon ist Philip Walton überzeugt, ist solch
ein Bedarf elementarer als in Industrieländern.

Walton, in Westafrika aufgewachsener Amerikaner, gehört zu der
wachsenden Gruppe Ausländer, die von Nairobis
Gründerstimmung angezogen werden. Angekommen vor drei
Jahren, arbeitet er mit einem kleinen Team an BRCK, einem windund
wettertauglichen Router für Afrika. In Industrieländern, meint
Walton, „da macht man sich nur noch Sorgen, ob man sein
Thermostat vom Smartphone aus einstellen kann“. Ein Blick auf
die Investoren bestätigt seine Sicht. „Die meisten der auf Kenia
konzentrierten Risikokapitalgeber in unserer Umfrage sind
‚Impact‘-Investoren“, sagt Drouillard von GSMA. Solche
Investoren geben ihr Geld ausschließlich an Unternehmen, die ein
gesellschaftliches Problem angehen – und eine Lösung
vorschlagen. Etliche dieser Lösungen sind überhaupt erst möglich,
seit vor fünf Jahren die ersten Unterseekabel für schnelle
Datenverbindungen südlich der Sahara andockten. Mittlerweile
sind es fast ein Dutzend. Die Geschwindigkeit, mit der Daten
transportiert werden, ist dadurch deutlich gestiegen, die Tarife
stark gefallen. Auf diesem Boden baut die Gründerlandschaft.
Kopo Kopo, zum Beispiel, hat gerade 2,6 Millionen US-Dollar bei
Risikokapitalgebern eingesammelt. Vor drei Jahren teilte sich
Gründer Ben Lyon noch einen Schreibtisch im iHub. Heute sitzt
er, nur ein paar Häuser entfernt von Suraj Gudka, mit 40
Angestellten in einem Großraumbüro. „Ich fand immer
faszinierend, wie dort, wo eine funktionierende Infrastruktur fehlt,
alternative wirtschaftliche Strukturen entstehen“, sagt der
27-Jährige. Schon während des Studiums hat er sich auf die
Wirtschaft Ostafrikas spezialisiert.

Vergleichbar mit dem amerikanischen Unternehmen Square sind
Kopo Kopos Kunden Einzelhändler, die ihren eigenen Kunden die
Bezahlung so bequem wie möglich machen wollen. Während aber
Square Kleinunternehmern ermöglicht, ihr Smartphone in einen
Kreditkartenleser zu verwandeln, hat Kopo Kopo das liebste
Zahlungsmittel der Kenianer im Blick: M-Pesa. So heißt die
Bezahlmethode des größten Mobilfunkanbieters, die 18 Millionen
Kenianer nutzen, fast jeder zweite also. Es ist die weltweit
erfolgreichste Methode für mobiles Bezahlen: Man bringt sein
Bargeld zu einem der Zehntausenden akkreditierten
M-Pesa-Agenten, zahlt ein und erhält den Gegenwert aufs
Handy-Konto gutgeschrieben. Überweisungen von Handy zu
Handy, Auszahlung beim nächsten M-Pesa-Agenten – alles
kinderleicht. Nur Geschäftsinhaber hatten bislang wenig Freude
daran, unter anderem, weil es für Käufer ein Leichtes war, etwas
zu kaufen und danach die Bezahlung rückgängig zu machen. Diese
Lücke schließt Kopo Kopo, mit eigener Software und in
Zusammenarbeit mit dem Mobilfunkanbieter.

12 000 Unternehmer hat Lyon unter Vertrag. Eine von ihnen ist
Wambui Ng’ayu. „Als wir vor einem Jahr eröffneten, hat fast jede
Kundin gefragt, ob sie mit M-Pesa bezahlen kann“, erinnert sich
die Betreiberin eines Friseursalons für Kinder. Zwischen
bonbonfarbenen Kissen, roten Karussellautos und ovalen Spiegeln
erzählt die 31-Jährige, dass mittlerweile 70 Prozent ihrer
Einnahmen aus Handy-Überweisungen mit M-Pesa stammen. „Es
ist einfach die bequemste Art zu bezahlen.“ Lyons Firma Kopo
Kopo hat etwas geschafft, was laut der GSMA-Umfrage bisher nur
wenigen Start-ups in Kenia geglückt ist: eine erfolgreiche
Kooperation mit einem Mobilfunkkonzern einzugehen. In den
USA können Start-ups mit guten Ideen an unterschiedlichste
Konzerne andocken, an Internetunternehmen wie Google oder
auch an eine Bank wie im Fall von Square. In Kenia sind die
Mobilfunkanbieter die naheliegendste Wahl. Denn das Handy ist
das am weitesten verbreitete Gerät, 99 Prozent aller Menschen, die
ins Internet gehen, erledigen dies über ihr Handy.

Zurück in der Ngong Road arbeitet Suraj Gudka unter Hochdruck.
Das Warenlager für die Gemüseverkäuferinnen ist nicht pünktlich
fertig geworden – der Start muss noch einmal verschoben werden.
Ben Lyon denkt schon in anderen Dimensionen. Die 2,6 Millionen
Dollar will er nutzen, um Kopo Kopo über Ostafrika hinaus zu
etablieren. In welchem Land? Kopo Kopo denkt groß. „In keinem
einzelnen Land. Der nächste Schritt ist die weltweite
Vermarktung.“