Jana Hauschild

freiberufliche Journalistin, Berlin

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Viele verlieren den Job, manche ihr Leben

Sie werden gemieden, abgelehnt, kritisch beäugt, oft sogar medizinisch schlechter versorgt. Trotz zunehmender Offenheit im Umgang mit seelischem Leid hängt psychisch Erkrankten ein Stigma an, das zusätzlich bedrücken und sogar erdrücken kann. Menschen mit psychischen Erkrankungen sterben im Durchschnitt 15 bis 20 Jahre früher als seelisch gesunde. Die Ursachen dafür sind vielfältig. Doch die Stigmatisierung gilt unter Forschern als ein entscheidender Mosaikstein für verkürztes Leben.

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Krank und gefährlich? Psychisch kranke Menschen geraten oft unter Generalverdacht

„Vielen psychisch erkrankten Menschen begegnen im Alltag Intoleranz und Ablehnung", sagt der Psychiater Nicolas Rüsch, Professor für Public Mental Health am Universitätsklinikum Ulm. Er untersucht seit Jahren die Folgen der Stigmatisierung. Aus seinen Studien und aus Gesprächen mit Patienten weiß er: In Deutschland gibt es Arbeitgeber, die psychisch erkrankte Menschen ohne konkreten Anlass als faul, unverantwortlich oder unberechenbar abstempeln und entweder die Kündigung ausstellen oder niemanden mit solch einer Krankheitsgeschichte einstellen. „Ein ähnliches Verhalten kann es in Sportvereinen, unter Vermietern oder auch in der Nachbarschaft sowie im Freundeskreis geben. Die erkrankten Menschen werden ausgegrenzt", sagt Rüsch.

Psychisch Erkrankte: „Die bloße Wahrnehmung von Stigma kann Suizidalität erhöhen"

Das alles zu erleben, aber auch schon die Erwartung, das dies geschehen könnte, könne zu einer Überlastung führen. Experten wie Rüsch sprechen von Stigmastress. Dieser zwinge bei manchen das ohnehin schon schwer belastete seelische Gerüst in die Knie. Der zusätzliche seelische Schaden sei immens. Er könne zu Isolation führen, erschweren, sich Hilfe zu suchen und die Menschen bis in den Suizid treiben.

Eintreten gegen Diskriminierung

Studie. Fast jeder Dritte möchte keinen Menschen mit Schizophrenie als Nachbarn haben, jeder sechste keinen mit Depression. Das ergab 2013 eine Studie des Forschers Matthias Angermeyer. Sechs von zehn Deutschen wollen niemanden mit Schizophrenie als Ehepartner für ein Familienmitglied, vier von zehn lehnen Personen mit Depression ab. Ein Drittel würde ungern mit einem Menschen mit Schizophrenie zusammenarbeiten. Knapp jeder fünfte lehnt einen depressiven Arbeitskollegen ab.

Stigmatisierung. Menschen, die an Schizophrenie erkrankt sind, würden häufig pauschal als gewalttätig und unberechenbar eingestuft, heißt es auf der Seite des Aktionsbündnisses Seelische Gesundheit. Menschen mit Depressionen oder einer Suchterkrankung hörten oft, ihnen fehle nur die nötige Selbstdisziplin. Dies seien nur zwei Beispiele für Vorurteile gegenüber Menschen mit psychischen Erkrankungen. Die Stigmatisierung sei oft eine „zweite Erkrankung". Weiteres unter: seelischegesundheit.net

Bündnis. Das Aktionsbündnis Seelische Gesundheit setzt sich gegen Vorurteile und Diskriminierung ein und versucht einer Stigmatisierung psychisch Erkrankter entgegenzuwirken. Im Aktionsbündnis haben sich 110 Verbände zusammengeschlossen. In Berlin gehören dazu unter anderem: Basta - Das Bündnis für psychisch erkrankte Menschen und der Verein für Psychiatrie und seelische Gesundheit in Berlin. Informationen unter: bastagegenstigma.de psychiatrie-in-berlin.de

Rüschs Kollegin, die Sozialpsychiaterin Nathalie Oexle, hat in mehreren Untersuchungen festgehalten, wie deutlich dieser Zusammenhang ist. Bereits „die bloße Wahrnehmung von Stigma kann Suizidalität erhöhen", heißt es in einer Übersichtsarbeit der Gesundheitswissenschaftlerin von 2018. Schon die Erwartung, aufgrund der Erkrankung diskriminiert zu werden, verstärkt Suizidgedanken. Das zeigt eine Studie von Nathalie Oexle und Kollegen. Je mehr Diskriminierung die Menschen bereits erlebten, aber auch je mehr sie die ablehnende Haltung anderer verinnerlicht haben, desto eher hegen sie demnach Suizidgedanken.

Psychisch Erkrankte: Je weniger Akzeptanz desto mehr Suizide

Diese Verknüpfung legen auch die Befunde einer internationalen Forschergruppe um den Sozialpsychiater Georg Schomerus nahe, der seit Mai die Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Leipzig leitet. Die Forscher untersuchten in 25 europäischen Ländern die Haltung der Allgemeinbevölkerung gegenüber psychisch Erkrankten sowie die Zahl der Selbsttötungen. Je weniger Akzeptanz für seelische Leiden in einer Region vorherrschten, desto mehr Suizide verzeichnete diese.

