Jakob Vicari

Wissenschaftsredakteur, Lüneburg

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Herumspinnen ausdrücklich erwünscht: Hackathons im Trend

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Symbolbild Hackathon

Die Ausgangslage klingt so gar nicht nach einem Büro, wie Chefs es sich wünschen: Halbleere Pizzakartons, umgekippte "Club Mate"-Flaschen, Augenringe, völlig übermüdete Mitarbeiter. Und dazu noch Lösungen, die nur halb fertig sind. Das ist die übliche Bilanz eines der erfolgreichsten Veranstaltungsformate der letzten Jahre: Hackathons.

Bei einem Hackathon geht es darum, in möglichst kurzer Zeit ein neue Produkte zu entwickeln. "Kurze Zeit" ist dabei wörtlich zu nehmen: Oft liegt die Vorgabe für derartige Kreativsitzungen lediglich bei einigen Stunden oder einer Nacht. Verschiedene Teams arbeiten gleichzeitig an derselben Themenvorgabe - und kommen dennoch meistens zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen.

Ob der Modeversender Zalando oder die Deutsche Bahn, die Postbank oder Microsoft, Bosch oder SAP: Nicht nur Start-ups, sondern zunehmend auch etablierte Unternehmen setzen vermehrt auf das ungewöhnliche Format. Was fasziniert die Unternehmen am organisierten Chaos?

Neue Ideen aus kreativem Chaos

"Die Postbank will zeigen, dass sie nachhaltig an der Digitalisierung dran ist", sagt Jan Kus, der derzeit mit seiner Firma, dem Hack Institute, gleich drei Hackathons für die Postbank organisiert. "Ein Hackathon gibt den Unternehmen die Möglichkeit, gewohnte Wege zu verlassen und sich zu öffnen", sagt er. Kus kümmert sich um Veranstaltungsort und Büfett und lädt die Teilnehmer ein. Ein Zeitraffervideo von jeder Veranstaltung und eine Bilanz, wie viele Limonadenflaschen während eines Kreativmarathons geleert wurden, sind fester Bestandteil des Formats.

Sonst gibt es, außer einer Themenvorgabe, kaum Regeln. Beim ersten Postbank-Hackathon in Köln ist so zum Beispiel eine Anwendung entstanden, die den verschiedenen Familienmitgliedern den Zugang zu ihrem Konto öffnet - mittels Gesichtserkennung. Eine praktische Lösung, die womöglich aber nie auf den Markt kommen wird. Doch das ist nicht ausschlaggebend. Entscheidend ist die Zusammenarbeit mit den Kreativen von draußen.

Denn in großen Unternehmen wird in verschiedenen Abteilungen darüber nachgedacht, was verändert werden könnte. Ein mitunter schwerfälliger Prozess voller langwieriger Beratungen - ohne dass etwas Greifbares dabei herauskommen würde. In Hackathon-Nächten werden hingegen gleich Dutzende Ideen umgesetzt. "Das heißt aber nicht, dass der Konzern die Ideen schluckt und damit abhaut", stellt Hackathon-Organisator Kus klar.

Am Ende des Hackathons gewinnt das Team mit der besten Lösung. Und vor allem das mit der besten Präsentation. Denn am Ende der Nacht entscheidet eine Jury. Das ist durchaus ein gewollter Widerspruch: Denn wer die ganze Nacht am Projekt durcharbeitet, ist am nächsten Tag nicht unbedingt in der Lage, noch wach und begeistert zu präsentieren.

Auch das Unternehmen Bosch veranstaltet seit zwei Jahren regelmäßig Hackathons. "Wir haben nach einem Format gesucht, das unsere Innovationskraft mit der von draußen verbindet", sagt Martin Gansert, der das Format mitorganisiert. Im ersten Hackathon des Unternehmens haben Entwickler des Start-up Familo eine Tool erdacht, das dabei helfen soll, Abläufe in der Familie geschmeidiger zu organisieren. Sie entwickelten eine Lösung, wie der Bordcomputer im Auto die Familientermine koordinieren kann.

