Jennifer Ilona Lange

Politik- und Wirtschaftsjournalistin, Hamburg

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Artikel

Politisches Buch: "Dr. No und die Unschuldigen"

Es geht um Milliarden, um Untreue, um Bilanzfälschung. Vor zwei Jahren hat das Landgericht Hamburg das Verfahren gegen sechs ehemalige Vorstände der HSH Nordbank zugelassen, unter ihnen Dirk Jens Nonnenmacher. Der Prozess lief ab wie ein Wirtschaftskrimi - und endete mit Freisprüchen für die Angeklagten. Die Journalistin und Autorin Dani Parthum hat das Strafverfahren in ihrem Buch "Dr. No und die Unschuldigen" im Detail dokumentiert.


Eine Rezension von Jennifer Lange, NDR Info Wirtschaftsredaktion


Es sind 62 Prozesstage, die Dani Parthum in ihrem Buch chronologisch beschreibt. 62 Mal kamen Richter, Staatsanwälte und Verteidiger von Sommer 2013 bis Sommer 2014 im Landgericht Hamburg zusammen. Die Journalistin, die jahrelang auch für NDR Info gearbeitet hat, war an jedem Tag der Verhandlung dabei. Ein Problem, mit dem sie zu kämpfen hatte: Im Gerichtssaal war das Benutzen von Laptops verboten. Sie musste also ständig per Hand mitschreiben, nach mehreren Stunden schmerzte die Hand entsprechend.

364 Seiten sind eine Herausforderung für den Leser

Der Leser ihres Buches "Dr. No und die Unschuldigen" muss sich seinen Weg bahnen durch 364 Seiten mit teilweise kompliziertem Bankervokabular und schwierigem Juristen-Deutsch. Aber Durchhalten lohnt sich, denn am Ende erhält er seltene Einblicke in das Innere einer Landesbank. Und der Leser lernt, wie heute Milliarden-Deals beschlossen werden. "Die große Masse der Mitarbeiter hat doch gar keine Zeit mehr gehabt zu hinterfragen. Was machen wir da eigentlich? Ist das gut für uns, für die Bank? Ist das gut für die Gesellschaft?", sagt Parthum.

Das riskante Omega-55-Geschäft und die Folgen

Im Mittelpunkt des Prozesses steht ein einziges riskantes Finanzgeschäft: Omega 55. Der Deal sollte kurz vor dem geplanten Börsengang der HSH Nordbank die Bilanz glätten. Doch Omega 55 führte die HSH fast in die Insolvenz. Die Bank musste im Jahr 2008 mit Steuermilliarden gerettet werden. "Nach meinem Eindruck haben die Banker verlernt oder vergessen, was ihre eigentliche Aufgabe ist. Im Fall der HSH Nordbank haben sie sich bei diesem Geschäft Omega 55 vor allem darum gedreht, nach außen hin besser da zustehen. Das hat mit einem volkswirtschaftlichen Wert überhaupt nichts zu tun", sagt Parthum.

Urteil überrascht die Autorin
Für die Autorin ist die HSH Nordbank kein Opfer der Finanzkrise, sondern ein Opfer ihrer Führungskräfte. Umso überraschter war sie über die Freisprüche für die Angeklagten: "Als ich dann noch hörte, wie der Vorsitzende Richter Marc Tully das Urteil begründete, mit welchen präzisen Worten er im Grunde den Ex-Vorständen die Leviten las im mündlichen Urteil und dann die Freisprüche letztlich in zwei Minuten begründete, und vorher die Pflichtverletzungen mit fast einer Stunde, stand ich da auch ziemlich ratlos in der Gegend rum."

"Es wird irgendwann mal ein Crash kommen"

Als es Anfang 2009 zum Crash bei der HSH Nordbank kam, war Dr. Werner Marnette Wirtschaftsminister von Schleswig-Holstein. Er trat am 29. März 2009 von diesem Amt zurück, weil er die Bank damals nicht mit Milliarden von Steuergeldern retten wollte. Auch er verfolgte den Prozess gegen die sechs ehemaligen HSH-Vorstände aufmerksam: "Ich bin erstaunt, wie wenig Interesse die Bevölkerung am Ausgang dieses Gerichtsverfahrens gezeigt hat. Dabei ist Bürgergeld auf dem Spiel. Und wir reden über Milliarden. Das heißt das betrifft Universitäten, Kitas, Straßenbahnen, Busse, Infrastruktur. Da würde ich mir mehr Initiative der Bürger erwarten."

Marnette hofft, dass das Buch auch die Politik wachrüttelt. Seiner Meinung nach wird "irgendwann mal ein Crash kommen. Der wird Hamburg und Schleswig-Holstein finanziell ruinieren. Deshalb bin ich so überrascht, wie distanziert die Politik ist, und dass auch Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz an dieses Thema nicht rangeht."

Wie entscheidet der Bundesgerichtshof?

Das letzte Wort im Prozess ist noch nicht gesprochen. Das Verfahren ist in die Revision gegangen. Es liegt zurzeit beim Bundesgerichtshof. Und damit wird vielleicht eine neue Dimension der Vorgänge bei der HSH Nordbank erschlossen, hofft der Hamburger Rechtsanwalt Gerhard Strate, der den Prozess damals - im Jahr 2009 - ins Rollen gebracht hat: "Da wird dann wahrscheinlich auch in einer sehr grundsätzlichen Art und Weise darüber nachgedacht werden, inwieweit das Fehlverhalten von Bankern, vor allem jetzt hier während der Finanzkrise auch strafrechtlich geahndet werden kann."

Ein Tagebuch der Ereignisse - gegen alle Widerstände
Mit ihrem Buch, für das Strate das Vorwort geschrieben hat, geht die Autorin Dani Parthum auch ein persönliches Risiko ein. Schon während des Prozesses wurde sie von zwei Strafverteidigern für ihre Berichterstattung abgemahnt. "Für mich ist eigentlich ziemlich klar, dass sie meine Berichterstattung unterbinden wollten. Und letztlich die Verfügung, die dann noch hinterherkam, die wirklich nicht notwendig war, wie auch das Gericht dann festgestellt hat, war darauf ausgelegt, mir finanziell zu schaden. Davon bin ich echt überzeugt", sagt die Journalistin.

Doch sie wollte das Buch nicht in der Schublade verschwinden lassen. Sie besserte nach. Aus 30 Fußnoten wurden 150. Im Buch finden sich Fotos, eingescannte Dokumente und von Hand gezeichnete Skizzen. So ist das Buch eine persönliche Dokumentation und eine Art Tagebuch der Ereignisse vor Gericht geworden.

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