Doch nicht nur der seelische Schaden kann Menschenleben kosten. „Unter psychisch Erkrankten gibt es eine sehr viel höhere Sterberate, aber nicht allein, weil die Suizidraten hoch sind, sondern weil körperliche Erkrankungen nicht diagnostiziert oder nicht behandelt werden", sagt Wolfgang Gaebel, Psychiatrieprofessor der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und Vorsitzender der Anti-Stigma-Initiative Aktionsbündnis für Seelische Gesundheit. Körperliche Beschwerden würden als Teil der seelischen Probleme verkannt oder heruntergespielt, erklärt Gaebel. Die Patienten erhielten nicht die volle Palette an möglichen Therapien.

Psychisch Erkrankte als Patienten zweiter Klasse

„Das geschieht, weil Mediziner oder Pfleger das Stigma gegenüber psychischen Erkrankungen billigen", erklären Forscher aus den USA. Diese haben in einem Experiment 166 Allgemeinärzten und Psychiatern das fiktive Fallbeispiel eines schizophren erkrankten Erwachsenen vorgelegt, der sich wegen Arthritis und Rückenschmerzen ärztliche Hilfe sucht. Die Behandler sollten entscheiden, wie sie handeln würden. Der Befund erschreckt: Nicht einmal jeder Fünfte hätte den jungen Mann zu einem Spezialisten überwiesen. Nur einer von sechs hätte Medikamente gegen die Schmerzen verschrieben. Drei von vier Ärzten gingen von vorneherein davon aus, dass der Patient die empfohlene Medikation ohnehin nicht befolgen würde. Solche Unterlassungen traten eher auf, wenn ein Mediziner Vorurteile gegenüber psychisch Erkrankten aufwies.

Selbst wer mit einem Herzinfarkt in die Notaufnahme kommt, hat schlechtere Karten, wenn in seiner Krankenakte eine psychische Erkrankung vermerkt ist, wie kanadische Wissenschaftler aufdeckten. Sie berechneten, wie lange Patienten auf eine lebensnotwendige Behandlung warteten. Von 6.784 untersuchten Patientenakten enthielten 680 den Vermerk einer Depression. Die Betroffenen wurden bei einem Herzinfarkt im Schnitt eine Viertelstunde später mit einer Infusion behandelt und mussten geschlagene 140 Minuten länger als andere Patienten bis zu einer sogenannten Ballonbehandlung ausharren. Sie waren Patienten zweiter Klasse - sogar in Lebensgefahr.

Viele verlieren ihren Arbeitsplatz, manche ihr Leben

Das Fachjournal The Lancet spricht angesichts von solchen Befunden von einer Gesundheitskrise. „Von Krebsvorsorge über Krankenhausaufnahme bei diabetischen Krisen bis hin zu Bluthochdruck-Management: Die körperliche Gesundheitsversorgung, die Menschen mit psychischen Erkrankungen erhalten, ist entsetzlich schlecht im Vergleich zu dem, was ihnen angeboten werden sollte", heißt es in einem Beitrag der Herausgeber. Auch in Deutschland sei die Schieflage deutlich erkennbar, etwa in der psychotherapeutischen Versorgung, meint der Psychiater Nicolas Rüsch: „Bei keiner körperlichen, lebensbedrohlichen Erkrankung ist es vorstellbar, dass die Betroffenen Monate auf eine wirksame Behandlung warten müssen. Da würde es einen lauten Aufschrei geben. Doch hierzulande erhalten die Menschen auch mit schweren psychischen Erkrankungen oft erst nach Monaten einen Psychotherapieplatz." In dieser Zeit werde ihre Erkrankung chronisch, viele verlören ihren Arbeitsplatz, manche ihr Leben.

Doch wie soll man der Stigmatisierung begegnen? Große Antistigma-Kampagnen haben die erhoffte Wirkung nicht erreicht. Die Öffentlichkeit weiß mehr über psychische Erkrankungen, doch ihre ablehnende Haltung hat das wenig beeinflusst, wie Studien immer wieder zeigen. Rüsch setzt deshalb auf die Emanzipation der Erkrankten und versucht mit Kollegen, ihr Selbstbild zu stärken. Bei dem Programm „In Würde zu sich stehen" lernen Teilnehmer nach US-amerikanischem Vorbild unter Anleitung von anderen Erkrankten, selbstbestimmt zu entscheiden, ob sie ihre Erkrankung offenlegen.

Psychische Erkrankungen: „Die Menschen müssen in Kontakt mit den Betroffenen kommen und Vorurteile überwinden"

Nicht wenige Betroffene versuchen, ihre Erkrankung geheimzuhalten. Dies fördert den Stigmastress. Die Teilnehmer üben daher, ihre Krankheitsgeschichte zu erzählen und zu entscheiden, ob, wann und zu wem sie darüber sprechen möchten. Ersten Studien zufolge senkte dies den Stigmastress, milderte depressive Symptome und erhöhte die Lebensqualität.

Nicht zuletzt entsteht Stigmatisierung aber inmitten der Gesellschaft. „Die Menschen müssen in Kontakt mit den Betroffenen kommen, sie kennenlernen und dabei Vorurteile überwinden", sagt der Psychiater Wolfgang Gaebel. Er und das Aktionsbündnis für Seelische Gesundheit mit seinen 110 Verbänden ermutigen daher jeden einzelnen Bürger, im Alltag hinzuschauen. Da sei der Arbeitskollege, der einem anderen in einer Krise seine Hilfe anbieten könne, so Gaebel. Da sei der Lehrer, der Jugendlichen beibringen könne, wie man mit vermeintlich Schwächeren respektvoll umgeht. Der Bürger könne prüfen, welche Sendung er schaut, welches Blatt er liest und ob darin Menschen mit psychischen Erkrankungen verunglimpft werden. Jeder könne etwas dazu beitragen, das Stigma zu reduzieren.

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