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Gequälte "Heldenstadt" Mariupol

Bildrechte: AFP

Mariupol fällt vollends in die Hände Russlands. In der Ukraine ist die Stadt Symbol unermesslicher Opferbereitschaft. Dem Kreml ist nur ein Pyrrhussieg gelungen.

Die im Asow-Stahlwerk verschanzten ukrainischen Truppen schienen schon lange verzweifelt - und kämpften dennoch weiter: "Wir bekommen keine Unterstützung, keine Hilfe und wir kämpfen währenddessen die ganze Zeit, jeder Einzelne von uns, gegen die Übermacht der Russen", fasste Leutnant Ilja Samojlenko bei einem Interview in den tagesthemen die Lage zusammen.

Immer wieder hatten sich einzelne Kommandeure über soziale Netzwerke an die Öffentlichkeit gewandt, um auf ihre aussichtlose Lage aufmerksam zu machen: "Es ist eine Frage von Stunden, bis wir vernichtet werden", sagte Serhij Volyna von ihnen Ende April der Zeitung "Welt". Eine Botschaft war bei allen gleich: Sich zu ergeben sei keine Option - nun, am 17. Mai, haben sich 264 Kämpfer in russische Gefangenschaft begeben. Nach elf Wochen Belagerung fällt Mariupol damit endgültig in die Hände Russlands - ein teuer bezahlter Triumph für den Kreml, der in der weltweiten Wahrnehmung fast einer Niederlage gleichkommt.


In der ukrainischen Durchhalte-Propaganda ist Mariupol seit den ersten Tagen der Belagerung ein Wahrzeichen, zu dessen Ruhm Künstler und Aktivisten mit spontan geschaffenen Grafiken weiter beitrugen. Viele ukrainische Prominente und Medienschaffende griffen sie auf und verbreiteten sie weiter.

Schon am 6. März verlieh Präsident Wolodymyr Selenskyj Mariupol den Status "Heldenstadt" - ein Titel, den sonst nur Städte der ehemaligen Sowjetunion aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs tragen. Zu diesem Zeitpunkt waren in Mariupol bereits Wasser- und Stromversorgung zusammengebrochen, Lebensmittel wurden knapp, Tausende Zivilisten starben im Beschuss.

Russland bombardierte eine Geburtsklinik - und verbreitete hinterher die Lüge, der Angriff sei von der Ukraine inszeniert worden. Beim Luftangriff auf das Theater von Mariupol starben Hunderte Menschen, die dort Schutz gesucht hatten. Viele verbleibende Zivilisten flüchteten sich schließlich in die unteriridischen Bunkeranlage des Stahlwerks, das seit 1930 besteht und vom Asow-Bataillon gehalten wurde. Der russische Machthaber Wladimir Putin gab im Staatsfernsehen den Befehl aus, das Werk zu belagern und auszuhungern - "so, dass nicht einmal eine Fliege herauskommt".


Der grausame Aufruf führte zu einer breiten Solidarisierung mit allen, die im Asow-Stahlwerk ausharrten: Mehr und mehr übertrug sich in den folgenden Wochen die öffentliche Wahrnehmung die Mariupol zugeschriebene Widerstandsfähigkeit auf die im Stahlwerk ausharrenden Kämpfer.

Doch dass diese sich vom Lob ihres Präsidenten Selenskyj nicht vereinnahmen lassen wollten, wurde noch während der Belagerung deutlich: Den Tod Zehntausender Zivilisten in Mariupol habe die Regierung zu verantworten, die ihre Kämpfer in der Stadt nur mit Worten unterstütze, zitierte der "Guardian" den Kommandeur Sajmolenko: "Wir machen unsere Arbeit - und wir machen sie gut. Einige der Politiker tun es nicht" - wo sein Regiment doch das Unmögliche möglich gemacht habe.

Militärisch schien die Lage der Kämpfer von Beginn an aussichtslos: Das Kräfteverhältnis zu Russlands Truppen gab Kommandeur Serhij Volyna in seinem Hilferuf mit 1:10 an, Hunderte der etwa 2000 ausharrenden Soldaten sollen verwundet gewesen sein. Etliche Evakuierungsversuche scheiterten. Die Zivilisten, die Anfang Mai in mehreren Etappen das Werk verlassen konnten, sollen bis zu zwei Monate kein Tageslicht gesehen haben - sie berichten von Hunger, Durst, Krankheiten und Verwundungen ohne jegliche Versorgung, Leichen auf den Gängen.


