Jennifer Ilona Lange

Politik- und Wirtschaftsjournalistin, Hamburg

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Produktpiraterie: Hilflos im Kampf gegen Fälschungen

Der Umsatz mit gefälschten Produkten steigt - und Deutschland ist besonders betroffen, wie Recherchen von NDR und DIE ZEIT zeigen. Reportern ist es gelungen, einen gefälschten Rucksack bis nach China zurückzuverfolgen.

Von Jennifer Lange und Christian Salewski, NDR

Die Bundesregierung räumt Probleme im Kampf gegen Produktfälschungen ein. Vor allem aus China nehme die Anzahl gefälschter Artikel rasant zu. Deutschland sei in besonderem Maße betroffen, sagte der parlamentarische Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium, Thomas Bareiß (CDU), dem NDR und der "Zeit".

Laut Bareiß belaufe sich der Schaden durch Fälschungen allein in Deutschland mittlerweile auf rund 50 Milliarden Euro pro Jahr. Den Angaben zufolge fielen bis zu 80.000 Arbeitsplätze durch Produktpiraterie weg. Die Bundesregierung sei über die Verletzungen von geistigem Eigentum mit der chinesischen Regierung "in einem engen Dialog", so Bareiß.

Schärferes Vorgehen gegen China risikoreich

Gleichzeitig räumt der CDU-Politiker ein, dass ein schärferes Vorgehen jenseits von Gesprächen risikoreich sei, da China für viele deutsche Firmen ein wichtiger Markt sei. "Bei dem Thema darf es keine Kompromisse geben und man muss um sein Recht auch kämpfen", so Bareiß. Aber man müsse auch sehen, "dass das ein Partner ist, der für uns ein wichtiger Kunde ist und in wirtschaftlichen Fragen immer bedeutender wird", so Bareiß. Das Land sei aufgrund seiner Marktmacht kein einfacher Partner, man spiele "nicht immer auf Augenhöhe". Produktpiraterie werde es deshalb immer geben.

Der Diebstahl von geistigem Eigentum durch China ist eine der Triebfedern des aktuellen Handelskonflikts mit den USA. Das Fälschen von Produkten ist in China offiziell verboten. Dennoch stammen laut einer 2016 veröffentlichten OECD-Studie 63 Prozent aller Fälschungen aus der Volksrepublik. Andere Schätzungen gehen von bis zu 80 Prozent aus.

Auf der Spur eines gefälschten Rucksacks

Reportern von Panorama, NDR Info und der "Zeit" ist es gelungen, den Weg eines gefälschten Rucksacks der Outdoor-Marke Fjällräven nach China zurückzuverfolgen. Sie stießen dabei auf Fabriken, in denen massenhaft gefälscht wird. Laboruntersuchungen des gefälschten Rucksacks aus China ergaben zudem, dass dieser mit krebserregenden Schwermetallen belastet und somit gesundheitsgefährdend war. Angesprochen auf die Recherchen, forderte der Chef von Fjällräven, Martin Nordin, härtere Schritte gegen Produktfälscher und den Diebstahl geistigen Eigentums. Er sei wütend, weil die Politik durch ihre Untätigkeit einen Teil der Industrie bewusst "opfere". Sein Unternehmen lasse in China gar keine Rucksäcke produzieren.

Der gefälschte Rucksack des Modells "Kanken" ist einer der meistverkauften Rucksäcke der Welt. Er war auf einem Fake-Shop im Internet angeboten worden und über Anzeigen in den Sozialen Medien beworben worden. Experten beobachten ein extremes Wachstum solcher täuschend echt aussehender Fake-Shops, hinter denen professionelle Netzwerke der Fälscherindustrie stehen. "Diese Missbrauchstäter operieren im Endeffekt wie ein normales Unternehmen. Sie stellen sich auf Social-Media-Plattformen auf, sie nutzen Webseiten und Marktplatz-Aktivitäten auf verschiedenen Marktplätzen, um sich zu positionieren. Wir reden hier klar über organisierte Kriminalität", sagte Stefan Moritz, Deutschlandchef der Online-Markenschutz-Firma Markmonitor.

Amazon kann Piraterie nicht unterbinden

Produktfälschungen tauchen auch immer wieder auf Plattformen wie Amazon auf, die sogenannte Marktplätze unterhalten. Dort können externe Verkäufer einem riesigen Kundenkreis Produkte anbieten - ein Service der auch von digital versierten Fälschern genutzt wird. Amazon selbst räumte kürzlich in einer Meldung an die US-Börsenaufsicht ein, dass man wohl nicht in der Lage sei, den Verkauf von Produktfälschungen zu unterbinden. Dem NDR und der "Zeit" teilte Amazon auf Nachfrage mit: "Amazon untersagt den Verkauf von gefälschten Produkten strengstens und wir sorgen mit erheblichem Aufwand und finanziellen Mitteln dafür, dass unsere Richtlinien eingehalten werden."

Die Digitalisierung der Fälscherindustrie erschwert zusehends auch die Arbeit des Zolls, der sich einer Flut an illegalen Kleinsendungen gegenüber sieht. Am Internationalen Postverteilzentrum (IPZ) am Flughafen Frankfurt etwa kommen inzwischen täglich 1,4 Millionen Sendungen von außerhalb der EU per Luftpost an. Auch der gefälschte Fjällräven-Rucksack durchlief das IPZ und wurde dort abgefangen. Das beliebte Rucksack-Modell fällt dort oft an. An dem Tag, an dem Reporter des NDR und der "Zeit" das IPZ besuchten, hatten Zöllner allein elf gefälschte Fjällräven-Rucksäcke abgefangen. Die Zollbeamten vor Ort fühlen sich inzwischen regelrecht "überrannt" von Online-Bestellungen mit illegalem Inhalt. Das schlägt sich auch in den Zahlen nieder: Im vergangenen Jahr hat der Zoll insgesamt über fünf Millionen Produktfälschungen beschlagnahmt, rund 50 Prozent mehr als im Jahr zuvor.

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