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Weißes Gold

Fotografie: Jens Umbach

Haferdrinks sind viel teurer als Milch. Warum eigentlich?

Text: Janina Martens Fotografie: Jens Umbach

Im Schnitt verbraucht ein Mensch in Deutschland knapp 50 Liter Milch pro Jahr. Seit einiger Zeit machen ihr allerdings Getränke auf pflanzlicher Basis den Platz im Kühlschrank streitig. Die beliebteste Alternative ist die sogenannte Hafermilch. Auch wenn der Begriff im allgemeinen Sprachgebrauch angekommen ist, darf sie offiziell nicht „Milch" heißen", denn eine europäische Verordnung hat den Begriff als „das Gemelk einer oder mehrerer Kühe" definiert, deshalb lautet die Handelsbezeichnung: Haferdrink.

Im Supermarkt fällt auf, dass das Getreidegetränk oft doppelt oder dreimal so viel kostet wie Milch. Für Haferdrinks von Marken wie Oatly oder Alpro zahlt man zwischen 1,80 und knapp drei Euro pro Liter, die gleiche Menge Vollmilch hingegen kriegt man schon für 88 Cent und in der Bio-Variante für durchschnittlich etwa 1,20 Euro. Warum ist das so?

Milch

„Wie kommt es, dass Ihr Haferdrink teurer ist als Milch?" Eine unschuldige Frage. Na gut, nicht ganz. Es schwingt mit, dass sich da jemand eine goldene Nase verdienen und umweltbewusste Leute schröpfen könnte. Die Pressestelle des norddeutschen Haferdrinkherstellers Kölln hat sogleich eine Begründung zur Hand: „Der Endverbraucherpreis von Kuhmilch wird unter vielen Gesichtspunkten kritisch diskutiert. Dies wirft die Frage auf, ob der EVP für Kuhmilch auch tatsächlich den Wert dieses Lebensmittels widerspiegelt."

Soll heißen: Es liegt nicht an uns, sondern an den anderen - Milch ist zu billig. Seit Jahren protestieren Landwirtinnen und -wirte gegen die Agrarpolitik und die Ausbeutung durch Lebensmittelkonzerne; hupend rollen sie in Traktoren mit Bannern durch die Städte. „Viele Milchbauern und -bäuerinnen müssen ihre Betriebe aufgeben. Sie federn Verluste eine Weile durch Lohnverzicht ab, aber irgendwann ist Schluss", sagt Frank Lenz, Vorstandsvorsitzender des wirtschaftlichen Vereins Milcherzeugergemeinschaft (MEG) Milch Board. Er selbst bewirtschaftet einen Hof mit 350 Kühen im Norden von Sachsen-Anhalt.

Bei der Milcherzeugung fallen viele Kosten an: Futter, Pacht, Löhne, Melkmaschinen, Tierarzt und so weiter. Die Ausgaben sind höher als die Einnahmen durch den Milchverkauf. In den vergangenen zehn Jahren betrug die Unterdeckung bei deutschen Milchbauern zwischen 20 und 30 Prozent. Zu Beginn 2022 sah es etwas besser aus. „Nur" neun Prozent der Kosten blieben ungedeckt. Dennoch ein Minusgeschäft. Manche Landwirte vergrößern ihre Viehbestände, um Kosten einzusparen und mehr Milch liefern zu können; viele Höfe überleben nur, weil sie EU-Subventionen bekommen und andere Einnahmequellen haben, etwa Biogasanlagen betreiben.

Oder sie überleben nicht. Ende der Neunzigerjahre gab es mehr als 150 000 Betriebe mit Milchkühen in Deutschland, heute sind es nur noch etwa 55 800. Viele kleinere Betriebe mussten aufgeben.

„Wir können unseren Preis nicht selbst bestimmen. Das tun die Molkereien", sagt Frank Lenz. „Ich liefere meine Milch ab und sehe am 15. des Folgemonats, was ich dafür bekomme." Die MEG setze sich für Verträge ein, in denen Preis, Menge und Lieferzeitpunkt verbindlich festgelegt werden.

Ihm sei klar, dass die Molkereien ebenfalls unter Druck stünden, so Lenz. „Der Handel drückt die Preise." Milch gehört wie Butter zu den sogenannten Ankerprodukten im Supermarkt, den Waren des täglichen Bedarfs. Deren Preise kennen Kundinnen und Kunden besonders gut und bemerken Veränderungen sofort. Bei diesen Produkten tragen die Handelsriesen Preiskämpfe aus.

