Jakob Vicari

Wissenschaftsredakteur, Lüneburg

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Artikel

Das Schlafexperiment

Die Welt ist geteilt in Frühaufsteher und Langschläfer. In unserem durchgetakteten Leistungsalltag kann das fatale Folgen haben. Was passiert, wenn eine Lerche und eine Eule 24 Stunden lang über Schlafmythen, sozialen Jetlag und die Bürozeiten der Zukunft schreiben? Von Bertram Weiss und Jakob Vicari

6.55 Uhr, Bertram Weiss (Frühaufsteher)

Ich stehe am See und beobachte, wie sich Enten, die Köpfe in die Federn gesteckt, auf den Wellen wiegen. Wenn es mir gut geht, wache ich ganz selbstverständlich früh auf. Ich gehe dann am liebsten wie heute ein paar Schritte vor die Tür. Ich bin ein Frühtyp und kann mich schon früher als mein Spätaufsteher-Kollege Jakob an die Arbeit machen. Gemeinsam wollen wir über ein Phänomen schreiben, das die Gesellschaft zunehmend beschäftigt: den Schlaf.

10.02 Uhr, Jakob Vicari (Langschläfer)

Meine Nacht endet mit dem Klingeln an der Tür: der Paketbote. Die Welt versucht, mich an ihren Rhythmus anzupassen. Als Nachteule habe ich ein schlechtes Gewissen gegenüber den hart arbeitenden Menschen der Morgenwelt.

10.07 Uhr, Bertram Weiss

Als Jakob endlich den Anruf annimmt, höre ich kaum seine Stimme, dafür das Knattern der Kaffeemühle. Er sagt, er brauche noch eine Weile. Trotzdem erzähle ich, was ich in den letzten drei Stunden über Schlaftypen gelernt habe: Fast alle Prozesse in unserem Körper – vom Herz-Kreislauf-System bis zur Blutzellenproduktion – werden von einer inneren Uhr gesteuert. Und wie bei so vielem, bei Haar- und Hautfarbe, Körper- und Schuhgrösse, unterscheidet sich auch die innere Uhr von Mensch zu Mensch. Das wäre nicht weiter schlimm. Das Problem: Es gibt auch äussere Uhren. Jene sozialen Regeln, die Menschen zwingen, morgens um 8 Uhr am Schreibtisch zu sitzen. Und innere und äussere Taktgeber stimmen häufig einfach nicht überein. Ich höre ein Kaffeeschlürfen.

11.03 Uhr Jakob Vicari

Ich betrete mein Lieblingscafé, muss nichts sagen, bekomme einen Americano, der dritte heute. Nicht die Sonne, vielmehr Koffein steuert meinen Schlafrhythmus: morgens Kaffee, mittags Cola, abends Mate. Oder ist doch meine innere Uhr verstellt? Ich setze mich so, dass ich nicht entdeckt werde. In einer Kleinstadt ist Spätaufstehen nämlich ein Problem, etwa wenn die Lehrerin des Kindes zur Tür hereinkommt und die erste Pause macht, während man selbst gerade erst den Tag beginnt. Chronobiologen, die Zeitforscher unter den Biologen, beschreiben das Auseinanderklaffen von Körper-Zeit und Gesellschafts-Zeit als sozialen Jetlag. Ähnlich wie ein Jetlag nach einer Fernreise kann er fortwährende Müdigkeit verursachen, dauerhaft der Gesundheit schaden.

12.05 Uhr, Bertram Weiss

Noch nichts von Jakob. Schwierig, zusammenzuarbeiten, wenn das Gegenüber nicht reagiert. Aber auf jeden Fall gesund, wenn jeder seinem Rhythmus folgt. Forschungen zeigen: Jede Stunde Diskrepanz zwischen dem, was die innere Uhr vorgibt, und dem, was ein Mensch tatsächlich schläft, erhöht das Risiko für chronische Krankheiten wie Diabetes Typ 2 oder Stoffwechselerkrankungen. Das ist aber offenbar noch nicht bedrohlich genug, dass die Gesellschaft die Erkenntnisse der Wissenschaft umsetzen und es den Menschen erleichtern würde, innere und äussere Uhr besser abzustimmen. Immerhin: An jedem sechsten Arbeitsplatz der Schweiz soll es mittlerweile Vertrauensarbeitszeit geben: Dabei ist die Erledigung von Aufgaben entscheidend, nicht wann oder wie lang jemand im Büro sitzt. Aber noch kenne ich trotzdem niemanden, der sich traut, regelmässig erst um elf Uhr das Büro zu betreten und zu sagen: «Ich bin halt ein Spättyp.» 

