Jakob Vicari

Freelance Creative Technologist & Wissenschaftsjournalist, Lüneburg

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Artikel

7+1 Gründe, warum es in der Corona-Krise mit Kindern super ist, frei zu sein

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Die Virus-Zeit ist anstrengend. Erst recht, wenn plötzlich Kinder zu Hause betreut werden müssen. Dass wir freie Journalist*innen mit Superkräften sind, macht die Sache zumindest ein bisschen leichter

Von Jakob Vicari und Jan Schwenkenbecher

Ein paar Punkte mal gleich vorweg: Corona ist doof. Geschlossene Schulen und Kitas sind doof. Nicht gefragt zu werden, ob das überhaupt irgendwie geht, die Kinder zu Hause zu betreuen, ist doof. Trotzdem noch seinen Job ganz normal erledigen zu müssen ist doof. Und, weil es wirklich richtig doof ist, noch mal: Corona ist doof.

So. Wir wissen, dass die Corona-Situation einigen von uns gerade so richtig schwer zusetzt - so richtig am-Limit-schwer. Wir wollen trotzdem unseren Fokus auf etwas Positives richten: ein paar Betrachtungen, warum es in der Corona-Krisenzeit sein Gutes für Eltern hat, freie Journalist*innen zu sein. Im Folgenden findet ihr 7+1 Gründe, warum es in der Corona-Krise mit Kindern als Journalist*in besser ist als als Koch oder Köchin, Friseur*in oder Ägyptolog*in. Vielleicht helfen sie der einen oder anderen von euch, vielleicht bringen sie etwas Motivation, vielleicht einen neuen Blickwinkel. Here we go:

1. Wir können stubenhocken!

Wir Journalist*innen sind Abenteurer*innen, wir sind Entdecker*innen. Wir leben von der Neugierde, wir fragen, wir wollen lernen. Wir wollen Neues sehen, Neues erleben. Wir reisen durch die Welt, wir besuchen Protagonist*innen. Wir lassen uns Orte zeigen oder uns durch Firmen führen, dabei sehen wir Dinge, die nicht jede und jeder einfach sehen kann. Wir arbeiten in Coworking-Spaces oder beim Kaffee im Café. Wir gehen raus.

Müssen wir aber nicht. Wir können genauso gut zu Hause sitzen. Wir müssen in kein Büro, wo wir Kontakt zu Kolleg*innen haben. Wir müssen keinen Nahverkehr benutzen, wo wir Kontakt zu Mitfahrer*innen haben. Das und wie Social-Distancing-Journalismus von zu Hause aus gehen kann, könnt ihr hier nachlesen. Und Kaffee gibt es in der eigenen Küche ja auch. Wenn wir wollen, dann sind wir Abenteurer - und wenn wir das wollen, dann sind wir auch Stubenhockerinnen.

2. Wir sind Homeoffice-Expert*innen!

Als die Kontaktbeschränkungen kamen, die Menschen zu Hause bleiben sollten und immer mehr Firmen ihre Festangestellten ins Homeoffice schickten, gab es kaum ein Medium im Land, das nicht wenigstens einen Beitrag dazu veröffentlichte, wie man das am besten anstellt: Homeoffice. Solche Tipps & Tricks, Ratschläge, Anleitungen brauchen wir nicht. Wir kennen uns bestens aus im Heimbüro, wir sind (und waren schon immer) Homeoffice-Expert*innen.

Den ruhigsten und schattigsten Platz, den andere gerade in ihrer Wohnung suchen, haben wir schon vor Jahren gefunden. Auch die besten Wege, uns abzulenken und dann wieder zu konzentrieren, kennen wir. Desktop-PC oder Schoß-Laptop? Jeans oder Jogginghose? Dusche oder Deo? Wo bei anderen gerade Fragen aufpoppen, kennen wir unsere Antworten. Und wir wissen, wann unsere produktivsten Arbeitszeiten sind, ob wir morgens, mittags oder abends am stärksten sind - was uns auch schon zum nächsten Punkt führt.

3. Wir können Frei-Zeit machen!

Als 9-to-5er kannst du das Büro verlassen, aber das Büro verlässt dich nicht. Auch wenn sie jetzt auf Zoom stattfindet, startet die 9.30-Uhr-Konferenz um 9.30 Uhr. Unabhängig davon, ob das Kind nölt. Auch wenn die Qualen noch so groß sind, nach der Mittagspause muss es weitergehen am PC, schließlich muss das Briefing bis 16.30 Uhr raus, weil dann die Kolleg*innen Feierabend machen. Egal, ob man nach einem Mittagsschläfchen am Frühabend viel produktiver wäre. Und auch wenn die Sonne mittags scheint und am Abend nicht, Präsenzzeit ist Präsenzzeit. Es spielt auch keine Rolle, ob man bei der Joggingrunde abends an zehnmal so vielen Menschen vorbeihechelt wie mittags.

Freie sind da freier: Wir können uns unsere Arbeitszeit frei einteilen. So richtig frei. Scheint die Sonne? Dann doch schnell raus auf einen Familien-Fahrradausflug. Braucht die Partner*in gerade Betreuungsentlastung? Kein Problem, ich arbeite das später weg. Sonntagsspaziergang? Geht auch Dienstagvormittag. Das ist Frei-Zeit. (Einziger Haken: Viele Redakteur*innen sind 9-to-5er und erwarten prompte Rückmeldung in dieser Zeit.)

