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Interview

BDZV: Wie viel Twitter ist gut für den Journalismus? Ein Meinungsbild

Seit Ewigkeiten scheint die Debatte vor sich hinzuplätschern, ob Social ­Media­Plattformen zuträglich für den Journalismus seien. Jannik Schäfer hat für das neue BDZV-Magazin relevant. bei auf Twitter aktiven Journalisten nachgefragt.


Auf der einen Seite all die, deren Zeit stets zu knapp und deren Toleranz für digitale Plauderei und bedeutungslose Likes begrenzt scheint. Auf der anderen Seite die Fans einer neuen Diskursform, die kaum noch Verständnis aufbringen können für die konservativen Ansichten der an-deren. Social-Media-Kanäle erzeugten vor allem Blasen und Echokammern, in denen Journalistinnen und Journa-listen ihre eigenen Thesen widerhal-len hören, hieß es dann irgendwann kritisch, und ein neuer Schlachtplatz schien gefunden.

Twitter als blühende Landschaft

Doch seit einer Weile scheint all das vergeben und weitgehend vergessen. Fast jede vernünftige Journalistin und noch jeder übermütige Boulevardrepor-ter hat ein Twitterkonto und freut sich über Hunderte, Tausende oder gar Hun-derttausende Follower. Eine blühende Landschaft von Informationsaustausch, Meinungsaustausch und Debatte scheint gewachsen. Vorbei die Zeiten der großen Umwege über die Blätter, in denen Journalisten abgeschottet ihre Geschichten veröffentlichten.Jetzt hat jeder seine eigene Gefolg-schaft selbst zur Hand und wird von dieser sogar wiederholt aufgesucht und verfolgt, der Persönlichkeit, des Stils oder des Weltbildes wegen. Dies soll gar zur Folge haben, dass Twitterhetze in manchen Redaktionen viel zu viel Gewicht beigemessen wird, während die unsichtbar und schweigend mitle-senden Leserinnen und Leser in Ver-gessenheit zu rutschen drohen. Trotz-dem: Die journalistische Zunft ist drauf und dran, zur nun auch sichtbar tonangebenden Klasse in der Medienöffentlichkeit zu werden. Um dabei nicht in zirkelschlussartige Diskursmuster zu verfallen, hat "relevant." einige der prägenden Figuren der deutschspra-chigen journalistischen Twitterszene genau danach gefragt und vielseitige Antworten bekommen. Die Befragten decken ein breites Spektrum ab. Von der Nachwuchsjournalistin bis zum Nachrichtenchef, vom B2B- und Fachjournalismus bis zur Social-Media-Redaktion. Zusammengerechnet kommen die fünf Befragten auf über 133.000 Follower, mehr also, als viele deutsche Tageszeitung noch an Abonnenten verzeichnen können.

Eva Horn, seit Januar 2009 bei Twitter

Die andere Internetikone mit bunten Haaren. | Journalistin | Expertin für Hate Speech, Counter Speech, gesteuerte Mobilisierung | Social Media @derspiegel

Die Politikwissenschaftlerin und Spiegel-Redakteurin Eva Horn schätzt neben der hohen Geschwindigkeit der Nachrichtenverbreitung die Möglich-keit, auf Twitter mit vielen Akteuren der Zivilgesellschaft in Kontakt treten zu können, die sonst eher schwer Gehör finden. Gerade der Zugewinn an unterschiedlichen Sichtweisen und Blickwinkeln, die ihr als weiße Akade-mikerin sonst mitunter verborgen bleiben, machen die Qualität der Plattform aus. Auch die enorme Kreativität, zum Beispiel im Umgang mit Memes, sieht sie als Bereicherung. Im Kontrast zu anderen Akteuren verspürt Horn keine große Differenz zwischen ihrer öffentlichen Person im digitalen gegenüber der im analogen Raum.

Über guten Journalismus auf Twitter

"Wenn man sich bewusst macht, dass Twitter in Deutschland nicht vom Querschnitt der Bevölkerung genutzt wird, sondern überwiegend von Politikern, Journalisten und anderen medienrelevanten Gruppierungen, dass Bilder und Videos leicht gefälscht oder aus dem Kontext gerissen werden kön-nen und dass das pure Heraussuchen von Tweets keine Recherche ersetzt – und man selbst vielleicht auf die eine oder andere Zuspitzung verzichtet, kann man Twitter auch im Jahr 2020 wunderbar journalistisch nutzen. Ich empfehle, den Accounts einiger nicht-weißer Personen zu folgen, von denen man viel lernen kann, wie @malcolm-ohanwe, @kuebra, @alicehasters oder @ frauasha."