13.17 Uhr, Jakob Vicari

Ich bin Freiberufler. Auch deshalb, weil ich so besser über meinen Schlafrhythmus bestimmen kann. Schlaf ist ein unterschätzt aktiver, ja sogar kreativer Prozess: Wunden heilen, Fett wird verbrannt, der Stoffwechsel läuft auf Hochtouren. Ich lese eine neue Studie: In Experimenten konnten Wissenschafter zeigen, dass unser Gehirn im Schlaf aufräumt, Nervenzellen werden aktiv, knüpfen neue Verbindungen und reduzieren alte – so werden Erinnerungen gefestigt und wird Platz gemacht für neue Informationen. Ausserdem schaffen biologische Reinigungstrupps den tagsüber angehäuften Unrat aus dem Gehirn weg, etwa Reste von Erbsubstanz oder Proteinen. Gehen andere Länder eigentlich anders mit dem Schlaf um?

13.28 Uhr, Bertram Weiss

Die verschiedenen Schlafkulturen sind leider wenig erforscht. Hierzulande teilt sich das Leben der Erwachsenen in eine Nachtphase, in der man schläft, und eine Tagphase, in der man wach ist. Mittagsschlaf gilt vielen als Luxus, als Zeichen von Müssiggang. Ein Nickerchen gesteht man bestenfalls den Kranken, Rentnern oder Kindern zu. In anderen Kulturkreisen ist eine Auszeit am Nachmittag eher salonfähig: In Spanien und Mexiko hält manch einer Siesta, in der arabischen Welt Quailulah. In Japan schliessen viele zum Inemuri kurz die Augen: Sie kommen zur Ruhe, ohne tief einzuschlafen. Gegen das Mittagstief hilft nichts so effektiv wie ein kurzer Schlummer. Rund 25 Minuten halten Experten für ideal. Wenn sich jeder am Tag nach Belieben ausruhen kann, wie in Spanien oder Japan, dann reduziert das auch die Wirkung des sozialen Jetlags. Ich aber fühle mich mitten am Tag etwas träge, strecke mich auf der Couch aus.

14.17 Uhr, Jakob Vicari

Noch keine Reaktion von Bertram. Verschläft der die beste Zeit des Tages? Jeder, der morgens einen Wecker benötige, sei mehr oder weniger stark vom sozialen Jetlag betroffen, so der Schlafforscher Till Roenneberg vom Institut für medizinische Psychologie in München. In seinem Buch «Wie wir ticken: Die Bedeutung der Chronobiologie für unser Leben» versammelt er Hinweise dafür, dass unser Schlafverhalten manche Phänomene erklären könnte, die augenscheinlich nichts damit zu tun haben. So heiraten ältere Männer eher jüngere Frauen, weil beide zur selben Zeit wach sind; so werden mehr Kinder in der dunklen Jahreszeit geboren, weil Erwachsene in der hellen Jahreszeit weniger Schlaf brauchen – und mehr Energie haben, Nachwuchs zu zeugen.

15.30 Uhr, Bertram Weiss

Wo bin ich? Ich brauche einen kurzen Moment, um zu realisieren, dass ich auf der Couch eingenickt bin, länger als geplant. Aber der Mittagsschlaf hat gutgetan. Ich beantworte Jakobs E-Mail, suche dann nach Beispielen dafür, dass unsere unterschiedlichen Schlafmuster ernst genommen werden. Und tatsächlich: Für eine Studie bei der Firma ThyssenKrupp wurde bei Mitarbeitern in einem Werk der «Chronotyp» bestimmt. Die Frühtypen mussten keine Nachtschichten mehr übernehmen, dafür mehr Frühschichten; die Spättypen hatten keine Frühschichten mehr, haben dafür aber mehr nachts gearbeitet. Durch die neue und individuell abgestimmte Zuteilung von Arbeitszeiten bekamen die Arbeiter im Schnitt pro Nacht eine Stunde mehr Schlaf.