Angesichts der Inflation und des Krieges hat der Einzelhandel zwar den Ladenpreis von Milch leicht angehoben, jedoch nicht zugunsten von Landwirten oder Molkereien. Nach Berechnungen des Instituts für Ernährungswirtschaft Kiel gehen von den 88 Cent für einen Liter Vollmilch 17 Cent an den Handel - für Kühlung, Lagerung und Gewinnmarge. Vor vier Jahren waren es noch 11,4 Cent, vor sechs Jahren 6,4 Cent. Die Anteile für Erzeuger und Molkereien haben sich zuletzt kaum verändert.

Dabei sind auch deren Kosten stark gestiegen. Durch Russlands Krieg ist Futter teurer und teilweise knapp geworden - die Ukraine war bislang ein wichtiger Lieferant. Auch für Strom und Gas muss viel mehr gezahlt werden.

Die Nachfrage nach Butter und Milchpulver auf dem EU-Markt ist derzeit sehr groß und der Börsenmilchpreis entsprechend hoch. „Dem Markt fehlt die Milch", sagt Lenz. Er sieht die Knappheit als eine logische Konsequenz der vergangenen Jahre, in denen die Bauern „kaputtgespart" worden seien.

Vor knapp zwei Jahren haben Forscher der Universität Augsburg die tatsächlichen Kosten mehrerer Lebensmittel ermittelt und dabei sowohl Produktionskosten als auch Folgekosten für Umwelt und Gesellschaft, etwa durch Treibhausgase, berücksichtigt. Ihr Ergebnis: Milch müsste sich um 122 Prozent verteuern, also mehr als doppelt so viel kosten.

Haferdrink

In der Herstellung müsste er eigentlich viel billiger sein als Milch. Zumindest lässt ein Blick auf die Inhaltsstoffe das vermuten: zu etwa 90 Prozent Wasser. Dann Hafer, Öl, Salz. Im Herstellungsprozess braucht es noch Enzyme, manchmal kommen Vitamine, Calcium oder Säureregulatoren hinzu.

„Eigentlich die Lizenz zum Gelddrucken", sagt Alexander Graf in Folge 343 seines Podcasts „Kassenzone". Der Unternehmer und E-Commerce-Experte hat darin den Haferdrinkhersteller Oatly unter die Lupe genommen, Börsenberichte und Bilanzen gewälzt - und erstaunt festgestellt: doch alles nicht so billig. Über Oatlys Zahlen von 2020 sagt Graf im Podcast: „Den 420 Millionen Dollar Umsatz stehen knapp 300 Millionen Dollar Kosten entgegen, um das Produkt zu erzeugen."

Oatly ist der weltgrößte Haferdrinkhersteller. Das schwedische Unternehmen ging 2021 an die Börse, unterstützt von prominenten Investorinnen wie der Schauspielerin Natalie Portman, und erreichte zu dem Zeitpunkt eine Bewertung von zehn Milliarden Dollar. Kein Wunder: Das Geschäft mit pflanzlichen Milchalternativen floriert, Oatly ist eine starke Marke und passt zum Zeitgeist, vegan, laktosefrei, mit guter Ökobilanz.

Doch ein Jahr nach dem Börsengang sieht Oatlys Bewertung nicht mehr so gut aus. Alexander Graf sagt auf Nachfrage: „80 Prozent haben sie an Wert verloren." Ihn wundert das nicht. Eines der Probleme sei, dass Oatly auf den Handel angewiesen ist - und der kassiert mit. So ist die Marge für den Hersteller geringer. Zudem seien Haferdrinks kein geschütztes Produkt. Deshalb gibt es viel Konkurrenz, darunter billige Eigenmarken der Discounter; Aldi verkauft seinen eigenen Haferdrink für 99 Cent.

Wie setzt sich der Ladenpreis der Haferdrinks zusammen? Offizielle Aufschlüsselungen wie bei Milch gibt es dazu nicht, und die meisten Firmen lassen sich nicht in die Karten schauen. Anders das genossenschaftlich organisierte Unternehmen Havelmi. Der kleine Haferdrinkhersteller aus Brandenburg an der Havel wurde 2019 gegründet. „Wir können gern über Zahlen sprechen", sagt Paavo Günther. Er ist einer der Gründer, geschäftsführender Vorstand - und Transparenz sei ihm wichtig, sagt er.

Zum Gespräch empfängt der 36-Jährige in seinem Bürocontainer neben der mit Graffiti besprühten Produktionshalle. „Ist alles noch improvisiert, wir sind erst vor Kurzem hergezogen. Früher war das eine Wurstfabrik." Nun produziert die Genossenschaft hier einen Bio-Haferdrink, der in einer Mehrweg-Glasflasche im Kühlregal verkauft wird.