Froben Homburger, seit Juni 2010 bei twitter
Nachrichtenchef @dpa ••• Deutsche Presse-Agentur

Auch der Nachrichtenchef der Deutschen Presse-Agentur Froben Homburger ist ein ausgewiesener Fan von Twitter, da die Plattform die Wahrnehmung der Nachrichtenagentur und ihre Hand-lungsmöglichkeiten nachhaltig verändert hat. Die dpa nutzt den weltweiten Twitterstrom als Nachrichtenquelle und als Seismograph, der Auskunft über inhaltliche Entwicklungen und Diskurse geben kann. Auch können Homburger und seine Kolleginnen und Kollegen die dpa dank Twitter viel verstehbarer machen. Als B2B-Unternehmen beliefert die Agentur andere Unternehmen mit Inhalten, kommt dabei aber nicht mit Endnutzern in Kontakt, die diese Erzeugnisse schließlich lesen, sehen und hören. Jetzt können die Journalistinnen und Journalisten der dpa viel transparenter Einblick geben, wie sie an Informationen kommen, nach welchen Kriterien sie entscheiden, über was sie wie berichten. Für Homburger liegt darin auch der wichtigste Teil seiner Arbeit als dpa-Nachrichtenchef auf Twitter. Er kann konkrete und auch grundsätzliche Fragen beantworten, wie: Warum bezeichnen die dpa die gezielte Tötung des iranischen Generals Soleimani nicht als Mord? Wie hält es die dpa mit gendergerechter Sprache? Wann erwähnt man die Nationalität eines Tatverdächtigen? Ein offener Um-gang mit schwierigen redaktionellen Entscheidungen, aber auch mit Fehlern und Kritik, ist für ihn eine gute Antwort auf die vielfach propagierte Vertrau-enskrise der etablierten Medien. Und Twitter ist dafür eine gute Bühne.

Über guten Journalismus auf Twitter
„Die daueraufgeregte Betriebsamkeit kann zu journalistischem Leichtsinn verführen. Denn hier wird auch viel Unsinn verbreitet, viele Falschmeldungen werden in Umlauf gebracht. Oft wird dabei vergessen, dass Twitter keineswegs repräsentativ für die Bevölkerung steht. All das gilt es zu beachten – und zwar ganz besonders von Journalisten. Soziale Medien nur zu kennen, reicht nicht mehr. Wir müssen auch verste-hen, wie sie funktionieren. Und das können wir am besten, wenn wir uns selbst auch aktiv auf diesen Plattformen bewegen und dort unsere ganz eigenen, manchmal auch schmerzhaften Erfahrungen machen.“


Seyda Kurt
freie journalistin & moderatorin | koöffentlichkeitlumnistin @nachtkritik | mail(at)seyda-kurt(punkt)de | berlin, köln | sie/she

Die Nachwuchsjournalistin Seyda Kurt hat über Twitter schon viele Protagonisten für Reportagen gefunden und viele Kontakte vermittelt. Für aufmerksame Journalisten sieht sie auf Twitter einen zeitlichen und inhaltlichen Recherchevorteil beim Aufspüren relevanter Neuigkeiten. Sie beobachtet, dass Twitter mitunter einen Zugzwang auszulösen scheint, zu jeder Debatte eine elaborierte Meinung zu präsentieren, und plädiert für einen offeneren Umgang mit Ambivalenz und Unsicherheit. Kurt betont besonders den Wert der vielfältigen Perspektiven, die im alltäglichen analogen Leben selten sichtbar werden. Gemeint sind damit vor allem marginalisierte Stimmen, die mehreren Studien zufolge in der Medienlandschaft immer noch zu kurz kommen: Frauen, nicht binäre Menschen, nicht weiße Menschen oder Menschen mit Behinderungen. Kurt sieht trotz wichtiger Debatten auf Twitter zu wenig Raum für Differenzierungen und komplexe Analysen, doch sie sieht den Wert der Perspektiverweiterung als große Chance, auch für jede Journalistin und jeden Journalisten persönlich.

