Jakob Vicari

Wissenschaftsredakteur, Lüneburg

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Artikel

Man fräst sich so durch

Man fräst sich so durch

Das neue Lieblingsobjekt des Mannes ist laut und dreckig. Wer sich einmal durch Acryl, Aluminium und Eiche gefräst hat, möchte eine Säge nie mehr per Hand durch Holz führen. Der Hobbykeller erlebt im digitalen Zeitalter ein Comeback. 

Von Jakob Vicari


Ich stehe in einem Haufen feiner Späne, höre meine eigene Stimme nicht und schaue auf das Blut, das meinen Zeigefinger hinabrinnt. Und ich habe das erste Mal Respekt vor der Maschine vor mir: 6000 Umdrehungen, wendig in drei Achsen, mit der Kraft und der Präzision, in Minuten aus einem Block Eichenholz einen Adlerkopf zu machen. Das. Ist. Zu. Stark. Wie kommt dieses gefährliche Gadget auf den Boden meines Büros?


Vor zehn Jahren hatte der Erfinder Edward Ford die Idee, dass CNC-Fräsen, diese sperrigen Maschinen aus der Industrie, die dank moderner Steuerungstechnik höchst präzise arbeiten, doch für den Heimgebrauch zu machen sind. Plötzlich war da ein Versprechen: Jeder kann feine Arbeiten machen, die vorher Profis vorbehalten waren. Holzpuzzles mit exakt geschwungenen Linien, Acrylbuchstaben mit Streifen, Kästchen mit Zapfenverbindungen. Ford machte die Pläne offen zugänglich. Man konnte sich jetzt für 300 Dollar selber eine CNC-Fräse bauen, es brauchte nur etwas Basteltalent. Ford begann Bausätze der Fräse zu verkaufen, der er den etwas seltsamen Namen Shapeoko gab. Fünf Jahre später sah ich ein Video der Fräse. Es war Liebe auf den ersten Blick. Ich bestellte sie sofort.


Kathedrale Baumarkt

Und ich bin nicht allein. Fords Idee gab der entstehenden Maker-Bewegung Auftrieb. Diese will die Produktion zurück in die Hände aller geben. Auf Youtube gibt es Hunderttausende Heimwerker-Tutorials. Und es gibt Plattformen wie Thingverse, auf denen Dinge getauscht werden wie andernorts Kochrezepte, Objekte, die jemand entwickelt hat und die man sich mit einem Klick kostenlos herunterladen kann, um sie auf dem 3-D-Drucker, dem Plotter oder der Heimfräse auszudrucken. Das Heimwerken ist zurück.

Mag das Internet das Paradies der Heimwerker sein, ihre Kathedrale ist der Baumarkt. «Dies ist ein Magazin über Menschen, die nicht warten, bis etwas geschieht, sondern es geschehen machen», so wirbt das Magazin der Baumarktkette Hornbach. In Baumärkten gibt es kostenloses WLAN und Bastelseminare. Und mit Sperrholz, Furnier, Eiche, Alu die Materialien für eigene Projekte. Ein Baumarktbesuch ist attraktiver als eine Verabredung fürs Kino. Männer horten wieder Werkzeuge und Materialreste. Die Werkstätten zu Hause werden hochgerüstet mit handgeschmiedeten Äxten und individuell angefertigten Hobeln. Und mit digitaler Technik. Die Fräse stand im Schatten der 3-D-Drucker, doch schickt sie sich an, das Paradeprodukt des Do-it-yourself-Comebacks zu werden. Weil sie einlöst, was die neuen Heimwerker begehren. «Etwas, das zwar virtuell entsteht, aber in kürzester Zeit einsetzbar wird, ist unvergleichbar befriedigender als ein reines Pixelgebilde», schreibt Chris Anderson, ein Vordenker der Maker-Bewegung. Männermagazine wie «Walden» sind voll von Kanu-bauenden Typen. Auf Youtube lernt man iPhone-Ständer zu bauen, Kameraschlitten und die eigene E-Gitarre. Niemand kann diese Dinge mit Axt und Laubsäge herstellen. Es sind Anleitungen, die so viel Perfektion verlangen, dass sie frühere Heimwerkergenerationen in den Wahnsinn getrieben hätten. Keine Frage: Diese Zeit braucht CNC-Fräsen. Ich fräse mir die Welt, wie sie mir gefällt.

