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Nur weil jemand nicht antwortet, ignoriert dieser Mensch dich nicht automatisch

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Da! Es leuchtet! Jede Push-Mitteilung ist ein kleines Taschenfeuerwerk der Möglichkeiten. Leider nicht selten direkt ausgelöscht von einer Welle der Enttäuschung: Schon wieder nur so eine Eilmeldung über die Abgabefrist der Steuererklärung. Dann startet die Gedankenspirale. „Eventuell hasst er*sie mich ..."; „War ich vielleicht zu offensiv ...?"


Wer auf eine Nachricht von jemandem wartet, der*die nicht antwortet, wechselbadet nicht nur in vielen verschiedenen Gefühlen, sondern spinnt oft im Kopf auch ein eigenes Narrativ - nur um zu erklären und zu verstehen, warum eine bestimmte Person noch nicht geantwortet hat. Aber da ist doch der Haken! Er* sie hat es eindeutig gelesen! Schon vor Tagen!


Ja, zu jeder Unterhaltung gehören zwei. Aber nur, weil jemand nicht antwortet, ignoriert er*sie dich noch lange nicht.


Selbstbestimmung ftw

Durch Smartphones und Internet besteht die Möglichkeit, mit der ganzen Welt in Echtzeit zu kommunizieren. Wenn das also theoretisch geht, jemand aber stunden- oder sogar tagelang nicht antwortet, dann muss doch was nicht stimmen.


Nicht unbedingt. Denn die Möglichkeit an sich verpflichtet erst mal zu gar nichts. Man könnte zwar sofort antworten, man muss aber nicht - anders als bei einem Telefonat oder Vier-Augen-Gespräch. Es geht um Zeitautonomie. Die ist ein Grund dafür, warum Menschen immer weniger gern telefonieren und texten über WhatsApp, Facebook oder SMS in den vergangenen Jahren so beliebt geworden ist. Man kann zu seinen*ihren eigenen Bedingungen antworten. Oder eben gar nicht.


Manchmal möchte sich jemand vielleicht Zeit nehmen für die Antwort, sich darauf konzentrieren und sich vorher Gedanken machen, in Ruhe in den Kalender gucken oder ins eigene Herz. Du würdest doch auch ungern über ausgefeilte Terminkoordination oder komplexe Gefühle sprechen, wenn du gerade Dosentomaten aus dem Supermarktregal angelst. Dann doch lieber auf der Couch sitzend mit ein bis zwölf Flaschen Wein.

Messengerdienste sind im Grunde so asynchron wie Briefe, tun aber so synchron wie Telefonate. Sie liegen irgendwo dazwischen und sind deshalb oft verwirrend.


Wer nicht antwortet, priorisiert

Außerdem führen Menschen heute häufig mehrere digitale Konversationen parallel und sind überfordert. Im echten Leben sähe das so aus: Vier Leute am Küchentisch, der*die eine schluchzt und will Beistand und Rat bei herzzerfetzendem Liebeskummer, der*die nächste will wissen, warum du eigentlich nie zu seinen*ihren Partys kommst und ob's das jetzt war mit eurer Freundschaft, der*die Vorgesetzte fragt nach einem Projekt und deine Mutter erzählt enthusiasmiert von Cousine Ephigenies Hochzeitsplänen, während gleichzeitig die Nudeln überkochen. Puh.


Multikommunikation ist eine harte Nuss fürs Hirn. Das haben auch zwei Forscherinnen in einer Arbeit untersucht. Darin heißt es: „Multikommunikation ist besonders komplex, weil wir oft nicht nur mehrere Aufgaben jonglieren, sondern mehrere Menschen."

Sich selbst hin und wieder einen Augenblick der Langeweile zu erlauben, ist entscheidend für zwischenmenschliche Interaktion und auch fürs Gehirn.


Auch die US-Soziologin und Autorin Prof. Sherry Turkle vom Massachusetts Institute for Technology, die sich mit Kommunikation, Technologie und dem Selbst beschäftigt, sagt: „Sich selbst hin und wieder einen Augenblick der Langeweile zu erlauben, ist entscheidend für zwischenmenschliche Interaktion und auch fürs Gehirn." In dieser Zeit verarbeite es nämlich Reize und Input.


Anders formuliert: Das Gehirn hat nur beschränkte Arbeitsspeicher-Kapazitäten, muss daher priorisieren - und vergisst. Aus „Ach, darauf antworte ich später" wird dann ein „Hoppla! Ich wollte doch längst ...", während die Person am anderen Ende grundlos wütend, traurig, gekränkt ist.


Aktiv statt Dauer-Pling

Möglicherweise hat derjenige*diejenige, der*die nicht antwortet, aber auch seine*ihre Push-Mitteilungen ausgeschaltet. Denn die permanente Ablenkung durch Benachrichtigungen kann relativ lästig werden, die Konzentration unterbrechen und nachweislich die Produktivität senken.


Wer Push-Mitteilungen abstellt und sich so bewusst dafür oder dagegen entscheidet, in die Inbox zu schauen, profitiert zwar immer noch von den Vorzügen digitaler Kommunikation, erhöht aber die Zeitautonomie noch weiter. Weniger Reize können zuweilen durchaus reizvoll sein.


Kopfkino aus, Leben an

Was also tun, um nicht zum nervösen Warte-Wrack zu werden, wenn jemand nicht antwortet? Die Antwort lautet Erwartungsmanagement und Fokusverlagerung. Dabei kann es helfen, sich digitale Nachrichten eher als asynchrone Kommunikation - wie beispielsweise Briefe - vorzustellen, also keine sofortige Rückmeldung zu erwarten. Irgendwann wird schon etwas kommen. Und wenn nicht, fragst du halt noch mal freundlich nach.


Natürlich könnte es sein, dass dich jemand bewusst ignoriert. Und, so hart das auch klingen mag, das ist sein*ihr gutes Recht. Du hast vermutlich selbst auch schon mal Nachrichten nicht beantwortet. Absichtlich oder versehentlich und wahrscheinlich mit der Ahnung im Hinterkopf, dass irgendwo jemand sitzt und auf das Leuchten des Displays wartet. Da hilft nur Akzeptanz: Es ist, wie es ist.


„Das Verführerische am Texten [...] ist: Man will wissen, wer einen will", sagt Sherry Turkle. Nur wie gesagt: Wer nicht direkt antwortet, ist nicht automatisch desinteressiert. Das beides voneinander zu trennen, dürfte dich schon mal einen großen Schritt weiterbringen.


Außerdem gilt: Wer immer nur aufs Handy starrt, kann dabei leicht die Welt um sich herum vergessen. Und die Zeit vergeht auch viel langsamer - so, wie früher die Stunden vor dem Kindergeburtstag oder der Bescherung an Weihnachten die allerlängsten waren. Du kannst stattdessen den Spieß umdrehen, selbst die Push-Mitteilungen ausschalten und was richtig Schönes unternehmen.


Und wenn du wirklich Missverständnisse vermeiden und Klarheit auf dem kurzen Dienstweg schaffen willst, mach's wie wir damals in den 90ern - wenn jemand nicht antwortet, greif zum Telefon.

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