Jennifer Ilona Lange

Politik- und Wirtschaftsjournalistin, Hamburg

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Radio-Beitrag

Keynes vs. Neoliberale

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An deutschen Hochschulen dominiert seit Jahrzehnten eine wirtschaftswissenschaftliche Theorie – der Neoliberalismus. Andere Denkansätze werden weitestgehend ausgeblendet. Erst die Finanzkrise hat bei Ökonomen Zweifel geweckt, ob dieser Mainstream richtig ist. Jetzt ist es die Griechenland Krise. Studenten fordern schon länger eine Reform der ökonomischen Lehre und organisieren Vorlesungen, für mehr Pluralität und Realitätsnähe in den Wirtschaftswissenschaften.
Ein Beitrag von Jennifer Lange.

Florian Rommel om deutschlandweiten Netzwerk Plurale Ökonomik steht vor einer Gruppe Studenten. „Milton Friedman, Nobelpreisträger, sagt auch, dass die Wirtschaftswissenschaft irgendwie mittlerweile ein Ableger von Mathematik ist und sehr wenig mit der Realität zu tun hat."

Das bestätigt Wirtschaftsstudent Ulrich Brandt aus Hamburg. "Was in unseren Lehrplänen stattfindet, steht in großem Kontrast zu dem was in der Welt passiert und wir haben auch nicht das Gefühl, dass wir hier irgendwas lernen, was wir auf diese Probleme anwenden können, um sie zu lösen.“ Er ist im Vorstand des Arbeitskreises Plurale Ökonomik. Brandt kritisiert vor allem die Einseitigkeit der Lehre an deutschen Universitäten. „Momentan wird halt eine Theorie gelehrt, dass ist die Neoklassik. Wenn man die Universitäts-Professuren anschaut ist es so, dass keynesianische Professoren an einer Hand abzuzählen sind, und, jetzt grob geschätzt, würde ich sagen, dass 90 Prozent dem neoklassischen Paradigma zuzuordnen sind.“

Die Keynsianer und die Neoliberalen. Das sind zwei theoretische Schulen, mit einem gegensätzlichen Blick auf die Wirtschaft. Elisabeth Allgoewer, Professorin für Wirtschaftsgeschichte fast es kurz:
„Die neoliberale Position setzt eben auf die Selbstregulierung der Märkte und die keynesianische Position sieht eben eine starke Rolle des Staates.“

Treffen Anhänger dieser zwei Schulen aufeinander, gibt es Streit, wie derzeit über Griechenland. Die EU, geprägt vom Neoliberalismus sagt: die Griechen müssen sparen, die Löhne senken, privatisieren, deregulieren, das Angebot stärken und einen Überschuss erwirtschaften. Die Gegenseite, die griechische Regierung beruft sich auf den Ökonomen John Maynard Keynes. Daher argumentiert sie: Sparen ist falsch. Die Nachfrage muss gestärkt werden, Einkommen müssen steigen. Das kurbelt die Wirtschaft an, dadurch gibt es Steuereinnahmen und damit werden Schulden zurückgezahlt.

In der Geschichte war mal der eine, mal der andere Ansatz populärer. In Deutschland dominiert seit Jahrzehnten die liberale Denkweise. Erst seit der Finanzkrise äußern Ökonomen vorsichtig Zweifel an der ökonomischen Lehre in Deutschland. Wirtschaftsstudent Brandt, sagt: „Bis zur Finanzkrise wurde immer davon ausgegangen, dass die Märkte rational handeln, dass sie sich selbst regulieren, und dass sie auch zur optimalen Verteilung von Ressourcen innerhalb einer Gesellschaft beitragen.“

Aber es hat sich gezeigt, das ist nicht der Fall. Märkte sind nicht perfekt und Menschen nicht so rational und emotionslos wie in den meisten ökonomischen Modellen angenommen wird. Und auch Griechenlands zusammenbrechende Wirtschaft ist ein Beispiel dafür, dass der Neoliberalismus die falsche Politik sei, sagt Stefan Collignon, der unter anderem an der bekannten London School of Economics lehrt: „Wir sagen, die müssen sparen und Überschüsse schaffen. Vergessen aber, dass wenn die Griechen kein Geld mehr haben, dass sie ausgeben, gibt es kein Einkommen und dann gibt es auch keine Überschüsse.“

Solche Argumente werden in der Debatte allerdings selten gehört, sagt Collignon. „Heute erleben wir, dass das eine Gefahr für die gesamte europäische Integration sein kann, wenn man aus einer dogmatischen Besserwisserei heraus, nicht mehr offen ist, für das, was vielleicht auch andere Leute sagen.“

Politiker sind oftmals die Sklaven, von längst verblassenden und verstorbenen Ökonomen, hat mal John Maynard Keynes gesagt. "Weil es so lange dauert, dass sie die Theorien auch wieder aufgeben, die sie gelernt haben.“ Dem stimmt auch Professorin Allgöwer zu. „Weil die Politiker, die heute unterwegs sind, die waren natürlich vor vielen Jahren an der Universität, und die werden sich so leicht eben nicht in ihren Denkstrukturen ändern.“

An einigen Universitäten jedenfalls hat ein Umdenken angefangen. Bis die heutigen Studenten jedoch etwas zu sagen haben, werden noch viele Jahre vergehen. Professor Collignon hofft, dass deutsche Politiker schon vorher die Argumente der Gegenseite anhören. Denn: „Die Neoklassik kann nicht funktionieren ohne den keynesianischen Ansatz und umgekehrt.“ Eine Mischung aus der Politik der EU, und den Forderungen der griechischen Regierung, könnte das Land also aus seiner Krise führen.