Jennifer Hinz

Freie Journalistin & Autorin, Berlin

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Hau drauf!

Wutausbrüche sind heilsam, aber verpönt. Jennifer Hinz rastet in einem Crash Room in Berlin aus. Nur so zum Spaß.


Bunt und geschäftig dreht sich das Windrad des Hohns. Bis vor zwei Sekunden habe ich noch die Befehle gegeben. Command C, command V, Absatz, neuer Satz. Macbookler würden sagen, der bunte Ball erscheint, wenn der Computer überfordert ist. Ich sage, er heißt, Windrad des Hohns und erscheint immer, wenn ich gerade so richtig in Fahrt bin. Wenn die just im Kopf geformten Sätze in meine Finger strömen, um auf dem Bildschirm als Text zu erscheinen. Immer dann ploppt es fröhlich drehend auf, und ich habe einen Sprung in der Platte, weil der Satz raus möchte, aber nicht kann. Also wiederholt er sich immerfort, um nicht wieder in schwarze Vergessenheit abzudriften. Das ist der Moment, an dem ich den 1200 Euro günstigen Computer nehmen und gegen die Wand schmeißen möchte. Ich nehme es persönlich, wenn mir etwas, dass dazu gemacht ist zu funktionieren, derart plump dazwischenfunkt.

Dinge gegen die Wand zu werfen, ist aber heute maximal in Mittelmeergefilden noch in. Hierzulande gilt man als unbeherrscht, sollte es dazu kommen. Als Kind fand sich mein Game Boy regelmäßig mit der Zimmerwand konfrontiert. Anders als mein im Vergleich hochtechnisierter Computer heute, war der Game Boy jedoch unverwüstlich. Tatsächlich verschafft so ein Wutausbruch erst einmal Erleichterung. Die verfliegt aber schnell, wenn uns die verständnislosen Blicke Umstehender treffen. Es folgt das Schamgefühl. Grob aus der Reihe tanzen, heißt, die gesellschaftliche Anerkennung aufs Spiel zu setzen. Auch im größten Ärger die Contenance zu behalten, gehört daher zum guten Ton, ist aber auf Dauer schrecklich ungesund. In einer Studie las ich, dass etwa Flugbegleiter ein besonders hohes Risiko haben, an Depressionen, Bluthochdruck oder Herz-Kreislaufproblemen zu erkranken, weil sie immer betont gut gelaunt wirken müssen. Die Emotionen müssen also irgendwo hin. Ein Ventil muss geschaffen werden. Eine klassische Lösung wäre Sport. Doch auch hier setzen Spielregeln dem Wutabbau Grenzen. Eine Alternative gibt es seit zwei Jahren in Berlin: den Crash Room, einen Raum, dessen Zweck es ist, zerstört zu werden. Eingerichtet wie ein Wohnzimmer, mit echten Möbeln, Lampen und Platzdeckchen, wird die Illusion eines liebevoll eingerichteten Zuhauses geschaffen. Alles bereit, um zerstört zu werden.

Der Crash Room liegt auf einem alten Gewerbehof im Osten der Stadt. Der Eingang ist versteckt hinter Sprintern und altem Trödel. Christian Block kommt Anja, meiner Mitcrasherin, und mir entgegen. Er betreibt den Wutraum. Der 33-Jährige führt uns in ein Gemäuer, das mich von außen an Opas alte Garage erinnert. Drinnen erstreckt sich ein Eingangsbereich, der auch Teil einer jener unprätentiösen Berliner Bars sein könnte. Abgewetzte Sofas und MDF-Möbel. Endstation Crash Room. Ich zahle die 149 Euro Startgebühr und gebe mein Handy mit der zuvor eilig in der Bahn zusammengeschusterten Playlist ab. Anschließend lasse ich mich in die Tiefe des sprungfederlosen Sofas fallen.

An der Wand wirbt ein Plakat für die Tortenschlacht, die auch zu Christian Blocks Portfolio gehört. Mein 16. Geburtstag endete ebenfalls mit fliegenden Torten. Da hat man länger was von. Sahnetorte bekommt auf Möbeln nach dem Trocknen die Konsistenz von Baiser und lässt sich nur mit dem Spachtel wieder abschaben. In den Haaren setzt sich der Mix aus Fett, Zucker und Stärke fest wie Beton. Woher er seine Torten bezieht, frage ich den Betreiber. Zu meinem Entsetzen erzählt er mir, alles frisch kaufen zu müssen, weil man ihm abgelaufene Ware gar nicht überlassen dürfe. Dann doch lieber alte Möbel zerlegen. Die bekommt Christian Block vor allem aus Wohnungsauflösungen. Eben die Stücke, die wirklich niemand mehr haben möchte. Oder doch? Nicht selten verliebe sich der eine oder andere Besucher in eine schöne DDR-Wohnwand und nehme sie lieber mit nach Hause, anstatt sie zu zerlegen, sagt Christian Block.