Dass nun ausgerechnet eine Hochburg des Asow-Bataillons in Mariupol zuletzt in die Hände Russlands fällt, nutzt auch der Kreml für seine Propaganda: Die in den Gründungstagen stark ausgeprägte ultranationalistische Gesinnung des Bataillons stilisierten russische Staatsmedien stets zum Beweis, dass die gesamte Ukraine "von Faschisten regiert" sei, die allen Russen den Tod wünschten.

Der Zorn des Kremls auf Mariupols Widerstand und das Asow-Regiment geht Jahre zurück: Als von Moskau aus gesteuerte prorussische Separatisten im Frühjahr 2014 in Mariupol die Stadtverwaltung besetzten und auch eine Militärbasis angriffen, war es der ukrainischen Nationalgarde gemeinsam mit dem gerade gegründeten "Bataillon Asow" gelungen, die Gebäude zurückzuerobern und die Separatisten aus der Stadt zu vertreiben. Auch im monatelangen Kampf um das nahegelegene Dorf Schyrokine am Asowschen Meer trug das inzwischen von der Nationalgarde inkorporierte Regiment dazu bei, es unter ukrainischer Kontrolle zu halten.

Militärexperten zufolge löste diese Schmach auch "irrationale und emotionale Züge" aus: In Moskau raunte man danach, Putin sei "persönlich enttäuscht, dass Mariupol nicht sofort in die russischen Arme übergelaufen ist", erklärte Gustav Gressel vom European Council On Foreign Affairs auf n-tv.de lakonisch: "Er fühlt sich demnach persönlich beleidigt und deswegen gehört die Stadt weg."


Sein militärisches Ziel - einen russisch kontrollierter Landweg vom Donbass auf die Krim zu schaffen - hatte Putin Anfang Mai längst erreicht. Dass Mariupol zu 90 Prozent als zerstört gilt, nur noch einzelne der einzelnen Wahrzeichen zu erkennen sind, wurde gar zum Anlass zynischer Freude: Auf dem Propagandasender "RT" spekulierte ein Sprecher zu Drohnenaufnahmen der verwüsteten Stadt, aus deren Trümmern einzig die Mariä Schutz und Fürbitte-Kirche hervorragte: "Heißt das, Gott ist mit uns?"

Am 9. Mai, den Russland als Tag des Sieges über den Nationalsozialismus begeht, musste Mariupol dann als Bilderkulisse herhalten: Eine Menschengruppe trug auf Bildern ein gigantisches Sankt-Georgs-Band durch die Stadt. Auf anderen Aufnahmen waren Menschen zu sehen, die in der Gegenwart vermummter Spezialeinsatzkräfte Blumen an einem Denkmal niederlegen.

Sowohl Mariupols Bürgermeister Vadym Bojschenko als auch aus der Stadt entkommene Menschen hatten wochenlang von Leichen in den Straßen und russischen Gräueltaten berichtet - wer noch lebt, wurde am "Tag des Sieges" von den Russland als Jubelnder vereinnahmt und ein weiteres Mal gedemütigt.

Immer lauter wurden die Rufe der ukrainischen Exilgemeinschaft, die im Asow-Stahlwerk verschanzten Soldaten zu retten - sie forderten eine sichere Übergabe der Kämpfer an einen Drittstaat. Auch die Hilferufe der Kommandeure wurden immer extremer. Er komme sich vor wie in einer höllischen Reality-Show, schrieb der Asow-Kommandeur Serhij Volyna auf Facebook - und folgerte: "Der menschliche Zynismus kennt keine Grenzen." Später rief er den US-Milliardär Elon Musk dazu auf, dem Regiment zu helfen: "Wenn nicht Sie, wer dann?" - und dass nur seine Liebe zur Ukraine ihm helfe, weiterhin alles durchzustehen. Ob Volyna unter den Soldaten ist, die sich in russische Gefangenschaft begeben haben, ist noch nicht bekannt.


https://www.tagesschau.de/ausland/europa/mariupol-269.html


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