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Interview

Seawatch: "Lieber Tod auf See als zurück nach Libyen"


Neben der „Open Arms“ ist die „Aquarius“ derzeit das einzige Rettungsschiff, das noch vor der libyschen Küste in internationalen Gewässern nach in Seenot geratenen Flüchtlingen suchen kann. Der deutsche Kapitän der „Lifeline“, Claus-Peter Reisch, muss sich vor Gericht verantworten. Die „Sea Watch 3“ hängt derzeit in Malta fest. Ein Gespräch mit Seenotretter Ruben Neugebauer, warum Aufhören trotzdem keine Alternative ist.

Ruben Neugebauer, Sie arbeiten seit drei Jahren in der privaten Seenotrettung. Derzeit hängt Ihr Schiff fest – wegen Verfahrensfragen. Was treibt Sie an, weiter zu machen?

Drei Rettungsschiffe werden seit mehr als einem Monat in Malta festgehalten, wegen angeblicher Registrierungsfragen. Der Flaggenstaat, die Niederlande, hat im Fall unseres Schiffes, der „Sea Watch 3“, die korrekte Registrierung nach einer zweitägigen Inspektion des Schiffes jedoch längst bestätigt. Auch die Tatsache, dass unser Aufklärungsflugzeug „Moonbird“ ohne Angabe von Gründen nicht mehr in den Einsatz darf, zeigt mehr als deutlich, dass es hier nicht um Papierkram geht, sondern darum, das Mittelmeer zu einer menschenrechtsfreien Zone zu machen, das dürfen wir nicht zulassen. Die Todesrate auf dem Mittelmeer ist laut UNHCR massiv angestiegen, seit zivile Rettungskräfte behindert werden. Der Juni 2018 war der tödlichste Juni seit Beginn der Aufzeichnungen. Als wir 2015 unseren Einsatz starteten haben wir immer gesagt, wir arbeiten daran uns selbst überflüssig zu machen, leider ist er immer noch bitter nötig.

Was sagen Sie zu den Vorwürfen, Sie würden illegalen Schleppern zuarbeiten?

Wir sind ja mit einer ganzen Reihe von Vorwürfen konfrontiert. Da läuft eine massive Kriminalisierungskampagne, auch Mitglieder des Bundestages sind daran beteiligt, nichts davon stimmt. Es hieß etwa von einem italienischen Staatsanwalt, wir würden Lichtsignale an die libysche Küste geben – das haut allein schon geographisch nicht hin, schließlich ist die Erde keine Scheibe. Auch wird uns vorgeworfen, wir würden die Menschen auf das Wasser locken und dass ohne uns niemand versuchen würde, das Mittelmeer zu überqueren. Das hört sich erstmal schlüssig an, ist aber ebenso falsch. Wir sind eine Reaktion auf das Problem, dass dort Leute ertrinken, nicht umgekehrt. Es gibt mehrere Studien, die belegen, dass es eben keinen Zusammenhang zwischen der Anwesenheit von Rettungskräften und der Anzahl Flüchtender gibt. Das ist auch logisch, die Menschen riskieren ihr Leben ja nicht, weil es Rettungskräfte gibt, sondern, weil das Meer immer noch sicherer ist als ihr Herkunftsland. Will man verhindern, dass Menschen sich Hoffnung auf Rettung machen, müsste man im Übrigen auch die Handelsschifffahrt auf dem Mittelmeer verbieten. Mit derselben Logik könnte man auch die Bergwacht verbieten: Die meisten Menschen, die in den Bergen verunglücken, haben sich schließlich selbst in Gefahr gebracht. Man könnte auch mal diskutieren, ob man Rauchern die Krebsbehandlung streicht - oder bei einem Motorradunfall einfach mal keinen Rettungswagen schickt, damit andere sich dadurch nicht ermutigt fühlen, sich ebenfalls in Gefahr zu bringen. Das ist absolut zynisch, aber auf diesem Niveau bewegt sich die Debatte aktuell leider.

Wie laufen die Rettungen ab?

Zunächst geht es darum, das Überleben zu sichern. Dazu gehört, dass alle auf einem in Seenot geratenen Boot Rettungswesten bekommen. Das ist übrigens etwas, was die von der EU ausgebildete und von der Bundesregierung unterstützte libysche Küstenwache nicht beachtet, weswegen es hier regelmäßig zu vermeidbaren Toten kommt. Wenn die Situation stabilisiert ist, bringen wir die Menschen an Bord unseres Schiffes, wo sie dann erstversorgt werden. Dazu steht unser medizinisches Team und unser Bordkrankenhaus bereit. Außerdem wird dann erstmal für alle gekocht. Immer wieder gibt es Probleme mit Unterernährung.