Paavo Günther öffnet auf seinem Rechner eine Tabelle zur Zusammensetzung des unverbindlichen Verkaufspreises. Ein Liter Havelmi-Haferdrink kostet 2,99 Euro. Etwa ein Drittel dieser Summe geht an den Handel. Da ist sie also wieder, die große Handelsspanne. Führt kein Weg an den Supermarkt-Konzernen vorbei? Vielleicht doch. Havelmi bietet Abos und Abholtage an - „und wir liefern seit Anfang April innerhalb der Stadt Brandenburg nach Hause." Bestenfalls mit dem Lastenrad, erklärt Günther. Er hat „Nachhaltige Unternehmensführung" studiert, will etwas tun für mehr Regionalität und eine Ernährungswende. Aber er weiß selbst: „Das mit dem Lastenrad ist eine idealistische Idee von mir. Ohne den Handel geht es nicht. Soll es auch nicht. Unsere Hafermilch soll da verfügbar sein."

Ein weiterer Kostenfaktor: die Mehrwertsteuer. Während für Milch als Grundnahrungsmittel der ermäßigte Steuersatz von 7 Prozent gilt, werden pflanzliche Alternativen mit 19 Prozent besteuert, denn sie fallen in die Kategorie verarbeitete Lebensmittel. „Vielleicht wird das irgendwann geändert", hofft Günther. Dass mehrere tierische Lebensmittel so staatlich subventioniert würden, kritisieren Umweltverbände seit Jahren.

Vom Ladenpreis bleiben für Havelmi als Marge derzeit nur fünf Cent pro Liter übrig - ein Plus, von dem die Milchbauern allerdings nur träumen können. Im Moment seien etwa die Personalkosten recht hoch. „Das wird besser, wenn wir unsere Produktionsabläufe optimiert haben", sagt Günther. „Dann läuft mehr automatisiert, es muss nicht mehr jede Flasche sechsmal angefasst werden." Auch mit zunehmenden Mengen müsste die Produktion günstiger werden.

Große Player wie Oatly sind nicht vergleichbar mit einem Unternehmen wie Havelmi, doch das Prinzip ist ähnlich. So investiert auch Oatly derzeit in neue Produktionsstätten und schreibt unter anderem deshalb rote Zahlen - 2021 betrug der Umsatz 643 Millionen Dollar, unterm Strich stand ein Minus von 212 Millionen.

Havelmi kauft für sein Produkt Bio-Hafer aus Brandenburg, Salz aus Bad Belzig und Bio-Sonnenblumenöl ein. Die Kosten dafür machen zwar nur zehn Prozent des Verkaufspreises aus, doch aktuell werden die Rohstoffe teurer. Die Preise für Hafer steigen stark. Die hohe Nachfrage auf dem Weltmarkt kann kaum gedeckt werden. Auch der Krieg Russlands gegen die Ukraine hat Auswirkungen: Die Ukraine hat die Ausfuhr von Hafer eingeschränkt.

Obwohl Havelmi regional einkaufe, beeinflusse der Krieg die Produktion immens, sagt Paavo Günther. Eine Tonne Hafer kostete im Juli 2021 im Schnitt noch 196 Euro, im März 2022 bereits 345 Euro. Zudem seien Sonnenblumenöl, Maschinen und Flaschendeckel teurer geworden. „Das ist ein Riesenproblem", so Günther. Eigentlich müssten sie die Kosten weitergeben, aber ihr Produkt sei bereits teurer als andere. „Irgendwann ist beim Konsumenten das Ende der Fahnenstange erreicht."

Ist der Preis also angemessen? „Hafermilch scheint mir fair bepreist, sie ist nicht zu teuer", sagt Alexander Graf. Man dürfe auch nicht außer Acht lassen, dass die Milch Jahrhunderte „Vorsprung" in den Produktions-, Vertriebs- und Subventionsprozessen habe. Die Hersteller von Haferdrinks müssten somit mehr in Entwicklung, Marketing und Produktionsaufbau investieren.

Noch lässt sich mit Haferdrinks also keine goldene Nase verdienen. Das weiß auch Paavo Günther. Havelmi arbeitet erst einmal darauf hin, schwarze Zahlen zu schreiben - etwas, das die kleine Firma aus Brandenburg mit dem schwedischen Platzhirsch Oatly gemein hat. ---


Dieser Artikel ist aus der brand eins 06/22: Schwerpunkt Preise

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