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Die Hipster sind überall: Die Bürger haben den Umgang mit Ironie längst gelernt, aber die Politik zieht nicht mit. Wenn die Diskurse sich weiterhin auseinanderentwickeln, gedeiht auf Dauer das Gemeinwesen nicht recht. 

Stuttgart - In den vergangenen zwei Jahren wurde in der Stuttgarter Zeitung mehr als dreißig Mal das Wort Hipster verwendet. Das ist bemerkenswert, weil der Hipster eigentlich nur als Zerrbild seiner selbst existiert; keiner nennt sich selbst Hipster, wohingegen viele als Hipster bezeichnet werden - nicht nur in der StZ. Eine allgemeingültige Definition existiert nicht; ob jemand ein Hipster ist, liegt sozusagen im Auge seines Betrachters. Der diffuse Begriff Hipster ist zur Beschreibung einer Welt von Gesten, Zeichen und Moden also nur bedingt geeignet. Er ist so beliebt, weil er als Metapher taugt - für eine bestimmte Gruppe, die wiederum für eine breite gesellschaftliche Bewegung steht: für Konsum, das Primat des Äußeren und in einem ganz umfassenden Sinn für den Hang zu Coolness und Ironie.

Hipster tragen ihr Inneres nur mit ironischer Distanz zur Schau: Sie lassen sich Schnauzbärte wachsen wie ihre Eltern in den Siebzigern und Achtzigern, aber als bloßes Zitat. Sie setzen sich viel zu große Hornbrillen auf, die eigentlich total aus der Mode waren, haben sie aber gerade deshalb schick gefunden. Hipster könnten im Che-Guevara-Shirt zur Wahl gehen und ihr Kreuz bei der FDP machen. Über Hipster gibt es ganze Bücher: so etwa die Sammlung „Hipster - Eine transatlantische Diskussion", die vor zwei Jahren bei Suhrkamp erschienen ist und Ergebnisse einer US-Tagung im Jahr 2009 mit jüngeren Beiträgen deutscher Feuilletonisten zusammenbringt. Das Büchlein fragt, wofür die seit den späten Neunzigern in westlichen Großstädten auftauchenden Hipster eigentlich stehen: „Für eine Generation, die Geld verdienen und doch nicht erwachsen werden will? Ein durch und durch ironisches Zeitalter? Den postindustriellen Konsumkapitalismus?"

Eine eindeutige Antwort bleibt das Buch schuldig. Doch es reiht sich ein neben Titeln wie Ulf Poschardts „Cool" aus dem Jahr 2000 sowie „The Conquest of Cool" von Thomas Frank (1997). Die Befunde sind ähnlich: Um in der postmodernen Welt psychisch gesund zu bleiben, muss man cool sein im Sinne von abgeklärt. Nichts an sich ranlassen. Sich gegen Kritik immunisieren, das (wahre) Innere nicht nach außen kehren, keine Werte absolut setzen, sich an nichts und niemanden binden. Hipstern wird in solchen Dingen eine besondere Kompetenz zugeschrieben, und diese Bevölkerungsgruppe leistet sogar noch mehr: Bei Äußerlichkeiten wie Kleidung oder Lebensstil setzen Hipster Trends; mit ihrer cool-ironischen Haltung scheinen sie einen Weg gefunden zu haben, mit den Anforderungen einer von Konsum und Globalisierung geprägten Umgebung nicht nur zurechtzukommen, sondern diese Umgebung sogar in ihrem Sinne zu gestalten - scheinbar zumindest.

Das „Cool", dessen Wurzeln, wie die des Hipsters, in der schwarzen US-Gegenkultur der Vierziger und Fünfziger liegen, hat als Kulturtechnik die Ironie zum Nachbarn. Ironie wird von den oben genannten Autoren weniger als rhetorisches Stilmittel verstanden, sondern als Lebenshaltung: Glaubt ja nicht, dass ich meine, was ich sage. Das ist nicht nur ein Schutzmechanismus gegen Missverständnisse, Drangsalierungen oder Daten sammelnde Computer, die bis heute keine Ironie verstehen. Nein, mit ironischen Äußerungen lässt sich auch signalisieren, dass man unter die Oberfläche des eigentlich Gesagten oder Gezeigten blickt; dass die Wahrheit viel komplexer ist als das, was sich tatsächlich ausdrücken lässt. Das spricht in der Regel für die Intelligenz desjenigen, der Ironie benutzt (oder versteht). Doch es kann auch negative Folgen haben.

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