Wie erleben Sie die Menschen?

Was die meisten Flüchtenden in Libyen durchleben müssen, ist unfassbar. Immer wieder treffen wir Menschen, die gefoltert wurden. Vor allem aber treffen wir viele Personen, die mehrfach versucht haben, zu fliehen und die immer wieder von der sogenannten libyschen Küstenwache aufgegriffen wurden. Viele wurden mehrfach inhaftiert, mussten Lösegeld zahlen. Bei meinem letzten Einsatz erzählte mir jemand, dass ein Freund von ihm in Haft erschossen wurde.

Sie haben vor ihrer Rettung nicht nur die libyschen Lager, sondern oft eine tagelange Odyssee in nicht seetauglichen, überfüllten Booten hinter sich, sind erschöpft und weisen häufig Verletzungen wie Verätzungen durch das Salzwasser-Benzin-Gemisch auf, das sich in den Booten sammelt. Wirklich niemand sollte auf eine Flucht unter diesen Umständen angewiesen sein.

Zuletzt waren auffallend viele Minderjährige unter den Geflüchteten – ist das immer so? Wer flieht?

Tatsächlich nehmen wir eine Zunahme minderjähriger Geflüchteter wahr. Das ist problematisch, weil diese natürlich in besonderem Maße gefährdet sind.  

Was erwartet Flüchtlinge, wenn sie nach Libyen zurückgebracht würden?

Amnesty International und andere Menschenrechtsorganisationen berichten von systematischer Folter, Tötungen und Vergewaltigungen, Menschen werden auf Sklavenmärkten zum Verkauf angeboten. Das deckt sich auch mit dem, was uns Überlebende erzählen. Der Deutsche Auswärtige Dienst selbst war es, der in einem internen Bericht von KZ-ähnlichen Zuständen sprach. Gerettete sind oft stark unterernährt, weisen Folterspuren auf und erzählen uns immer wieder von den unvorstellbaren Dingen, die sie durchleben mussten. Viele sagen, dass sie lieber auf dem Meer sterben würden, als zurück nach Libyen zu gehen.

Halten Sie private Seenotrettung derzeit für alternativlos?

Was wir ganz kurzfristig brauchen, ist ein Seenotrettungsprogramm seitens der EU, bei dem das Völkerrecht, die Genfer Flüchtlingskonvention und die Europäische Menschenrechtskonvention eingehalten werden. Europa muss sich zwischen der Einhaltung der Menschenrechte und Migrationsabwehr entscheiden. Eigentlich muss es darum gehen, dass die Leute gar nicht erst auf den Booten landen, deshalb braucht es dringend eine Debatte über ein europäisches Migrationsrecht, das diesen Namen auch verdient. Dazu gehören auch legale und sichere Einreisewege. Bis dahin trägt die Bundesregierung eine Mitverantwortung für diese Menschenrechtsverletzungen auf täglicher Basis. Ich finde es schäbig, dass Grundrechtsverletzungen einfach an die sogenannte libysche Küstenwache ausgelagert werden. Leider hat auch die SPD hier aus unserer Sicht keine einheitliche Position.

Sind praktikable Lösungen in Sicht?

Praktikable Vorschläge gibt es, beispielsweise haben zahlreiche Städte in Deutschland sich bereit erklärt, Menschen aufzunehmen. Es ist nicht Aufgabe der Seenotrettungsorganisationen, hier detaillierte Konzepte zu erarbeiten, die Bewegung „Seebrücke“ zeigt aber, dass nach wie vor eine große Bereitschaft besteht, etwas zu tun. Zwei Drittel der Deutschen sind für private Seenotretter. Nach wie vor sind mehr Menschen in Deutschland aktive Unterstützer Geflüchteter, als die blauen Parteien AFD und CSU Stimmen bekommen. Wenn es um Grundrechte geht, darf es aber keine Kompromisse geben – die heißen nicht umsonst „unveräußerlich“.

Ruben Neugebauer war Fotojournalist, bevor er vor drei Jahren in der Seenotrettung aktiv wurde. Die Organisation Sea-Watch ist Ende 2014 aus einer Initiative von Freiwilligen entstanden und finanziert sich über Spenden.