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Reportage

Todesengel von Lainz

Das ehrwürdige Lainzer Krankenhaus gilt im Wien der Achtziger als die beste Adresse, wenn es einem schlecht geht. Doch in einem Trakt arbeiten vier Frauen, die mehr wollen als nur pflegen

Von Isabelle Zeiher

Johannes Weber liegt in seinem Bett. Jetzt, da er schläft, nervt er die Pfleger nicht, steht er nicht wie so oft mitten in der Nacht auf, um zu baden. Er ist ruhig.
Eine Stationshilfe betritt den Krankensaal. Sie weckt ihn. Hebt seinen Kopf an, flößt ihm etwas ein und spült mit Wasser nach. „Ihre Schlaftropfen.“ An diese Worte wird sich Webers Zimmernachbar später noch erinnern. Tropfen, ob- wohl er schon schläft? Nur wenige Minuten später kommt die Stationshilfe wieder. Noch mal gibt sie Weber etwas. Noch mal spült sie mit Wasser nach. Beim Rauslaufen hängt sie ihm eine Karte an den Fuß.

Nur Leichen bekommen eine solche Karte.
Wessler: 3 Valium
Bauer: Mundpflege
Weber: 3 Rohypnol
Geiger: 2 Dominal forte
Im Südwesten der Hauptstadt, im 13. Bezirk, nur einen Kilometer entfernt von den Osthängen des Wiener Waldes, steht das Klinikum Lainz. Ein imposantes Gebäude mit Bildhauereien und goldenem Schriftzug „Krankenhaus der Stadt Wien“. Inmitten einer Parkanlage mit Springbrunnen, Kies- wegen, Blumenbeeten und Bänken unter alten Bäumen.

In den 1980er Jahren ist Lainz mit seinen 1300 Betten eines der größten und renommiertesten Krankenhäuser Wiens. Hier arbeitet der Chefarzt Franz Xaver Pesendorfer. Ein hoch angesehener, eloquenter Spezialist für Lebererkrankungen, der die Wiener Prominenz behandelt. Wenn die Notfallsanitäter fragen, in welche Klinik der Patient denn möchte, antworten die meisten: Lainz.

Doch neben dem Glanz gibt es natürlich auch in Lainz den matten Alltag. Auf Station D, Pavillon V, sind andere Talente als medizinische Finesse und charmanter Umgangston gefragt. Hier liegen vor allem alte und gebrechliche Menschen, Alkoholiker und diejenigen, die auf einen Platz im Pflegeheim warten. Die Patienten brauchen Hilfe beim Essen, Hilfe beim Waschen, Hilfe beim Toilettengang. Und Aufmerksamkeit.

Schon damals gibt es zu wenig ausgebildetes Personal. Deswegen stellt das Krankenhaus Lainz viele Stationshilfen ein. Sie dürfen zwar eigentlich keine medizinischen Aufgaben übernehmen, dafür aber sind sie billiger. Im Pavillon V arbeiten mehr Stationshilfen als examinierte Pflegekräfte. Und so übernehmen die Untersten in der Hierarchie Nacht- schichten und medizinische Aufgaben, sie geben Tabletten aus und verteilen Spritzen. Wenn eine Stationshilfe sich weigert, da es den Vorschriften widerspricht, machen sich die anderen oft darüber lustig, sie belächeln die Naivität.

Nicht jeder hält dem Druck stand, hier zu arbeiten, nicht jeder erträgt es, täglich Patienten sterben zu sehen, immer hektisch von Zimmer zu Zimmer zu rennen und trotzdem Menschen in ihrem Kot liegen lassen zu müssen. Die einen funktionieren, auch wenn es ihnen schwerfällt. Die anderen lassen sich etwas einfallen. Sie hängen zum Beispiel die Ruf- knöpfe so weit nach oben, dass die Patienten nicht mehr rankommen, oder nehmen ihnen das Essen weg, wenn die Zeit zum Füttern fehlt. Es gibt viele Wege, mit der Überforderung umzugehen.

Manchen allerdings scheint der Stress nichts auszumachen. Man kann eine Anstellung im Pavillon V ja auch als eine Art Aufstieg betrachten. Hier sind Stationshilfen mehr als nur Helferinnen. Hier sind sie diplomierte Pfleger und manche sogar Ärzte. Hier können sie sich beweisen, Verantwortung übernehmen. Entscheidungen treffen.

Waltraud Wagner ist eine derer, denen der Druck wenig auszumachen scheint. Sie ist immer als eine der Ersten da, gibt den Ton an, motiviert. Viele ihrer Kolleginnen schauen zu ihr auf. Wenn es Probleme mit dem Chefarzt oder anderen Vorgesetzten gibt, dann macht sich Waltraud Wagner zur Sprecherin der Gruppe.

