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„Am Ende leidet der Underdog"

Wie Corona die Bundesliga langweiliger macht                                                                              

Wissenschaftler haben herausgefunden, dass ohne Zuschauerunterstützung das in Gefahr ist, was den Fußball so faszinierend macht: Seine Unberechenbarkeit.


Seit einem halben Jahr findet die Bundesliga mehr oder weniger ohne Zuschauer statt. Zusammen mit den Fans fehlte in den vergangenen Monaten auch die unverwechselbare Geräuschkulisse aus frenetischem Jubel, Spannung und Empörung, dessen gewaltige Energie den Fußball so atemberaubend macht. Und trotzdem besteht der Eindruck, dass zumindest auf dem Platz alles genauso weiterläuft wie früher.

Es werden weder mehr noch weniger Tore geschossen als sonst auch, es gibt immer noch Unsportlichkeiten, Theatralik und Diskussionen, ja selbst die Torjubel unterscheiden sich vor den leeren Kurven kein bisschen von dem, was Zuschauer aus ausverkauften Stadien gewöhnt sind. Hat das Publikum für die Spieler also je eine Rolle gespielt? Oder haben die Fans ihren Einfluss auf das Geschehen auf dem Rasen all die Jahre überschätzt?

„Nein, haben sie nicht“, sagt Professor Martin Lames, Leiter des Lehrstuhls für Trainingswissenschaft und Sportinformatik an der Technischen Universität München. Er  erforscht Einflüsse auf das Leistungsverhalten von Fußball-Profis und beobachtet seit der Corona-Pause einige markante Veränderungen in der Bundesliga.

Neben marginalen Unterschieden im mannschaftstaktischen Bereich konnte Lames die größeren Ausreißer vor allem in den individuellen Entscheidungen der Spieler nachweisen. „Wenn die Zuschauerpräsenz mit ihrem emotionalen Stimmungsniveau fehlt, spielen die Profis eher handwerklichen Fußball. Also eine Spielart, in der die sicheren Elemente überwiegen“, erklärt Lames.

Risikoreiche und aufregende Entscheidungen, wie die spektakuläre Flanke oder das überraschende Dribbling, werden also vor allem durch Wettkampf-Atmosphäre begünstigt. Herrscht dagegen Trainingsstimmung, wird in den Aktionen nach höherer Sicherheit gestrebt.

Diese Entwicklung erkennt auch Dustin Böttger, Gründer der Scoutingfirma „Global Soccer Network“ und selbsternannter Fußball-Nerd. Böttger betreibt detailreiche Datenanalysen von Spielern und arbeitete so schon mit europäischen Spitzenklubs wie Manchester City, Paris Saint-Germain, Bayern München und RB Leipzig zusammen. Seine beispiellos umfangreiche Datenbank gibt ihm statistische Rückschlüsse auf das Spielgeschehen. 

„Es werden seit der Pandemie im Schnitt fast zwei Schüsse pro Spiel weniger abgegeben. Lagen wir vorher bei 24,98 Torschüssen pro Partie, sind es aktuell noch 23,08“, sagt Böttger. Da die risikoärmeren Schüsse mehr Erfolg versprechen, fallen in Summe aber trotzdem noch genauso viele Tore wie früher. Seit Beginn der Datenerfassung wurden nach sieben Spieltagen noch nie mit so wenigen Torschüssen so viele Tore erzielt - es reichen 7,8 pro Treffer. „Außerdem wird weniger geflankt, gedribbelt und in Zweikämpfe gegangen“, ergänzt Böttger. Dieser zaghafte Fußball resultiert in einem Rückgang von Ballverlusten. Während der Ballbesitz also länger gehalten wird, nehmen Ballaktionen ab und das Spiel wird ereignisärmer. 

Die markanteste Auswirkung des Zuschauerausschlusses sieht Lames aber im Rückgang des Heimvorteils. Normalerweise werden in jeder Bundesliga-Saison 45 bis 60 Prozent der Heimspiele gewonnen. In der aktuellen Saison ist die Heimsieg-Verteilung mit 36,5 Prozent bisher die geringste in der Geschichte der Fußball-Bundesliga. 

„Das ist ein Game-Changer“, sagt Lames. „Wir konnten in dem Zusammenhang auch nachweisen, dass die Dominanz der überlegenen Teams noch stärker geworden ist. Fehlen die Zuschauer, leidet am Ende also der Underdog.“

Diese These ist messbar: Seit dem Restart der Bundesliga gab es weniger Überraschungssiege und es kam signifikant seltener vor, dass Mannschaften zuhause einen Rückstand gegen überlegene Gegner drehen konnten. „Diese Zahlen offenbaren, dass die Zuschauerunterstützung einen großen Anteil an der Unberechenbarkeit des Ergebnisses haben“, sagt Lames. „Sinkt die Ungewissheit des Ausgangs, fehlt der wichtigste Spannungsmoment der Sportart und das Spiel verliert seine Faszination.“

Sepp Herberger, der 1954 als Bundestrainer mit der deutschen Nationalmannschaft entgegen aller Erwartungen Weltmeister wurde, brachte diese Faszination einst auf den Punkt: „Die Leute gehen zum Fußball, weil sie nicht wissen, wie das Spiel ausgeht.“ Das hat sich bis zur Coronavirus-Pandemie in all den Jahren nicht verändert. 

Sollten die Fans bald wieder zum Fußball gehen dürfen, wird mit ihnen also nicht nur die Geräuschkulisse, sondern auch die Unberechenbarkeit ins Stadion zurückkehren.


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