Jasmin Jouhar

Freie Journalistin und Moderatorin, Berlin

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Berliner Designerinnen: Konjunktur des Kollektivs

Mathematisch lässt sich kaum beweisen, dass das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile. Wahr ist die über 2000 Jahre alte Erkenntnis von Aristoteles aber immer noch. Ein aktueller Beweis? Das Kollektiv Matter of Course. Elf unabhängige Designerinnen aus Berlin haben sich unter diesem Namen zusammengetan, um ihre Arbeiten gemeinsam zu präsentieren, um sich auszutauschen und zu unterstützen. Konkrete Vorbilder hatten sie dafür nicht, das kollektive Arbeiten hat aber generell gerade Konjunktur in den kreativen Berufen.

„Energie entsteht, wenn es ein Echo gibt", sagt Carolin Zeyher, eine der Gründerinnen. Zeyher entwirft Möbel aus Holz, ihre zehn Kolleginnen arbeiten mit Glas, Metall, Porzellan oder Keramik, sie lassen Leuchten aus Federn fertigen und ungewöhnliche Teppiche knüpfen. Gestandene Unternehmerinnen sind sie alle, etabliert als Gestalterinnen, mit eigener Sprache und Produktwelt. Das soll auch so bleiben: „Wir sind kein neues Label", sagt Mareike Lienau von LYK Carpet. „Jede Expertin steht für sich und ihr Label. Das ist uns wichtig. Wir wollen nichts glattbügeln."


Die Lockdowns waren selbst für sie zu viel

Dass sie sich dennoch zu Matter of Course zusammengeschlossen haben, lag auch an der Pandemie. Als freie Designerinnen und Unternehmerinnen sind sie zwar geübte Einzelkämpferinnen, doch die Lockdowns waren selbst für sie zu viel. „Wir hatten alle das Gefühl, isoliert zu sein", erinnert sich die Gestalterin Elisa Strozyk. „Normalerweise sind wir uns regelmäßig bei Messen und Ausstellungseröffnungen über den Weg gelaufen. Auf einmal gab es dieses Netzwerk nicht mehr."

Als sie anfingen, sich in Zoom-Calls neu zu vernetzen, hätten sie schnell gemerkt, dass ihnen das viel Energie gibt. „Das Kollektiv bietet einen geschützten Raum, um über Ideen oder Pläne zu sprechen und hier eine wohlgesonnene, aber ehrliche Einschätzung oder Anregungen für die Umsetzung zu bekommen", ergänzt Claudia Schoemig, seit mehr als zehn Jahren selbständig mit Schoemig Porzellan.

Die ersten Schritte aus dem geschützten Raum in die Öffentlichkeit zogen die elf professionell auf: mit Fotoshooting, Website und einer Ausstellung im Herbst in Berlin. Die nächste ist im Frühling in Frankfurt geplant. Ohne Kompromisse geht die Arbeit im Kollektiv natürlich nicht ab, anders ließen sich die Interessen von elf eigenständigen Designerinnen wohl auch kaum vereinbaren. „Konflikte oder Meinungsverschiedenheiten wird es immer geben", sagt Heike Buchfelder, Gründerin des Leuchtenlabels Pluma Cubic. „Wir haben einen sehr guten Flow im Moment. Wir wollen das Gemeinsame stärken."


Wettbewerb ist nicht alles

Dass das Ganze mehr sein kann als die Summe seiner Teile, zeigt sich auch bei der so wichtigen Währung Aufmerksamkeit: Die elf berichten von vielen Reaktionen in den sozialen Medien, von mehr Anfragen und positivem Feedback auf die Gründung des Kollektivs. Eines ihrer Ziele, nämlich sichtbarer zu werden, haben sie also schon erreicht. „Es ist viel mehr geworden, als ich mir jemals hätte vorstellen können", sagt Simone Lüling, die unter dem Label Eloa Leuchten und Glasobjekte produzieren lässt. „Ich liebe es, diese Frauenpower zu verbreiten und selber zu erfahren. Gerade auch viele Frauen, mit denen ich geschäftlich in Verbindung stehe, sind sehr angetan von der Idee von Zusammenschlüssen und Netzwerken."

Ob sich die Aufmerksamkeit wirtschaftlich ebenfalls auszahlt, mit neuen Aufträgen und steigenden Verkaufszahlen, können die Designerinnen noch nicht abschätzen. Eines aber ist sicher: Die elf zeigen, dass Wettbewerb nicht alles ist. Statt sich zu belauern und voneinander abzugrenzen, bündeln sie lieber die Kräfte, teilen ihre Kontakte und helfen sich. Vielleicht lassen sich von diesem guten Geist auch noch andere anstecken.

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