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Zwischen Selbstverwirklichung und Fremdbestimmung

Der große Lebenstraum, aus dem die Motivation für tägliche Aufgaben entsteht, ist ein schöner Gedanke. Was aber, wenn der Erfolg zum Pyrrhussieg wird, der zu viel Lebensfreude, Zeit und Kraft kostet? Ist das dann noch Selbstverwirklichung?

Der Kulturwissenschaftler Andreas Reckwitz hat eine kluge Gesellschaftstheorie entwickelt, die zeigt, wie viel sozialer Einfluss auch in individuellen Lebensvorstellungen steckt. Seine Grundthese: »Besonderes« zu tun ist heute ein gesellschaftlicher Imperativ. Das extravagante Leben hat das angepasste als Ideal abgelöst. Aberwitzigerweise entsteht dadurch eine Art Zwang zur Besonderheit, denn diese macht das Individuum gegenüber anderen als Persönlichkeit attraktiv, stellt Reckwitz fest. In der Arbeitswelt, aber auch im Lebensstil gilt es permanent zu beweisen: Ich bin einzigartig und leiste tolle Dinge.

Als Ursachen dieser Entwicklung sieht Reckwitz vor allem eine zunehmende Akademisierung. Die inzwischen auf ein Drittel der Bevölkerung angeschwollene Akademikergruppe vertrete andere Werte als der frühere Mittelstand und bringe sie fordernd in die Gesellschaft ein. Im Fokus steht nun nicht mehr, den Nachbarn ebenbürtige Statussymbole anzuhäufen, sondern Anerkennung über ungewöhnliche Erlebnisse, Talente, Äußerlichkeiten und Taten zu erlangen.

Ist Selbstverwirklichung ein Luxus?

Das, was Reckwitz beschreibt, könnte für Freigeister im Grunde eine Idealwelt sein, denn sich entfalten dürfen und dafür respektiert zu werden, das wünschen sich sehr viele Menschen. Allerdings hat nicht jeder die Voraussetzungen, diese Freiheit auch auszuschöpfen. Als gesellschaftliche Maxime baut Selbstverwirklichung sehr viel Druck auf.

Was ist mit denen, die kein extravagantes Leben führen (können), weil sie zum Beispiel fernab einer Bildungsschicht aufwachsen, in der sie permanent an ihren Talenten feilen dürfen? Selbstverwirklichung, das ist eigentlich ein Luxus. Der Philosoph Richard David Precht geht sogar noch weiter, beschreibt sie gar als bedrohlich. »Wir sind gezwungen, uns selbst zu verwirklichen, weil wir ohne diese ‚Selbstverwirklichung‘ augenscheinlich gar nichts sind. Und uns verwirklichen heißt nichts anderes als auswählen aus Möglichkeiten. Wer keine Wahl hat, kann sich gar nicht selbst verwirklichen«, schreibt Precht. Und Menschen, die nicht wählen können, gibt es viele.


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