„Die Walli war die Number One bei uns auf der Station. Sie hatte etwas Magnetisches, zog die Leute an“, erinnert sich Wagners ehemalige Kollegin Cristina Pérez (Name geändert) heute. 1981 bekam Pérez eine Stelle als Stationshilfe im Pavillon V. Nur ein Jahr später wechselte auch Waltraud Wagner dorthin. „Ich habe oft zu ihr gesagt, dass sie doch Ärztin werden sollte. Sie war nicht dumm, hätte das Potenzial dazu gehabt.“ Pérez’ einst dunkle Haare sind heute grau, ihre Dauerwelle verschwunden, und um ihre Augen haben sich tiefe Lachfalten gebildet. Sie wirkt trotz ihres Alters jung, spricht im Videocall gestikulierend in ihre Handykamera. Man sieht, wie beeindruckt sie noch immer ist. „Die Walli“, sagt sie, „war eine echte Führungspersönlichkeit.“

Waltraud Wagner kam 1959 in Hagenberg zur Welt, einem Dörfchen knapp 70 Kilometer von Wien entfernt. Als Kind teilte sie sich ein Zimmer mit ihrer Schwester und zwei ihrer vier Brüder. Ihre Eltern arbeiteten als Landwirte, und das Geld war oft knapp. Als Waltrauds Noten in der Grundschule immer schlechter wurden, brachte die Lehrerin sie zum Arzt. Das Mädchen hatte eine starke Sehschwäche, bekam eine dicke Brille und musste die erste Klasse wiederholen.

Sie hatte nicht viele Freunde, war unbeholfen und mollig. Als Jugendliche wog sie mit ihren 1,60 Metern fast 80 Kilo. Als Waltraud Wagners Großmutter schwer krank wurde, behandelte die Zwölfjährige die offenen Wunden an den Beinen ihrer Oma, pflegte sie, bis sie starb. Wagners erste Begegnung mit dem Tod.

Mit 15, nach der Hauptschule, entschied sich Wagner, Krankenschwester zu werden. Je komplexer die Fächer an der Pflegeschule wurden, desto mehr Schwierigkeiten bekam sie. Wagner brach die Ausbildung ohne Diplom ab und zog mit 17 Jahren zu ihrer Schwester nach Wien. Weil das Krankenhaus Lainz verzweifelt nach Personal suchte, bekam sie schnell einen Job als Stationshilfe in der Lungenabteilung. 1982 wechselte sie auf die Station D, Pavillon V. 

„Waltraud war gepflegt, hatte wunderschöne türkisfarbene Augen, aber auch eine dicke Brille“, sagt Cristina Pérez, „wir Pflegerinnen waren beinahe alle schlank. Walli war mollig und ihre Kleidung oft zu eng. Sie hatte immer wieder wechselnde Partner. Nichts Ernstes, niemanden, der länger blieb. Irgendwie hatte sie auch Komplexe.“

Doch Wagner arbeitete an ihrem Auftreten. Obwohl ihre Noten auf der Pflegeschule nicht fürs Diplom gereicht hatten, fand die junge Cristina Pérez, dass Wagner dennoch das Zeug zur Ärztin hätte. Gerade in der praktischen Pflege sei Wagner die Talentierteste gewesen, sagt Pérez. Manchmal schien sie nahezu magische Fähigkeiten zu haben.

An einen Arbeitstag erinnert sich Pérez bis heute. Wagner und sie waren zu einer gemeinsamen Schicht eingeteilt. Zusammen liefen sie durch die Schlafsäle, schauten, wer auf der Station liegt und was an diesem Tag ansteht. Wagner habe immer wieder auf einzelne Patienten gezeigt und sich zu ihrer Kollegin umgedreht: „Der stirbt bald. Die stirbt bald. Der stirbt bald.“

Und das sei das Magische gewesen, sagt Pérez: Wagner hatte jedes Mal recht.

1983. Maria Gruber, eine junge Stationshilfe, sucht Rat bei ihrer Kollegin Waltraud Wagner. Gruber kümmert sich um einen alten Mann, der ständig schreit vor Schmerzen. Sie hält es nicht mehr aus. „Dann gibst ihm halt was“, antwortet Wagner ihr Auch Maria Gruber hat die Schwesternschule abgebrochen, weil sie dem Stoff nicht mehr folgen konnte. Grubers Vater war Polizist. Als er an Krebs erkrankte, pflegte sie ihn bis zum Tod. Später, mit 18 Jahren, fing sie als Stationshilfe in Lainz an. Maria Gruber hat bereits einen Sohn, dennoch ist sie das Küken in der Gruppe, jung, klein und humorvoll.

Lange habe sie sich gewehrt, gegen die Vorschriften zu handeln, so wird Gruber es später erklären, aber irgendwann habe sie das Schreien des alten Mannes nicht mehr ertragen können.

Und da steht nun Wagner neben ihr und zieht eine Spritze auf. Gruber nimmt sie und sticht sie in die Vene des Mannes. Er fällt in einen tiefen Schlaf.

Drei Tage später stirbt er.


Ganzer Text im "Stern Crime"-Magazin (Ausgabe 40)