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Reportage

Wo gepanzerte Wagen auf Friedhöfen parken

Die Bundeswehr ist seit fünf Jahren in Mali. Friedlicher ist es dort nicht geworden. Im Gegenteil. Doch in Deutschland interessiert das kaum jemanden. Den Soldaten im Einsatz macht das zu schaffen.

Der Bravo-Zug marschiert über fremdes Land. Roter Sand setzt sich an den Stiefeln der Soldaten fest, er kriecht unter ihre Splitterschutzwesten und knirscht zwischen ihren Zähnen.

Die Männer - sie kommen aus dem Jägerbataillon 291 in Illkirch - nennen den November hier "Wonnemonat". Es sind nur 38 Grad im Schatten, nicht 45.

Die Soldaten sehen Dinge, die sie aus Deutschland nicht kennen. Auf dem Markt hieven Einheimische Kühe auf Pritschen. Sie zurren die Tiere mit Tauen für den Transport fest. Die Widerspenstigen unter ihnen packen sie bei den Hörnern, drehen und reißen so lange an ihnen herum, bis sie in Seitenlage auf die Pritsche krachen. Jeden Moment, so scheint es, müssten die mageren Hälse der Tiere brechen, mit einem stumpfen, erlösenden "Knack".

Der Bravo-Zug marschiert weiter, vorbei an barfüßigen Kindern, die nach Wasser fragen, vorbei an Zelten und Lehmhütten. An einer der seltenen befestigten Straßen bleiben die Soldaten stehen: Wabaria, ein Dorf im Nordosten Malis rund 4000 Kilometer von Deutschland entfernt. Nicht einmal bei Google Maps ist der Ort verzeichnet. Was macht die Bundeswehr hier?

Seit 2013 beteiligt sich Deutschland am internationalen Einsatz "Minusma". Das Kürzel steht für "Mehrdimensionale integrierte Stabilisierungsmission der Vereinten Nationen in Mali". 2013 waren nur etwas mehr als 100 deutsche Soldaten dabei, mittlerweile lässt das Mandat mehr als 1000 Männer und Frauen zu. Mali ist damit der zweitgrößte Einsatz der Bundeswehr im Ausland. Er ist nach Afghanistan auch der gefährlichste.

In der deutschen Öffentlichkeit wird trotzdem nicht viel darüber gesprochen. Die Sahelzone in Westafrika ist weit weg. Selbst die Bundeswehrsoldaten vor Ort spüren immer wieder, dass es nicht viele Parallelen zwischen der deutschen und der malischen Lebenswirklichkeit gibt.


Probleme mit den Deutschen


Der Bravo-Zug teilt sich auf: Einige der Männer bringen sich auf der befestigten Straße in Stellung - das G36-Sturmgewehr vor der Brust. Andere betreten einen Hinterhof, sie haben eine Audienz bei Salihu, dem Berater des Dorfältesten. "Gesprächsaufklärung" heißt das bei der Bundeswehr.

Die Hauptaufgabe der Deutschen in Mali ist es, Informationen zu sammeln. Diese dienen einem besseren Lagebild der Blauhelmsoldaten im Land und ihrer Sicherheit. Vom Stützpunkt der Deutschen im nahen Gao, "Camp Castor", steigen Drohnen auf. Und täglich rücken Patrouillen aus, so wie die des Bravo-Zugs.

Der Gruppenführer, ein Deutschtürke, den seine Kameraden "Ali Baba" nennen, beginnt das Gespräch mit Salihu: "Hatten Sie im Dorf schon Probleme mit uns Deutschen?", fragt er. Salihu soll schnell Vertrauen zu den Fremden mit den Gewehren schöpfen. Es funktioniert. Der elegante Mann mit dem leuchtend grünen Turban nestelt an seinem Autoschlüssel herum, doch seine Antwort kommt einem Ja mit Ausrufezeichen gleich. Vor dem Bravo-Zug seien schon andere Deutsche in Wabaria gewesen, erzählt er. Die Besucher hätten ihre gepanzerten Wagen ausgerechnet auf dem Dorffriedhof geparkt. "Unsere Leute waren darüber nicht glücklich." Gepanzerte Wagen der Bundeswehr rollen über einen Friedhof in Mali?

Der Gruppenführer entschuldigt sich, er verurteilt den Vorfall als respektlos und versichert, dass Deutsche so etwas nie mit Absicht tun würden. Ali hat damit wohl recht. Trotzdem will keiner so recht ausschließen, dass es nicht schon mehr Vorfälle wie diesen gegeben hat. Friedhöfe in Mali sehen nun mal anders aus: Keine Grabsteine, keine Zäune oder Blumenbeete. Die Soldaten vom Bravo-Zug beschreiben sie als "platte Flächen", die vor allem bei Nacht kaum zu erkennen seien.

