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Aktienhandel: Wir zocken an der Börse

Der Tag, an dem Julien Gianoncelli das Fieber packt, ist der 9. November 2020. Da geschieht etwas, das viele Menschen freut, aber nur wenige so sehr wie den 29 Jahre alten Gianoncelli: Der Mainzer Impfstoffhersteller BioNTech meldet, dass sein Corona-Impfstoff zu 90 Prozent wirksam ist.

Gianoncelli besitzt BioNTech-Aktien. Deren Kurs steigt nun: Als Gianoncelli ihn das erste Mal auf seinem Handy checkt, schon um 20 Prozent. "Es ging hoch, hoch, hoch!", erzählt er. Schließlich verkauft er mit einem Klick und 3000 Euro Gewinn. "Ich bin durch die Wohnung getanzt", erzählt er. "Es fühlte sich an, als ob ich eine Jobzusage bekommen hätte. Ich war ultraeuphorisch."

Dorothea Langs Moment ist Ende Mai 2020. Ihr Mann hatte auf der Social-Media-Website Reddit über die digitale Währung Bitcoin gelesen und gesagt, da sei alles möglich, von 20.000 auf 100.000 in kürzester Zeit. "Ich meinte: Nun mal langsam, also, bei aller Liebe, das klingt zu gut, um wahr zu sein", erzählt sie. Schließlich verwaltete die 42-Jährige schon länger die Finanzen der Familie und wusste, wie schwierig es ist, große Gewinne zu machen. Aber als gelernte Handweberin und Handstickerin hat sie im Shutdown wenig zu tun, und so schaut sie sich bei den Kryptowährungen um. Lang beschließt einzusteigen. Mit 1000 Euro "Spaßgeld". "Am Ende des Monats waren es nicht mehr 1000 Euro, sondern 1500." Da sei die Jägerin in ihr erwacht, sagt sie - und: "Jetzt verstehe ich, wie sich Goldrausch anfühlt." Sie nennt das: "Geifer, Geifer, Gier!"

Euphorie und Rausch - solche Gefühle verbinden die Deutschen traditionell selten mit Aktien, geschweige denn mit Kryptowährungen. Eher Bangigkeit und Enttäuschung. Die deutsche Lieblingsgeldanlage war deshalb lange das Tagesgeld. Auch wenn es noch so wenig abwarf, war es doch auf jeden Fall sicher angelegt. Wertpapiere zu handeln war hingegen nach dem Börsencrash der Jahrtausendwende in etwa so beliebt wie das Quilten von Zierdecken: Die wenigen, die es taten, sprachen höchstens unter Gleichgesinnten darüber.

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Das ändert sich gerade. Inzwischen habe jeder sechste Erwachsene in Deutschland in Aktien oder Fonds investiert, hat das Deutsche Aktieninstitut gerade mitgeteilt. Das sind rund 12,4 Millionen Menschen und damit 2,7 Millionen mehr als noch vor einem Jahr. Man muss das wiederholen: 2,7 Millionen mehr - in einem Jahr!

"Sensationell" findet das Christine Bortenlänger, Geschäftsführende Vorständin des Instituts, das seit fast 70 Jahren für mehr Mut zu Aktien wirbt und von der Finanzindustrie und börsennotierten Konzernen bezahlt wird. Deutschlands oberste Wertpapier-Lobbyistin kann ausführlich darüber berichten, warum es sich lohnen soll, seine Altersvorsorge breit gestreut auf Aktien aufzubauen.

Doch was viele Deutsche gerade an die Börse treibt, sind weniger solche Vernunftargumente. Es treibt sie die Lockdown-Langeweile. Und vor allem die Angst, jetzt, genau in diesem Moment, etwas zu verpassen.

Im Zuge der Pandemie sind die Aktienmärkte in Bewegung. Und wo Bewegung ist, gibt es Chancen auf Gewinne. Im Frühjahr 2020 stürzten die Kurse zunächst ab. Doch seither geht es aufwärts. Mittlerweile steht der Deutsche Aktienindex Dax höher denn je. Trotz Pandemie.

Das liegt an den vielen Milliarden, die Regierungen und Notenbanken in Unternehmen und Märkte gepumpt haben. Und es liegt an den niedrigen Zinsen, die Tagesgeld und Staatsanleihen unattraktiv werden ließen. Stattdessen suchen die Anleger nach Märkten, wo sich das Geld noch vermehren könnte. Bei den Kryptowährungen sind die Gewinne (bei hohem Risiko) noch beeindruckender als bei Aktien. Der hat seinen Wert in den vergangenen zwölf Monaten verzehnfacht.

Viele Deutsche hat daher die Anleger-"Fomo" gepackt, die "fear of missing out": Sie fürchten, zu spät zu kommen.

Besonders die Jüngeren suchen den Einstieg: Laut dem Deutschen Aktieninstitut wagten sich im Jahr 2020 fast 600.000 Erwachsene unter 30 Jahren auf das sogenannte Börsenparkett, das sie heute nur noch virtuell betreten. Im Vergleich zum Vorjahr ist das eine Steigerung um fast 70 Prozent und damit der mit Abstand stärkste Anstieg in allen Altersgruppen. Überhaupt: Über das eigene Geld zu reden ist Ausweis eines neuen Zeitgeists. Lost ist, wer nicht versteht, wenn ihm jemand im Telegram-Chat "Hodl!" zuruft, was als Abkürzung für "hold on for dear life" verstanden wird und bedeutet: Verkauf bloß nicht, Halten ist angesagt!

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