Meine neue Fräse ist ein computergesteuerter Hobel. Anders als 3-D-Drucker baut sie nicht Material Schicht für Schicht auf. Sie fräst Material weg. Der Fräskopf gräbt sich vor mir durchs Holz, Schicht für Schicht. Es ist, als könne man mit einem Besen plötzlich feine Aquarelle malen. Heraus fallen nahezu perfekte Produkte – wenn alles klappt.

Natürlich klappt alles erst einmal nicht. Feiner Holzstaub legt sich über den Schreibtisch. Es riecht nach frisch gesägtem Holz. Die Fräse erzeugt ein ständiges lautes Sirren, irgendwo zwischen Staubsauger und Zahnarzt, das manchmal auf den Pegel einer Flugzeugturbine anschwillt. Und an dieses Monster ist der Laptop mit einem USB-Kabel gefesselt. Das Material ist wehrhaft, der Fräser aus Hartmetall heult noch einmal auf, bevor er bricht. Dann ist Stille.

Heimwerken ist zur Angelegenheit einer Community geworden, die am Prozess teilnimmt, Wissen und Pläne austauscht, immer neue Herausforderungen sucht. Den vernetzten Fräsern geht es längst nicht mehr darum, ein möglichst preiswertes Stück für das eigene Heim zu schreinern. Sie verlängern das Netz auf die eigene Werkbank. Auf dem Frästisch manifestiert sich die flüchtige digitale Welt. Und doch sind diese materiellen Fräsarbeiten wiederum nur das anfassbare Zwischenstadium, bevor das Produkt in Youtube-Videos und Facebook-Posts wieder digitalisiert vorgezeigt und schliesslich auf Marktplätzen wie Dawanda oder Etsy verkauft wird. Oder gleich als Werbekampagne für ein Produkt herauskommt, das wenige Minuten zuvor noch digitale Skizze war. Ein Fräsenhersteller verspricht: «Bau so schnell, wie du denkst.»

Das Herstellen, so der britische Soziologe David Gauntlett, gebe den Menschen das verlorengegangene Gefühl zurück, die Welt mitzugestalten. Es ist Macht. Oder jedenfalls ein Mittel gegen die verbreitete Ohnmacht gegenüber dem Lauf der Welt. Die Fräsen machen jeden zum Hersteller, lokal, kreativ. Das Fräsen rund um den Globus setzt auf den Austausch von Gemeinschaften. Und so liegt auch etwas Antiautoritäres in der Maker-Bewegung. Sie lebt davon, dass sie Ideen immer neu denkt, sie gemeinsam auslotet, was anders gemacht werden könnte und wie etwas stetig zu verbessern ist. Die Hobbyhandwerker sind schneller als jedes Unternehmen – sie können in Zukunft alles produzieren, Radios, Waffen, Graffiti-Schablonen, ohne dass sie der Staat kontrollieren könnte. Manche sehen in der Bewegung aus dem Hobbykeller sogar das Potenzial einer Revolution: vergleichbar mit der industriellen Revolution.

Es wird noch dreckiger

Der revolutionäre Geist zeigt sich in meinen Projekten noch nicht. Ich habe einen Schlüsselanhänger gemacht, eine Ablage für das Handyladegerät und aus Acryl die seit Jahren fehlende Figur im «Cluedo», dem Brettspiel. Die Computertastatur, die Steuerunterlagen, alles ist jetzt mit einer dünnen Schicht Späne bedeckt, als hätte es blaues Acryl geschneit.

Wenn ich nichts mache, steht die Fräse im Weg. Einmal zusammengebaut, lässt sich der Trumm nicht einfach wegräumen. Das soll mit der nächsten Generation anders werden. Die Erfinder der Fräse versprechen eine Handfräse, die sich wie von selbst nach einem Plan aus dem Internet durchs Holz fräsen soll und dabei den Heimwerker hinter sich herführt. Fest steht: Es wird noch lauter und dreckiger werden.