Was tun? Ali und der Berater des Dorfältesten einigen sich darauf, den Friedhof deutlich sichtbar zu markieren. Anders geht es wohl kaum: Heeres-Soldaten wie die Männer vom Zug Bravo bleiben derzeit normalerweise sechs Monate im Land. Bei den vielen Kontingentwechseln besteht die Gefahr, dass Informationen wie die genaue Position eines Friedhofs in Aktenbergen untergehen.


Mit Gaddafis Sturz kamen noch mehr Waffen nach Mali

Ein weiterer Grund dafür, dass es in Deutschland praktisch keine Debatte über den Einsatz in Mali gibt: Der Konflikt, der ihm zu Grunde liegt, ist unendlich kompliziert. Seit Jahrzehnten herrschen in Mali Spannungen zwischen der teils nomadisch lebenden Bevölkerung im Norden und der überwiegend sesshaften Bevölkerung, die sich im Süden konzentriert. Dort ballt sich auch die politische Macht im Land. Insbesondere verschiedene Tuareg-Stämme im Norden fühlen sich benachteiligt. Wiederholt wagten Rebellen deshalb den Aufstand. Die Fronten waren bei den vielen Auseinandersetzungen aber nie so klar, wie sie auf den ersten Blick erscheinen: Immer wieder bekämpften sich Milizen gegenseitig.

Die Regierungen in der Hauptstadt Bamako begegneten der Unruhe mit Demokratisierungsversuchen und dem Versprechen, die Macht zu dezentralisieren. Wirklich durchschlagend war das nicht. Die Herrschenden sahen sich stets dem Vorwurf der Korruption und der Misswirtschaft ausgesetzt. Und weil es im Norden seit jeher, auch in Kolonialzeiten, an verlässlichen staatlichen Strukturen fehlte, wurde der Einsatz von Waffen zur Problemlösung Normalität. Einheimische prägten deshalb schon den Begriff "Demokalashi" als Beschreibung der malischen Staatsform - eine Kalaschnikow-Demokratie.

Nach dem Sturz Muhammar al-Gaddafis in Libyen im Jahr 2011 kamen noch mehr Waffen ins Land. Einige Tuareg hatten als Söldner in den Reihen des schrillen Despoten gekämpft. Nachdem ihr Auftraggeber hingerichtet worden war, kehrten sie zurück und nahmen ihre Maschinengewehre mit.

2012 explodierte das Gemisch aus Vernachlässigung, Korruption und Blei: Binnen Monaten vertrieben Rebellen die malische Armee aus den Städten und Siedlungen des Nordens. Islamisten und Dschihadisten sprangen auf den Aufstand auf. Die zusehends in die Kritik geratene militärische Führung in Bamako brach während eines Putsches in sich zusammen. Ganz Mali drohte der Zerfall.

Auf Bitten der kaum installierten Übergangsregierung schritt die einstige Kolonialmacht Frankreich ein, um zu verhindern, dass auch der Süden an die Rebellen und Islamisten fällt. Die hatten bereits angefangen, in den Ortschaften im Norden die Scharia einzuführen. Die hochgerüsteten westlichen Streitkräfte eroberten die Gebiete schnell zurück. Hilfreich war dabei, dass sich auch Aufständische und Islamisten zusehends zerstritten. Um nachhaltig für Ruhe in Mali zu sorgen, entstand Minusma. 2015 schloss die Regierung in Bamako einen Friedensvertrag mit bewaffneten Gruppen aus dem Norden, den es jetzt umzusetzen gilt. Die EU unterstützt mit der Mission EUTM überdies die Ausbildung des malischen Sicherheitsapparats, der eines Tages den Schutz der Zivilisten und der staatlichen Strukturen im Land wieder eigenverantwortlich meistern soll.


"Die Präsenz der Deutschen gibt uns Zuversicht"


Streit entbrennt wegen der gepanzerten Wagen auf Friedhöfen in Wabaria nicht. Der Berater des Dorfältesten, Salihu, sagt: "Die Präsenz der Deutschen gibt uns Zuversicht." Viele Malier ärgern sich zwar über die Ungerechtigkeit auf der Welt, über die Ausbeutung des afrikanischen Kontinents durch den Westen. Einige sprechen gar von Postkolonialismus. Den Abzug der Blauhelmsoldaten fordern darauf angesprochen, trotzdem nur wenige. Insbesondere die Deutschen haben einen guten Ruf – nicht zuletzt, weil es in Mali oft heißt, dass die Bundesrepublik der erste Staat war, der Malis Unabhängigkeitserklärung von 1960 anerkannt hat.