Wer sorgt auf dem Heimweg noch flugs dafür, dass abends etwas Essbares im Kühlschrank ist? Wer sammelt die Tochter nach der Tanzstunde ein? "Per Smartphone kann sich die Tochter melden, dass sie abgeholt werden will. Das bekommt der Vater im Auto angezeigt und kann die Abholung bestätigen", sagt Gründer David Nellessen. Inzwischen ist die App in den ersten Autos installiert. "Wir konnten nicht vorhersehen, was an geschäftlichem Nutzen herauskommt", sagt Martin Gansert. "Aber Familo ist eine Erfolgsgeschichte, wie wir sie uns erhofft haben."

Organisierter Ausnahmezustand

Als eine Geburtsstunde des Hackathons, wie er heute verbreitet ist, gilt die JavaOne Konferenz im Juni 1999. Dort fand ein solches Kreativevent statt, um Software für den Taschencomputer "Palm V" zu entwickeln. Der Taschencomputer wie auch das Unternehmen sind längst Geschichte, doch das Format hat sich gehalten. Sein Erfolg ist leicht erklärt: Hackathon ist die perfekte Art, um neue Ideen schnell in anfassbare Prototypen umzusetzen. "Mit herkömmlichen Strukturen bekommt man diese Agilität nicht hin", sagt Gansert.

Um einen erfolgreichen Hackathon zu organisieren, müssen Unternehmen allerdings loslassen können: die Kleiderordnung, feste Arbeitszeiten und sperrig-hierarchische Entscheidungswege. Denn Hacker kommen auf anderen Wegen und nach anderen Regeln zum Ziel. "So ein Hackathon soll ein Ausnahmezustand sein: raus aus allen Strukturen, um offen zu arbeiten", sagt Martin Gansert. Das erste Gesetz des Hackathons lautet "fresh code": Alles, was entsteht, muss im Hackathon frisch programmiert werden.

Die Teams setzen sich zusammen aus Programmieren, Designern und Produktentwicklern. Allein das führt oft zu neuen Wegen. Viele Ideen können allenfalls skizzenhaft umgesetzt werden, weil eine vernünftige Lösung in derart kurzer Zeit nicht realisierbar wäre.

Hackathons sind lukrativ. Den Teilnehmern winken wertvolle Kontakte und, bei Erfolg, hohe Preisgelder. Das zieht Schummler an. Beim bisher höchstdotierten Hackathon schrieb das IT-Unternehmen Salesforce vor drei Jahren einen Gewinn von einer Million US-Dollar aus. Das Start-up, das die Summe gewann, arbeitete offenbar schon ein Jahr an der Siegertechnologie - was dem Grundsatz des "frischen Codes" wiedersprach.

Ein Hackathon wirkt wie ein intensives Brainstorming, bei dem am Ende tatsächlich etwas Greifbares präsentiert wird - nicht zwingend jedoch etwas von Alltagsnutzen. Beim "Stupid Shit No One Needs & Terrible Ideas Hackathon" wird mit besonders aberwitzigen Ideen gespielt. Die Aufgabe: etwas wirklich Nutzloses entwickeln.

"Bestehen kann nur, wer sich ständig anpasst"

Beim ersten Hackathon der schrägen Ideen in New York kam etwa der Non-Adblocker heraus, der alle Inhalte im Netz blockiert - außer der Werbung. Und der 3CheesePrinter, ein 3-D-Drucker, der Gegenstände mit Käse druckt. Das zeigt, bei aller Absurdität, die kreative Kraft des Hackathons.

"Wir wollen die beiden Welten der Coder und der Unternehmen zusammenbringen", sagt Hackathon-Organisator Jan Kus. Im Oktober will er seinen eigenen Stupid-Hackathon für schräge Ideen in Köln veranstalten. Bei Bosch planen sie derweil den nächsten ernsthaften Hackathon in Berlin. Martin Gansert sagt: "Die Welt bewegt sich so schnell, da kann nur bestehen, wer sich beständig anpasst."

Wer weiß: Womöglich ist die nächste App für Bankgeschäfte, das nächste gehypte Handyspiel nach "Pokémon Go" oder die nächste Dating-Plattform die Frucht einer solchen langen Nacht voller Ideen und leerer "Club Mate"-Flaschen.

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