Jasmin Jouhar

Freie Journalistin und Moderatorin, Berlin

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Studio Marginal in Palermo: Design als partizipative Praxis | STYLEPARK

Palermo, die Hauptstadt Siziliens und fünftgrößte Stadt Italiens, näher an Afrika als an den Alpen, weit weg von den Zentren der italienischen Industrie - ein guter Ort für DesignerInnen? Francesca Gattello und Zeno Franchini jedenfalls sind 2016 hierher, an den Rand von Europa, gezogen. Unter dem Namen Studio Marginal betreiben sie Designprojekte zwischen Partizipation, Handwerk und Forschung und unterrichten junge GestalterInnen. "Die Frage, warum wir nach Palermo gekommen sind, die hören wir beinahe täglich", sagt Zeno Franchini im Videointerview. Wer hier lebe, müsse Verwandtschaft vor Ort haben oder vom Staat geschickt worden sein, als LehrerIn oder PolizistIn, so die übliche Sicht. Aus eigenem Antrieb zum Arbeiten herzuziehen, das können sich SizilianerInnen einfach nicht vorstellen - im Gegenteil, viele verlassen ihre Heimat Richtung Norden. Doch Studio Marginal sind gerade wegen der besonderen wirtschaftlichen und sozialen Situation gekommen: "Wir wollten uns mit dem Thema Migration auseinandersetzen", so Franchini weiter. "Aber nicht von oben herab, sondern an einem Ort, an dem man in den Austausch mit den Menschen treten kann." Palermo als erster Anlaufpunkt für viele MigrantInnen, erschien den beiden, die ursprünglich aus Verona stammen, dafür genau richtig. Nach Stationen in verschiedenen europäischen Ländern hätten sie ein Gefühl der Zugehörigkeit vermisst und langfristig arbeiten wollen, ergänzt Francesca Gattello.


Kennengelernt haben sich Francesca Gattello und Zeno Franchini während des Bachelor-Studiums an Italiens berühmtester Designhochschule, dem Mailänder Politecnico. Nach dem Abschluss wechselte Franchini an die Designakademie Eindhoven, um Social Design zu studieren, Gattello blieb für den Master in Mailand. Marginal Studio gründeten sie 2015 in Eindhoven. Ihre Ausbildung sehen sie kritisch, am Politecnico werde den Studierenden ein unrealistisches Bild vom Beruf der Designerin/ des Designers gelehrt. Die Ausrichtung auf die Industrie als Auftraggeberin werde nicht in Frage gestellt. "Ich habe mich fast schon betrogen gefühlt", sagt Francesca Gattello. In Eindhoven wiederum, so Zeno Franchini, würde vermittelt, entweder für den Staat oder für Museen als Auftraggeber zu arbeiten. Diese Erfahrungen bestärkten sie darin, ihre Designpraxis anders zu gestalten, mit einer anderen Funktion für die Gesellschaft, jenseits des eingeübten kapitalistischen Systems. Heute entwickeln sie mit Menschen aus der migrantischen Community Palermos Projekte für den öffentlichen Raum, Mobiliar wird gemeinsam entworfen und gebaut. In anderen Projekten finden die DesignerInnen neue Formen und Anwendungen für traditionelle Handwerkstechniken wie etwa Holz-Einlegearbeiten. Sie bringen alteingesessene HandwerkerInnen mit Neuankömmlingen aus Afrika zusammen, um kulturelle Barrieren abzubauen. Im Gespräch über die richtige Schweißtechnik für einen Metallrahmen würden die Vorurteile vergessen. "So entstehen schöne Momente unerwarteter Offenheit", sagt Franchini.


Ihre Rolle als DesignerInnen definieren Studio Marginal ganz simpel als Personen, die Dinge formen und Raum schaffen können. Doch in der Realität ist die Sache komplizierter: Um Budgets für ihre Projekte einzuwerben sind Anträge an Stiftungen und soziale Organisationen erforderlich und deren Erstellung braucht viel Zeit. Sie haben sogar selbst eine Art NGO gegründet, damit sie die MigrantInnen offiziell beschäftigen können. Denn, so betont Gattello, Arbeit müsse immer bezahlt werden. Für sie selbst bleibt allerdings meist nicht viel übrig, ihre Situation bezeichnen sie als prekär. Stipendien und Lehraufträge, etwa an der Hochschule Syrakus, dienen eher der Existenzsicherung. Doch die Kurse für die Studierenden bereichern die Praxis des Studios auch inhaltlich. Franchini und Gattello sehen Parallelen zwischen dem Unterrichten und der Arbeit mit den Neuankömmlingen, Stichwort: materielle Kultur. Es liegt auf der Hand, dass die Menschen aus Afrika Erfahrungen mit bestimmten Materialien und Handwerkstechniken mitbringen. "Darüber wollen wir mehr erfahren", sagt Franchini. "Welche Verbindungen gibt es zur lokalen, sizilianischen Tradition?" Ebenso motivieren sie auch die Studierenden, sich mit ihrer eigenen materiellen Kultur auseinanderzusetzen. "Denn das wichtigste Wissen, dass man als DesignerIn hat, ist das Wissen über den Ort, wo man herkommt", so Zeno Franchini.



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