Dieser Tage ist etwas anderes aber viel wichtiger. Die Bundeswehr wurde in Mali im Vergleich zu anderen Armeen selten angegriffen. Es gilt: Wo die Deutschen sind, passiert nichts. Salihu bittet Gruppenführer Ali deshalb, öfter zu kommen - trotz des Fauxpas seiner Vorgänger.

Salihu berichtet, dass in Wabaria einer der wichtigsten Märkte der Region liege. Nomaden würden hier ihre Waren verkaufen und Vorräte auffüllen. Eine entscheidende Straße allerdings sei nicht sicher, immer wieder würden Reisende überfallen. Die Wirtschaft des Ortes drohe zu kollabieren, wenn das so bleibt.

In Gao und den naheliegenden Ortschaften machen sich vor allem Kriminelle das Vakuum staatlicher Strukturen zunutze. Salihu hofft, dass die Bundeswehr das Treiben der Gangster eindämmen kann. Er fordert mit Blick auf das ganze Land aber noch mehr: "Die Deutschen könnten die Probleme Malis lösen, wenn sie ihre Aufgabe erfüllen und die Terroristen hinter jedem Hügel in der Wüste hervorzerren." Gruppenführer Ali antwortet: "Dafür sind wir da."

Die Mittel, die die Deutschen im Rahmen von Minusma im Kampf gegen Dschihadisten einsetzen dürfen, sind allerdings begrenzt. Auf Terroristenjagd gehen in Mali neben den heimischen Kräften nur Frankreichs Soldaten der Operation "Barkhane" und ein Bündnis aus fünf Staaten aus der Region. Zusammen haben sie das Mandat für den Einsatz von fast 10.000 Soldaten. Deutsche dürfen nicht mitmachen. Unter Politikern und Militärexperten in Berlin gab es schon hitzige Debatten darüber, ob die Deutschen ihr Aufklärungsmaterial mit den französischen Terroristenjägern teilen dürfen oder ob schon das eine Verletzung des Mandats darstellt. Schließlich sollen die Deutschen vor allem befriedend wirken, keine weiteren Kämpfe provozieren.


Die verlustreichste Mission der Vereinten Nationen


Vielleicht ist es richtig so, dass Deutsche in Mali nicht aktiver eingreifen. Vielleicht auch nicht. Kenner des Landes wie Thomas Schiller, der die Konrad-Adenauer-Stiftung in Bamako vertritt, pochen darauf, dass es vor allem auf Fortschritte in Politik und Wirtschaft ankommt. Schiller kritisiert überdies, dass in der Bundesrepublik über das deutsche Engagement in Afrika, zivil und militärisch, insgesamt zu wenig debattiert wird.

Dass Mali kein Thema ist, macht unterdessen vor allem eines deutlich: Umfrageinstitute machen sich gar nicht erst die Mühe, regelmäßig Stimmungsbilder zum Einsatz zu veröffentlichen. Das Mali-Mandat wird unterdessen Jahr um Jahr vom Bundestag verlängert. Und ein Ende ist nicht in Sicht.

In einem Bericht der Vereinten Nationen vom September ist von mehr tödlichen Angriffen auf malische Sicherheitskräfte die Rede, von mehr zivilen Opfern vor allem im Zentrum Malis und ungebrochen vielen Attacken auf die UN-Kräfte im Land. Den Blauhelmen scheint es zwar zu gelingen, die Eigensicherung zu verbessern, doch bisher verloren bereits 170 Soldaten der UN-Truppe das Leben. Der Einsatz in Mali ist damit schon jetzt der verlustreichste in der Geschichte der Vereinten Nationen. Die Präsenz internationaler Truppen, so sieht es derzeit zumindest aus, führt bestenfalls dazu, dass die Lage nicht wieder vollends eskaliert. Immer häufiger wird Mali deshalb mit Afghanistan verglichen, wo die Bundeswehr nun seit 17 Jahren ist.

Über Wabaria bricht die Nacht herein. Der Bravo-Zug macht sich auf den Weg zu seinen Fahrzeugen. Die Männer müssen auf ihrer Patrouille noch mehrere kritische Stellungen abfahren. Positionen, von denen Kämpfer das nahegelegene "Camp Castor" beschießen könnten. Auf dem Monitor eines der Bordschützen sind Reisende auf Dromedaren zu erkennen, ein Mann mit einer Kalaschnikow vor einer Lehmhütte, Senken und Hügel. Dann fällt die Wärmebildkamera aus. Die Besatzung sieht nur noch Umrisse an sich vorbeiziehen und hört das Lachen der Hyänen.

Der Funker, den alle "Dodo" nennen, sagt: "Zuhause interessiert es doch keinen richtig, was hier eigentlich los ist." Es ist eine ganz normale Nacht in Mali. Eine Nacht, in der sich einige der Soldaten in diesem fremden Land ziemlich allein gelassen fühlen.