Über guten Journalismus auf Twitter
„Mich holen diese anderen Perspekti-ven aus meiner Komfortzone, fordern mich dazu auf, Realitäten mitzudenken, die ich nicht erfahren habe – oder helfen mir zumindest, dafür offen zu sein und lernfähig zu bleiben. Bei vielen Kolleginnen und Kollegen und in vielen Redaktionen fehlt noch immer die Einsicht, dass soziale Medien eine ernstzunehmende, meinungsbildende Öffentlichkeit ausmachen – dass sie die Chance bieten, mit einer engagierten, kritischen Schar von Leserinnen und Lesern in Austausch zu stehen und von ihren Ideen zu profitieren.“


Teresa Bücker
Journalistin | Kolumnistin @szmagazin | Speakerin: Vielfalt, Vertrauen, Feminismus, Arbeit, Zusammenleben | Vorher: CR EDITION F, @derfreitag | sie/ihr, she/her

Die Journalistin Teresa Bücker ist schon seit 2008 auf Twitter und kennt noch die Zeit, zu der nur Pioniere aktiv waren, ebenso wie die Gegenwart, in der sie selbst zu den prägenden Akteurinnen gehört. Strategische Twitternutzung kann für sie viel dazu beitragen, ein Medium bekannter zu machen und Leser an dieses zu binden. Entscheidend dafür seien jedoch Social-Expertinnen und -Experten, die Zeit haben, herauszufinden, wie man welchen Kanal am besten für das jeweilige Medium nutzt – denn das unterscheide sich in der Regel stark voneinander. Bücker betont den enormen journalistischen Mehrwert des breiten Überblicks und der interdisziplinären Vernetzung, wodurch immer wieder neue Experten und mögliche Interviewpartner aus al-len Bereichen gefunden werden könnten. Es sei gerade jetzt eine journalistische Aufgabe, die Wirklichkeit besser abzubilden und auch der in Studien nachgewiesenen strukturellen Benach-teiligung bei der Auswahl von Expertinnen und Experten mit ausgewogener Berichterstattung entgegenzutreten.

Über guten Journalismus auf Twitter
„Man kann ein soziales Medium dann am besten nutzen, wenn man wirklich Spaß daran hat. Kolleginnen und Kollegen, die denken, dass sie auf Twitter sein müssten, es aber gar nicht mögen, würde ich empfehlen, es wieder zu lassen. Twitter ist eine sehr dynamische Ergänzung der journalistischen Arbeit mit Vor- und Nachteilen. Die Kehrseite ist, dass Redaktionen Expertise im Verstehen und Analysieren der Inhalte aufbauen müssen: Ob ein Hashtag beispielsweise von rechtsextremen Usern gepusht wird oder ob es sich um ein Thema handelt, das über verschiedene Communitys hinweg eine Relevanz hat, können nur Redakteurinnen und Redakteure mit der entsprechenden Expertise erkennen, die kontinuierlich weiterzubilden sind.“


Hendrik Wieduwilt
Journalist, speaker, moderator. Law policy, the digital age & sometimes photography.

Für den Wirtschafts- und Rechtsjournalisten Hendrik Wieduwilt ist Twitter schnelle Nachrichtenquelle, Barometer für Themenlagen und ideales Vernet-zungswerkzeug zugleich, über das er auch den direkten Draht zu Entscheidern bekommt. Auch Quellen treten an ihn heran und er schätzt das Poten-zial zur Selbstvermarktung. Wieduwilt sieht LinkedIn und Xing als überholt, bezeichnet den dortigen Diskurs als zu geschwätzig, selbstdarstellerisch und espritfrei. Als Journalist auf Twitter setzt er vor allem auf Nachrichten mit besonderem Mehrwert für seine Follower und folgt Politikern, Interessenvertretungen, Kollegen und Wissenschaftlern. Er beschreibt in seiner Nutzung der Plattform das Entstehen einer Art „Persona“. Sein Profil habe viele Überschneidungen mit seinem sonstigen öffentlichen Auftreten, aber auch klare Unterschiede. Man gebe weniger preis, was vielleicht auch damit zu tun habe, dass die Plattform schon immer eher den Charakter einer Bühne als den eines Wohnzimmers gehabt habe.

Über guten Journalismus auf Twitter
„Besonders gut verwenden Twitter meiner Ansicht nach die Österreicher Armin Wolf und Florian Klenk, hierzulande etwa Robin Alexander und Martin Kaul. Besonders verdienstvoll sind die diversen Faktenchecker, etwa @hoax-eye oder @AFPFactCheck, da sie einen guten Eindruck vermitteln, wie viel und gut im Netz getäuscht wird. Als Jurist schätze ich neben Gerichts-Accounts besonders die Anwälte und Professoren. Durch sie bekomme ich aktuelle Themen – etwa Urteile – oft besser aufbereitet und eingeordnet, als es ein einzel-ner Rechercheanruf leisten könnte.“