An der anderen Wand hängt eine Kollektion bunter Schutzhelme aus Plastik. Ich entscheide mich für Weiß, Anja für Rot. Schutzanzüge, -brillen und -handschuhe werden uns gereicht. Mein Anzug duftet nach Schichtwechsel auf dem Bau und ich frage mich, wie viele Menschen darin schon hart geschuftet haben. Bevor es losgeht, müssen wir noch zwei Dokumente unterschreiben, auf denen zusammengefasst steht: Was im Crash Room passiert, bleibt im Crash Room, für Unfälle haftet wir selbst. Anja und ich erneuern unsere Freundschaft mit einem langen Blick und unterschreiben die Papiere.

Durch einen Plastik-Türvorhang geht es zu den Waffen. Davon gibt es eine ganze Wand voll. Neben Äxten in verschiedenen Größen stehen Brecheisen, Hämmer und interessanterweise auch ein Paar Krücken zur Auswahl. Ich entscheide mich zunächst für eine handliche Mini-Axt. Anja für den kleinen Gummi-Hammer. Klein anfangen ist gut, der etwa 12 Quadratmeter große Raum entpuppt sich als recht einengend. Durchs Kellerfenster unter der Decke fällt Licht auf diverse Sideboards, Wandschränke, CD- und Kleiderständer sowie großmütterliches Deko-Zeugs, das so schreiend hässlich ist, dass es auf meiner imaginären To-Destroy-Liste nach ganz oben wandert. Um einen würfelförmigen Spanplattentisch mit Weihnachtstischdecke stehen ein Klapphocker und ein verchromter Stuhl mit fleckig-grauem Sitzpolster. Ich entdecke einen alten Bekannten: ein Metallnachttisch mit Glasablage. Das gleiche Modell stand vor zwei Jahren noch neben meinem Bett. Bis ich Ikea gegen echte Möbel eintauschte. Den Nachttisch fand ich trotzdem zu schade zum Wegwerfen und stellte ihn mit einem Schild „zum Mitnehmen" vor die Haustür. Zwei Stunden später war er weg. Nun soll ich das Ding doch in seine Einzelteile zerlegen. Möbel-Karma.

Etwas unschlüssig stehen wir in dem noch intakten Wohnzimmer, grinsen uns verlegen an. Eine Stunde können wir uns hier nun austoben. Ich habe Anja in zehn Jahren Freundschaft noch nie richtig ausrasten sehen. Über eine in Falten gezogene Stirn und paar zackige Sätze ist sie nie hinausgekommen. Andersherum lässt sich das vermutlich nicht behaupten, aber ein Freund ist, wer trotzdem bleibt. „Remmidemmi" von Deichkind setzt ein - das Startzeichen. Ich hole mit der Axt aus und schlage eine Kristallvase mit Kunstblumen gegen die Wand. Der Knall ist lauter als erwartet. Das Glas zerspringt in alle Himmelsrichtungen und ein feiner Glassplitterregen segelt mir entgegen. Erschrocken drehe ich mich weg. Physik - das hätte man kommen sehen können.

