Jasmin Jouhar

Freie Journalistin und Moderatorin, Berlin

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Wie Ertl und Zull aus Berlin mit kreativem Pragmatismus die Design- und Architekturszene erobern

Ertl und Zull: Das Design-Duo aus Berlin arbeitet virtuos mit Metall.

Großes Ego? Die Zeiten der (meist männlichen) Alleinunterhalter in Design und Architektur gehen zu Ende. Heute wird in wechselnden Besetzungen zusammengearbeitet, je nach Projekt bilden sich Allianzen mit anderen Studios, und - Ehrensache - auch das Team bekommt seine Credits. Kollaboratives Arbeiten ist so selbstverständlich geworden, dass sich sogar der negative Beiklang des Ausdrucks im Deutschen verflüchtigt. Und wenn nach Fertigstellung eines Projekts alle Beteiligten ordentlich aufgelistet werden, dann taucht gerade in Berlin immer öfter ein Name auf: Ertl und Zull.


Hinter dem knackigen Namen steckt eine Kreuzberger Unternehmung jenseits aller herkömmlichen Berufskategorien und Disziplinen. Designer Simon Ertl und Werkstattleiter Markus Zull machen alles zwischen eigenem Entwurf und reiner Dienstleistung, zwischen Konzept und Detail, zwischen Blumenvase und Messebau, und das am liebsten aus schön scharfkantigem Metall. In einem malerisch patinierten Backstein-Hinterhof geht es links ins Büro und rechts in die Werkstatt, links arbeiten fünf Leute, rechts sechs, weiteres Wachstum nicht ausgeschlossen. Das Geheimnis ihres Erfolgs? „Wir denken mit", sagt Simon Ertl. „Und wir haben Lösungen parat. Es geht nicht - das ist nicht unsere Haltung. Es geht immer irgendwie."


Dieser kreativer Pragmatismus hat sich herumgesprochen: Ertl und Zull arbeiten mit Architekturbüros wie Gonzalez Haase AAS, Arno Brandlhuber, Johanna Meyer-Grohbrügge oder Hütten und Paläste zusammen. Der riesige Kühlschrank im Feinkostgeschäft Fresko in Berlin-Mitte stammt ebenso von ihnen wie der Käsestand im Großen Garten in Gerswalde. Rollende Küchenmodule für einen Kunstraum ohne Wasseranschluss? Beistelltische mit eingebautem Gasbrenner für den Espresso zwischendurch? Quietschbunte Outdoormöbel aus Restmetall? Ertl und Zull machen eigentlich alles, was sich in ihrer zweigeschossigen Werkstatt bauen lässt - und was ihnen Spaß bringt. Denn „Fun" gehört für die beiden unbedingt dazu. Deswegen arbeitet Simon Ertl auch so gerne mit verschiedenen Partner:innen und Auftraggeber:innen zusammen. „Das ist abwechslungsreich, es kommen immer wieder neue, spannende Leute und Projekte. So wird es nie langweilig."


Und während Ertl und Zull mit ihrer kollaborativen, vernetzten Arbeitsweise die Grenzen von Autorenschaft und Designbegriff lässig zum Verschwimmen bringen, stehen ihre eigenen Möbel und Objekte ziemlich klar im Hier und Jetzt. Das liegt sicher am harten Material Metall, aber genauso an der Haltung dahinter: Weil Simon Ertl nichts mehr fürchtet als zeitlose Eleganz, entwirft er zwar einfache, reduzierte, dabei aber widerständige Stühle, Regale und Sofas. Sie zeigen Kante, sie wirken gelegentlich instabil und haben oft Humor. Alles gestalterische Tricks und Kniffe, die, so Ertl, „zu Reibung führen, die Beziehung zu den Nutzer:innen intensivieren". Denn bei den Möbeln sind große Egos durchaus gefragt.

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