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Wie ein Kleinwagen mit Hörnern

Klare Bergluft sorgt für für klare Gedanken? Leider nicht. Immer wieder gibt es Meldungen, dass sich Menschen Tieren gegenüber extrem unvorsichtig verhalten. Doch das kann böse Konsequenzen haben.

Kulikitaka: Klingt wie ein Bundesstaat in Indien, ist aber eine Challenge auf der Video-Plattform TikTok, bei der immer mehr Menschen mitmachen. Dabei geht es darum, beispielsweise seinen Hund oder seine Katze zu erschrecken, indem man ruckartig zu einem Song seine Arme und Beine bewegt und anschließend wild zappelnd auf das Tier zuläuft. Nur finden diese das sicher nicht ganz so lustig wie die TikToker und ihr Publikum.

Was bei den eigenen Haustieren schon uncool ist, ist bei Weide- und Almtieren völlig daneben. Immer öfter stößt man auf Videoclips, auf denen Menschen das gleiche mit Kühen machen. Die großen Tiere stieben meistens in alle Richtungen auseinander. Doch Bäuerinnen und Almwirte warnen: Gerade Mutterkühe können den Spaß als Angriff missverstehen. Um ihre Kälber zu schützen, flüchten sie nicht unbedingt, sondern rennen schnurstracks auf den TikTok-Zappelphilipp zu. Und dann ist mit den 700-Kilogramm-Kaventsmännern nicht mehr zu spaßen. „Man sollte sich von der behäbigen Art der Kühe nicht täuschen lassen. Eine rennende Kuh ist wie ein Kleinwagen mit Hörnern, der auf einen zurast", sagt Ulrich Berkmann, Experte für Naturschutz und naturverträglichen Bergsport beim Deutschen Alpenverein. Immer wieder kommt es deshalb auch zu Unfällen, wenn sich Menschen und Kühe zu nahe kommen. Mehr als 7000 Verletzungen und sogar neun Todesfälle gab es letztes Jahr in Deutschland. Wie viele Tiere sich dabei in den Tod flüchten ist gar nicht erfasst. Gerade im Gebirge stürzen immer wieder Kühe oder Schafe tödlich ab.

Online und offline: Unvernunft gibt es überall

Auch ohne Inspiration von TikTok oder anderer sozialer Medien kommen manche Menschen auf befremdliche Ideen. Erst kürzlich machte die Meldung eines Paares die Runde, die ihr Kind auf den Rücken eines Kalbs gesetzt haben. Zwar ist es in diesem Fall glimpflich ausgegangen, grob unvernünftig sind solche Experimente trotzdem. Wäre die Mutterkuh in der Nähe gewesen, hätte die Geschichte ganz anders enden können.

So wie ein Mann aus Berlin, der sich auf einem Polterabend in Österreich auf eine Mutprobe eingelassen hat. Seine Aufgabe: Einen Wurm ablecken. Doch der vermeintliche Wurm entpuppte sich als junge Kreuzotter. Die Giftschlange biss den 38-Jährigen in die Zunge. Den restlichen Abend durfte der Mann mit geschwollenem Rachen im Krankenhaus verbringen.

Auch den gemächlichen Kühen reißt irgendwann der Geduldsfaden

Die meisten Tiere in unseren Breiten sind sehr friedfertig. Das gilt auch für Kühe. Doch wenn sie sich provoziert oder angegriffen fühlen, kann es sein, dass sie die Contenance verlieren. Deswegen gilt, dass man auf Bergwegen, die eine Kuhweide queren, ausreichend Abstand halten sollte. Außerdem sollte man den Tieren nicht in die Augen schauen oder laute oder überraschende Geräusche machen. Hunde gehören an die kurze Leine. Sollte es mal vorkommen, dass eine Kuh auf Angriff schaltet, den Hund schnellstmöglich ableinen. So kann er flüchten und Herrchen oder Frauchen läuft nicht Gefahr, ebenfalls von der Kuh attackiert zu werden. Kälber sind zwar süß, streicheln sollte man sie aber auf keinen Fall. Die Mutterkühe mögen es gar nicht, wenn sich jemand ihrem Nachwuchs nähert. Wenn eine Kuh schnaubt, mit den Hufen scharrt oder den Kopf senkt, ist das auch ein Warnhinweis. In dem Fall die Weide langsam verlassen. Und was die Kulikitaka-Challenge angeht: das ist schon bei Hund oder Katze daneben. Kühen zu erschrecken hingegen kann richtig böse ausgehen.



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