Jennifer Ilona Lange

Politik- und Wirtschaftsjournalistin, Hamburg

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Serie: Die Einzelkämpfer: "Man darf nicht zu bescheiden sein"

Nicole Kramer machte sich vor drei Jahren als Tagesmutter selbständig. Heute weiß sie: Wer zu wenig fordert, kommt nicht weit. Auftakt der Serie "Die Einzelkämpfer"

Mit fünf Euro Stundenlohn und einer Woche Urlaub habe ich angefangen. Heute nehme ich acht Euro und sechs Wochen Urlaub. Viele Frauen sind zu zurückhaltend, um das zu fordern. Um als Tagesmutter über die Runden zu kommen, darf man seinen Stundenlohn aber nicht zu bescheiden ansetzen. Ich brauche acht Euro die Stunde, damit es sich wirtschaftlich überhaupt lohnt. Die Eltern überweisen mir das Geld als Pauschale am Anfang des Monats - so verdiene ich zurzeit mit fünf Kindern im Monat 2236 Euro brutto. Davon gehen Steuern, 19 Prozent gesetzliche Rentenzahlungen, Krankenkasse und Versicherungskosten ab. Mir bleiben am Ende etwa 700 Euro, wenn ich auch noch Bürobedarf, das Essen für die Tageskinder, neue Spielsachen sowie Wasser- und Heizkosten abziehe.

Ich kann den hohen Stundenlohn verlangen, weil die Eltern wissen, was ich biete. Wir haben einen großen Garten mit Schaukel, Sandkasten, Trampolin, Wippe, Kletterturm und einem Planschbecken im Sommer. Also ein richtiges Kinderparadies. Ich nehme zwar relativ viel Urlaub - war dafür aber in den letzten Jahren nur drei Tage krank. Für die berufstätigen Eltern ist es sehr wichtig, dass sie sich auf mich verlassen können. Die Eltern vertrauen mir - oft entstehen enge und bleibende Freundschaften. Wichtig ist für die Eltern auch, dass ich eine Pflegeerlaubnis habe und eng mit dem Jugendamt zusammenarbeite. Als Tagesmutter benötigt man eine Pflegeerlaubnis vom Jugendamt, die man aber nur bekommt, wenn man einige Voraussetzungen erfüllt: Ich musste an einem 160 Stunden langen Qualifizierungskurs mit Abschlussprüfung teilnehmen, beim deutschen Familienverband in Köln.

Wer schon Mutter ist, für den ist das meiste aus dem Kurs aber selbstverständlich. Außerdem brauchte ich kindersichere und ordentliche Betreuungsräume, ein polizeiliches Führungszeugnis, Arztbescheinigungen aller im Haushalt lebenden Personen, und ein schlüssiges Konzept. Auch ein Erste-Hilfe-Kurs speziell für Säuglinge und Kleinkinder gehörte dazu, den ich alle zwei Jahre auffrischen muss. Jetzt besucht mich das Jugendamt zweimal im Jahr zu Hause und kontrolliert die Wohnung auf Kindersicherheit. Also, ob die Steckdosen abgesichert sind, vor den Treppen ein Gitter ist und andere Gefahrenquellen.

Ich liebe meinen Job, den Umgang mit Kindern. Wenn die Kinder lachen, bin ich glücklich. Aber es ist auch stressig. Ein Zehn-Stunden-Tag ist normal. Die Kinder kommen morgens ab acht Uhr zu mir nach Hause, und das letzte wird um 16 Uhr abgeholt. Ich spiele mit ihnen, wir kuscheln, gehen in den Garten und ich koche mittags für uns alle. Danach muss ich mich um die Hausarbeit kümmern und den Bürokram erledigen. In der Küche stehen dicke Ordner. Auf jeder Quittung streiche ich die Produkte an, die ich nur für die Tageskinder gekauft habe. Den Papierstapel schicke ich monatlich meinem Steuerberater, der alles überprüft. Den Freitag halte ich mir frei, um noch Zeit für meine Familie zu haben.

Eigentlich habe ich Zahnarzthelferin gelernt, aber als mein erster Sohn Leon 2004 geboren wurde, bin ich zu Hause geblieben und habe die Zeit mit meinem Kind genossen. Ein Jahr später kam mein zweiter Sohn Tim zur Welt und meine Entscheidung stand fest: Ich möchte beruflich etwas mit Kindern machen. So hab ich mich 2007 als Tagesmutter selbstständig gemacht. Zuerst war es schwierig, Eltern auf mich aufmerksam zu machen. Seitdem ich einen professionellen Internetauftritt habe, klingelt bei mir aber ständig das Telefon. Die Homepage hat mein Mann gestaltet, wofür ich ihm sehr dankbar bin. Außerdem empfehlen mich viele Mütter ihren Freundinnen weiter. Meine zwei Söhne fanden meinen neuen Job von Anfang an toll, weil sie gleich mehrere Spielkameraden zu Hause hatten. Wieder unter einem Chef zu arbeiten, kann ich mir nur sehr schwer vorstellen. Ich genieße es, mir die Zeit heute frei einteilen zu können.

Wenn die Tageskinder mich verlassen, weil sie mit drei in den Kindergarten kommen, fließen Tränen. Die Kleinen wachsen mir über die Jahre einfach sehr ans Herz. Deshalb veranstalte ich seit zwei Jahren im Sommer ein Willkommens- und ein Abschiedsfest für die Kinder und Eltern. Und zur Weihnachtszeit gibt es noch mal ein gemeinsames Zusammensitzen bei Kaffee und Kuchen. Da haben alle die Möglichkeit, sich näher kennenzulernen und die Eltern sehen: mit wem verbringt mein Kind eigentlich seinen Tag? Sehr schön ist, dass die Eltern und Kinder mich hin und wieder besuchen kommen, oder mal eine Karte aus dem Urlaub schicken.


Die Tagesmutter

Name: Nicole Kramer 

Beruf: Tagesmutter in Köln-Raderthal

Alter: 33 Jahre 

Familie: verheiratet mit einem Fachinformatiker, zwei Söhne im Alter von 5 und 6 Bruttoverdienst: 2236 Euro 

Mache Job schon seit: 2007 

Arbeitszeit: Montags bis donnerstags von 8 bis 16 Uhr, danach aufräumen, Rechnungen schreiben, einkaufen 

Letzter Urlaub: Im Sommer drei Wochen mit der Familie auf Fehmarn 

Größter Traum: Eine eigene Kindertagesstätte.


Serie: Die Einzelkämpfer

Mehr als 2,1 Millionen Menschen in Deutschland führen eine Ein-Mann-Firma - rund eine Million mehr als noch zu Beginn der neunziger Jahre. Unter ihnen ist der freischaffende Hausmeister, der von Gebäude zu Gebäude zieht, Glühbirnen wechselt oder Fenster repariert. Oder der Energieexperte, der Firmen beim Stromsparen berät. Wie geht es den Einzelkämpfern? Wie funktioniert ihr Geschäftsmodell? ZEIT ONLINE stellt in den kommenden Wochen zehn von ihnen in einer Serie vor.

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