4. Wir sind Nein-Sager*innen!

Neben der Freiheit in der Wahl der Arbeitszeit sind wir auch frei in der Wahl des Arbeitspensums. Okay, viele haben gerade eher zu wenig als zu viel zu tun. Trotzdem gibt es auch den einen oder die andere Kolleg*in, bei der die Auftragslage stabil bleibt. Als Freie sind wir dabei in der vorzüglichen Lage, dass wir Aufträge einfach ablehnen können. Wo andere vielleicht gerade die gewöhnliche Arbeit ihrer gewöhnlichen 38,5-Stunden-Woche zu Hause erledigen müssen - ungeübt in Homeoffice und parallel zur nun anfallenden Kinderbetreuung -, da können wir sagen: nein. Nein, diesen Auftrag mache ich jetzt nicht. Tut mir leid, meine Partner*in braucht Unterstützung. Entschuldigung, ich brauche mehr Zeit für die Kinder. Pardon, die Kita bleibt weiter geschlossen. Wir müssen da nicht groß mit den Chef*innen feilschen, darum betteln oder unseren Jahresurlaub verbrennen. Wir können das selbst entscheiden.

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5. Journalismus ist so was wie Erziehung

Wenn die Partner*in in komischen Schichtsystemen arbeitet, die sich alle zwei Wochen ändern: kein Problem. Wir können sogar tagsüber arbeiten. In der Kinderbetreuung können wir unsere journalistischen Kernkompetenzen voll ausspielen. Stellen wir sonst gern Pressestellen Aufgaben ("Gab es an Ihrem Institut in den letzten 143 Jahren bereits Forschung an Klemmbausteinen, und wenn ja, welche?"), stellen wir sie jetzt einfach unseren Kindern: "Liegen euch Informationen darüber vor, wie viele Bausätze aus dieser Kiste Lego wieder aufgebaut werden können?" Fragen nach der Sinnhaftigkeit unserer Recherche abzuwehren sind wir gewohnt. Und jedes Ergebnis erzeugt weitere Fragen.

Im Fall eines Falles können wir blitzschnell recherchieren. Wenn das Kind fragt: "Wo ist das Lego-Teil mit den seitlichen Noppen in Dunkelbraun?", dann gehen wir systematisch vor. Ich ergoogle dann stets die Sets, in denen das Teil verbaut war, gleiche sie mit dem eigenen Amazon-Konto ab und habe so eine relativ gute Vorstellung, in welcher Kiste und Schicht sich das gesuchte Teil befinden könnte. Und wenn es eilig ist, eben mit Sekundenkleber oder 3-D-Drucker nachhelfen. Nachdem diese Lösungen nicht funktionieren, Bestellung bei Bricklink. Und schon wieder habe ich eine private Recherche-Fortbildung abgeschlossen. Das Kind hat sich längst mit einem anderen Teil beholfen.

6. Wir sind Alles-Erfinder*innen

Was Kita-Kindern Spaß macht, macht auch Leser*innen und Zuhörer*innen Spaß. Nach dem Motto kombinieren wir einfach Beruf und Familie. Ich habe neulich in einen Pitch 50 Lego-Männchen eingebaut. Und ein Tamagotchi auf einem Mikrocontroller nachgebaut - als Übung für mein nächstes Seminar. Da verschicke ich an die Teilnehmer*innen auch Wackelaugen und Knete. Vielleicht sollte ich mal nachschauen, ob man sich inzwischen mit sprechenden Spielzeugen besser unterhalten kann als damals. Gerade hört mein Sohn den Prototyp einer Kindernachrichten-Sendung, den wir mal produziert haben. Vielleicht testet er ja danach unsere aktuellen Alexa-Skills? Oder ich bastle schnell einen Betreuungs-Skill? Kinderbetreuung und journalistische Arbeit stehen in einem ganz großartigen Austausch. Tatsächlich ist das Zusammenfließen von Arbeit und Kinderbetreuung selten so fruchtbar. Ich gebe zu, es hilft, in sehr spielerischen Formaten von Journalismus aktiv zu sein.

7. Wir wissen alles besser

Schule? Pah. Als Wissenschaftsjournalist habe ich schon über Ameisen geschrieben und über Internet-Berühmtheiten, über Skiwachs, Trepanation und Klebstoffe. Ich bin also Experte fürs Homeschooling in allen Fächern. Frohgemut übernehme ich das heimische Lehramt. Und sage: Frag mich doch, Kind! Leider stellt sich heraus, dass die Lebensgewohnheiten der Schüler*innen von Plymouth, die Berechnung von Stoffverbrauch für die Sitzauflagen von Eiscafés, die Zahnformel des Igels und die Zeloten in meinem journalistischen Schaffen unterrepräsentiert waren. Und auch mein Wissen über Ameisen wird angezweifelt. Ich könnte Leser*innen jetzt Tipps geben, wie man Ölkreide von Bildern wieder entfernt und wie viel Stoff man für ein eigenes Café kalkulieren sollte.

7+1 Wir sind systemrelevant!

Ja, und wenn sich bei euch, obwohl ihr alle sieben motivierenden Punkte gelesen habt, immer noch nicht der rechte Elan einstellen mag: Nie waren Büroflächen so günstig wie in dieser Krise. Sucht euch doch ein Büro mit Gleichgesinnten. Und vielleicht sollten wir die Kinderbetreuung dann doch den Profis überlassen. Wir wollen ja auch nicht, dass Lehrer*innen Leitartikel schreiben.

Jan Schwenkenbecher

Jan Schwenkenbecher ist freier Wissenschaftsjournalist und lebt im Rhein-Main-Gebiet. Er hat in Gießen und Mainz Psychologie studiert und danach im Volontariat bei der Süddeutschen Zeitung das journalistische Handwerk gelernt. Am liebsten schreibt er über Psychologie, Neurowissenschaften und Technik - oder für die Freienbibel über das Geschäftsmodell "Freier Journalist". Ist er nicht zu erreichen, radelt er wohl gerade mit dem Mountainbike durch den Taunus.

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