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Onkel Martin plaudert aus seinem Leben

Drei Wochen nach Angela Merkel ließ sich auch SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz von vier YouTubern interviewen. Diesmal wurden nicht nur Fragen gestellt, die junge Menschen wirklich interessierten, Martin Schulz konnte sich auch gut in die Lebenswelt seiner Zuschauer einfinden. Ein Kommentar.

Nachdem vor drei Wochen Bundeskanzlerin Angela Merkel von vier YouTubern interviewt wurde, war nun SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz an der Reihe. Wieder prominent auf der Google-Startseite angekündigt, fand das Interview im YouTube-Space Berlin statt. Mit Mirko Drotschmann („MrWissen2go") und Lisa Sophie („ItsColeslaw") waren dabei schon zwei YouTuber aus dem ersten Interview dabei, neu hinzugekommen waren Michael Althaus („MarcelScorpion") und Nihan Sen („Nihan"). Wie beim Merkel Interview waren dabei vier Themenblöcke vorgesehen, in denen jeweils ein YouTuber mit Martin Schulz spricht. Dazwischen kurze Aufmacher-Videos von LeFloid.


Martin Schulz kennt immer irgendeinen, dem ähnliches widerfahren ist

Bereits der erste Themenblock zum Thema Integration war nah dran an den jungen Zuschauern. YouTuberin Nihan, deren Vater als Gastarbeiter nach Deutschland kam, erzählte aus ihrem Leben als Deutsch-Türkin und den damit einhergehenden Diskriminierungen im Alltag - etwa am Flughafen. Martin Schulz beantwortete die Frage mit der Geschichte eines Freundes, der ebenfalls Deutsch-Türke war und aufgrund von Diskriminierung schließlich in die Türkei ging. Sprachunterricht sei für ihn das Hauptmittel, um Integration zu fördern.

Generell war Schulz bei seinen Antworten viel persönlicher als Merkel und ließ selbst bei hochpolitischen Themen Anekdoten aus seinem eigenen Leben einfließen. So erzählte er beim Thema Tierschutz von seiner Frau, die sich für Tiere einsetzt oder verwies immer wieder auf seine eigene Vergangenheit als Schulabbrecher und Alkoholabhängiger. Er appellierte an die Zuschauer: „Du darfst nicht aufgeben. Du darfst den Glauben an dich nicht verlieren."

Schulz war so - anders als die technokratische Merkel - näher an der Lebenswelt seiner Zuschauer dran. Bei Themen wie der Türkei, Trump oder der AfD zeigte Schulz klare Kante. So bringt ihn die zunehmende Ausländerfeindlichkeit „auf die Barrikaden" und auch mit Erdoğan will er „Klartext" sprechen. Diese klaren Worte, fernab vom diplomatischen Geschwurbel der Kanzlerin, könnten ihm durchaus Sympathiepunkte bei jungen Menschen bringen.


Interviewthemen, die junge Menschen interessieren

Allerdings war nicht nur Schulz persönlicher als Merkel; die Themen entsprachen jetzt mehr dem, was die junge Generation interessiert. Tierschutz, Bildung, Integration, Digitalisierung und auch die berühmte Frage nach der Cannabis-Legalisierung spielten eine Rolle. Bei letzterer war Schulz im Hinblick auf seine eigene Vergangenheit eher skeptisch - meinte allerdings, dass man diese Frage im Bundestag als Gewissensentscheidung abstimmen sollte. Schulz versprach außerdem Breitbandausbau und eine verbesserte digitale Ausstattung der Schulen, rechtfertigte allerdings den Staatstrojaner als adäquates Mittel zur Kriminalitätsbekämpfung.

Schulz präsentierte viele gute Ideen. Dass er Massentierhaltung eindämmen will und für preiswertere Mobiltarife sorgen will, kommt bei jungen Menschen sicherlich gut an. Allerdings benötigt er hierfür, und das betonte er immer wieder, eine Mehrheit.


YouTuber haben inzwischen mehr Interviewerfahrung

Man merkte, dass auch die YouTuber inzwischen mehr Interviewerfahrung hatten. Sie wirkten sehr gut auf das Gespräch vorbereitet. Es wurden nicht nur Fragen vom Zettel abgelesen, sondern auch gezielt nachgefragt. Schulz verstand das Problem, dass sich Politik oft fernab der Lebenswelt junger Menschen abspielt und sagte: „Ich empfinde es als Grundverpflichtung von Politik, dass man alles, was man tut, immer für die nächste Generation denken muss."

Dass das Publikum über Twitter nun direkt Fragen an die Kandidaten stellen konnte, war positiv. Dabei konnte Schulz kritische Fragen zur Finanzierung von Integration gut beantworten und wusste sogar zum Thema Videospiele etwas zu sagen - auch wenn er als gelernter Buchhändler selbst keine spielt.


Jugendsünden von Martin Schulz

Genauso wie Merkel konnte auch Schulz sich im YouTube-Interview gut profilieren. Allerdings ging er anders als die Kanzlerin - die die YouTuber förmlich zerlegte - auf die oft persönlichen Fragen ein und nahm die YouTuber ernst. Auch das Entweder-Oder-Spiel mit Nihan oder MrWissen2Gos Frage nach dem Milchpreis zeigten, dass der SPD-Kandidat die Lebenswelt seiner Zuschauer kannte. Und auch Humor konnte Schulz beweisen, als er erzählte, dass er als Jugendlicher in ein Schwimmbad eingebrochen war und Waschmittel in das Becken geschüttet hat. Hier lachten alle und es war keine Bloßstellung der YouTuber. Wer weiß, ob Merkel auf derart persönliche Fragen überhaupt hätte souverän beantworten können.

Insgesamt konnte sich Schulz also gut gegenüber den YouTubern präsentieren. Allerdings verfolgten gerade einmal 14.000 Zuschauer das Interview live im Vergleich zu 55.000 bei der Kanzlerin. Wobei die höheren Zuschauerzahlen bei Angela Merkel auch auf die rege Medienberichterstattung im Vorfeld zurückzuführen sind.



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