16.47 Uhr, Jakob Vicari

Als Langschläfer geniesst man auch einige gesellschaftliche Vorteile, das soll nicht verschwiegen werden. Zum Beispiel leere Züge ausserhalb der Pendlerzeiten. Die Hochschule Luzern hat gerade ihre Vorlesungszeiten so verschoben, dass die Studenten nicht während der Hauptverkehrszeiten unterwegs sind. Durch so veränderte Studien- und Arbeitszeiten könnte man Städte viel gleichmässiger auslasten. Und die Acht-Uhr-Vorstellung im Kino wäre auch nicht immer überlaufen.

19.00 Uhr, Bertram Weiss

Ich bin froh, dass heute nichts mehr ansteht. Keine Verabredung, keine Einladung zum Abendessen, keine Spätvorstellung im Kino. Meist bin ich für solche Termine viel zu müde, bringe kaum die Kraft auf, so etwas zu geniessen.

20.16 Uhr, Jakob Vicari

Die Kinder sind im Bett, ich setze mich wie üblich nochmals an den Schreibtisch. Das sind die produktivsten Stunden des Tages. Ich lese etwas über Bunker-Experimente. Menschen, die für die Wissenschaft isoliert von der Aussenzeit leben, entwickeln ihre ganz eigene Zeit: Viele haben einen Rhythmus, der etwa 25 Stunden umfasst, doch manche entwickeln abgeschnitten vom Licht 40-Stunden-Rhythmen, manche haben Tage mit nur 18 Stunden. Ein Grund mehr, den verschiedenen Chronotypen Aufmerksamkeit zu schenken. E-Mail an Bertram: «Haben wir was dazu?» 

21.34 Uhr, Bertram Weiss

Im Bett lese ich Jakobs Nachricht, antworte: «Schreib noch was dazu, ich bin zu müde!» Eigentlich habe ich das Tablet schon wieder viel zu lange in der Hand gehabt. Bildschirme, das habe ich gelesen, tun der «Schlafhygiene» nicht gut. Nachricht an Jakob: «Warum genau soll man vor dem Einschlafen nicht auf Bildschirme starren? Gute Nacht.»

23.58 Uhr, Jakob Vicari

Die Welt ist still geworden, ich habe Ruhe, um zu arbeiten, und mache mir einen Mate auf. Frühtypen, so lese ich, liegen eher länger im Bett, grübeln, lesen, bevor sie einschlafen. Spättypen wie ich fallen ins Bett und schlafen ein. Warum, lässt sich nicht genau sagen. Auch sind Forscher uneins, weshalb Bildschirme das Einschlafen stören können. Manche Studien legen nahe, dass das bläuliche Licht unsere innere Uhr aus dem Takt bringt und den sozialen Jetlag noch verstärkt. Vielleicht versetzt uns aber auch das, was wir auf den Geräten anschauen, in emotionale Anspannung – und raubt uns so den Schlaf. Meine innere Uhr gibt verlässlich das Zeichen zur Mitternachts-Pause: Die Konzentration lässt nach, aber müde fühle ich mich nicht.

2.07 Uhr, Jakob Vicari

Ich habe zwei Folgen meiner derzeitigen Lieblingsserie geschaut. Sollte ich schlafen? Rund 20 000 Zellen sind im zentralen Taktgeber des Gehirns, im suprachiasmatischen Nukleus, dafür zuständig, das zu entscheiden. Jetzt meldet die innere Uhr auch bei mir: Müdigkeit. Noch schnell den Artikel auf Fehler lesen. Dann schicke ich ihn Bertram, damit er ihn morgen früh ansehen kann. Ich schreibe: «Irgendwie ergänzen sich die Schlaftypen doch ganz gut, oder?»