Nachdem ich mich ausgiebig mit einem Bücherregal und einer Wanduhr beschäftigt habe, merke ich: Mit einem Gegenstand auf etwas Einzudreschen ist nicht mein Ding. Es hat keinen Sinn. Beim Tennis dresche ich mit aller Gewalt auf den Ball ein, damit er - theoretisch - mit der Wucht des Halleyschen Kometen unerreichbar im gegnerischen Feld aufschlägt. Schlage drauf, um den Punkt zu holen, ist eine Gleichung, die für mich Sinn ergibt. Schlage drauf und hinterlasse eine Delle, klingt dagegen nach viel Aufwand und wenig Ausbeute. Die eigene Fantasie muss helfen, das starre Brett in etwas zu verwandeln, das die Tracht Prügel verdient hat. Ich stelle mir Menschen vor, die gemein zu mir waren, mich ungerecht behandelt haben, denen ich in meiner Vorstellung gern mal etwas auf die Mütze geben würde. Ehemalige Kolleginnen zum Beispiel, Exfreunde oder den Typen, der mir neulich mit seinem Fahrrad über meine weißen Sneaker gefahren ist, ohne sich zu entschuldigen. Während vor meinem inneren Auge Gesichter und Szenen aufblitzen, verlieren meine Schläge zusehends an Energie. Selbst mit viel Fantasie lässt sich die Gleichung Mensch und Schlagwerkzeug nicht so weit umstellen, dass sie mir Erleichterung oder gar Spaß bringen würde. Ich will niemandem mit irgendetwas auf den Kopf hauen, egal, mit welchem der Werkzeuge, die wir nacheinander durchprobieren. Und erst recht nicht mit dem massiven Hammer, den ich jetzt in den Händen halte. Das steckt nicht in mir. Und eigentlich bin ich froh darüber. Einige Grenzen fühlen sich gut an, gesund, wenn man so will. Ich stelle das schwere Gerät ab und lehne mich erschöpft gegen die Spanplattenwand.

Anja malträtiert derweil mit der Axt einen Einlegeboden des inzwischen halbiert am Boden liegenden Regals. Mit jedem Schlag entsteht ein weiterer Spalt, das weiße Furnier platzt ab. Fokussiert bemüht sie sich, immer die gleiche Stelle zu treffen. Die Axt verkeilt sich, im Holz ist nun ein Loch. Anja richtet sich auf und wischt ein paar Schweißperlen von der Stirn. Ihre Gesichtsfarbe hat sich der des roten Schutzhelms angeglichen. „Richtig scharf ist das Ding ja nicht", stellt sie fest und stemmt die Hände die Hüfte. Aus dem Ganzen einen Werkzeugtauglichkeitstest zu machen, ist auch eine Möglichkeit.

Wir stehen im Gerümpel und sehen uns um. Nichts erinnert mehr an das kleine Wohnzimmer zu Beginn. Mir ist heiß. Zu meinen Füßen liegt eine rote Thermoskanne. Ich hebe sie auf und werfe sie mit voller Wucht gegen die Steinwand. Henkel und Plastikhülle fliegen durch die Luft, während das gläserne Innere mit einem lauten Scheppern in tausend Teile zerspringt. Das gefällt mir. Als Nächstes fliegt ein Buch gegen das scheußliche Wandbild mit der Berglandschaft, der Stuhl gleich hinterher. Werfen macht Spaß. Mit einem Mal fällt es mir leicht, all die Menschen, mit denen ich noch eine Rechnung offen habe, vor meinem inneren Auge zu manifestieren. Ich nehme einen nach dem anderen und werfe ihn fort, weg von mir. Und wenn es scheppert, weiß ich, er ist da angekommen, wo er hingehört: auf dem Scherbenhaufen, der, sobald ich diesen Raum verlasse, nicht mehr mein Problem ist.

Anja schnappt sich den stummen Diener aus Chrom und wirft ihn gegen die Wand. Kurz sieht sie ihm nach, atmet gehetzt ein und aus. Was wir hier tun, ist anstrengend, aber auch heilsam. Mein Groll auf Vergangenes wird mit jedem Objekt, das ich werfe, weniger. Wie viele Tage der schlechten Laune hätte ich mir sparen können, wenn ich abends - anstatt mich mit einem Glas Wein zu betäuben - meinem Unmut hier freien Lauf gelassen hätte. Ich bin offenbar nicht allein mit dieser Erkenntnis. Der Crash Room in Berlin ist so gut gebucht, dass man sich Wochen vorher um einen Termin kümmern muss. Christian Block, auf steten Möbelnachschub angewiesen, erzählt, dass Frauen in der Überzahl sind - ein Geschenk für die frisch getrennte Freundin etwa, die mal wieder aus sich raus gehen soll oder einfach nur ein netter Abend zu zweit, bei dem, man Dampf ablassen kann.

Es funktioniert: Mein Anzug duftet nun sehr unangenehm nach altem und neuem Schweiß. Die Stunde ist vorüber. Wir stehen geschafft aber glücklich im Trümmerfeld. Noch zwei Tage danach wird mich der Muskelkater plagen. Das Windrad des Hohns habe ich nun besser im Griff. Die Lösung steht im Innenhof und nennt sich Altglascontainer. Mülltrennung ist schließlich gesellschaftlich hoch angesehen. Und sie scheppert so schön.

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