Jasmin Jouhar

Freie Journalistin und Moderatorin, Berlin

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Hella Jongerius: "Kosmos weben" im Gropius-Bau, Berlin | STYLEPARK

Hella Jongerius hat die Seiten gewechselt. Die niederländische Designerin, die seit den neunziger Jahren für renommierte Kunden aus der Industrie gearbeitet hat – von Vitra bis Ikea –, entwickelt ihre Projekte nun vor allem für Auftraggeber aus dem kulturellen Sektor. So zeigt das Berliner Ausstellungshaus Gropius-Bau aktuell die Einzelausstellung "Hella Jongerius: Kosmos weben", parallel zu einer großen Yayoi-Kusama-Retrospektive. Bereits im vergangenen Herbst hatte Jongerius mit einem Team von Designerinnen und Designern auf Einladung des Gropius-Baus zwei große Räume im oberen Geschoss des Hauses bezogen, als temporäre Ergänzung zu ihrem Berliner Studio. Als Ort des freien Forschens und Experimentierens, wo jeden Tag an den Exponaten für die Ausstellung gearbeitet wurde. Hier konstruierte sie mit ihrem Team Webstühle für dreidimensionales Weben und probierte aus, wie sich aus Abfällen neue Fäden spinnen lassen. Das zentrale Thema ihrer Forschungen: die Textilproduktion nachhaltiger und innovativer machen. Doch wenn Jongerius die Seiten auch gewechselt hat: Mit der Industrie hat die 57-jährige längst nicht abgeschlossen. "Ich habe lange versucht, die Industrie von innen heraus zu verändern", sagt Jongerius anlässlich eines Besuchs in ihrem Studio im Gropius-Bau. "Aber die Veränderungen waren mir zu gering. Jetzt forsche ich lieber erst einmal außerhalb, auf kulturellen Plattformen wie Museen." Sie hoffe jedoch, dass die Ergebnisse in der Industrie Anwendung finden werden. "Aber so weit sind wir noch nicht", ergänzt sie lachend.


Das temporäre Studio wird mit Ausstellungsbeginn zwar geschlossen, die Objekte und Maschinen sind zwei Etagen tiefer in die Ausstellungsräume gewandert, aber Hella Jongerius‘ Team wird dennoch während der Schau täglich im Gropius-Bau präsent sein. Denn im Zentrum von "Kosmos weben" stehen große Web- und Spinninstallationen, an denen die Designerinnen und Designer jeden Tag arbeiten. Etwa an einem 3D-Webstuhl, dem "Seamless Loom", den sie aus vier einzelnen Webstühlen zusammengebaut haben. Und vier Personen gleichzeitig braucht es auch, um die multiaxiale Maschine zu bedienen. "Es sieht aus wie eine Performance", sagt Hella Jongerius, "aber es ist Arbeit." So entstehen komplexe Gewebe, manche sehen aus wie ein dreidimensionaler, im Raum schwebender Teppich. Die Besucherinnen und Besucher dürfen übrigens mitmachen: Einen Saal weiter hängt eine interaktive Installation von der Decke, die Mensch und Maschine zusammenspannt zur Herstellung eines dicken Seils. Das Seil soll, zur Strickleiter geknüpft, während der Ausstellung langsam aus dem Fenster hinauswachsen, ein kleiner Gruß an die Stadt, dass sich etwas tut hinter den dicken Ziegelmauern des Neorenaissance-Baus.


Doch so fein Hella Jongerius die Materialien und Farben ihrer Objekte auch abstimmt, so ästhetisch und dekorativ die Textilien auch wirken – für die Designerin sind die Experimente kein Selbstzweck, keine Kunst um der Kunst willen. "Industrielle Webstühle sind heute geschlossene, hocheffiziente Systeme", erklärt sie. "Man kann nicht eingreifen, einfach etwas verändern." Deswegen "hacke" sie mit ihrem Team Webstühle, um wieder kreativ zu weben, etwas Neues entwickeln zu können. Sie sieht großes Potenzial für innovative Technologien: "Weben ist die leichteste und zugleich stärkste Konstruktionsweise, die es gibt." Im Flugzeug- und Fahrzeugbau würden heute schon 3D-gewebte Teile eingesetzt. Eine ihrer Visionen: komplett in einem Stück gewebte Gebäudefassaden mit integriertem Tragwerk und Dämmung. An einem digitalen Jacquardwebstuhl hat sie dreidimensionale Probestücke mit eingearbeiteten Solarzellen herstellen lassen – Prototypen kinetischer Elemente, die sich bei Sonneneinstrahlung selbst entfalten wie die Seiten eines Pop-up-Buchs und Energie ernten können. Mit ihren komplexen Formen und spannungsvollen Farbkontrasten funktionieren viele der Objekte in der Schau aber ebenso gut ohne konkrete Nutzungszuschreibung, als freie Skulpturen – zumal im Kontext eines Ausstellungshauses für zeitgenössische Kunst.


Einen kleinen Wink in Sachen Nachhaltigkeit hat Hella Jongerius übrigens auch dem Gropius-Bau selbst gegeben: In der Ausstellung zeigt sie zusätzlich zu ihren textilen Arbeiten unter anderem eine Reihe amorpher Glasobjekte. Die ließ sie eigens für "Kosmos weben" in einer schwedischen Glashütte blasen – aus dem Sand, der in großen Mengen als Abfall einer der vorangegangenen Ausstellungen übriggeblieben war.





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