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Reportage

WYE not?

Es ist der 17. Oktober 2017, Ort: Hochschule München. Franziskus Wozniak und Ferdinand
Krämer stehen auf einer Bühne. Sie sind aufgeregt, haben ein flaues Gefühl im Magen.
Vor ihnen sitzen Unternehmer, Designer, Professoren - die Jury des Hochschul-Ideenwettbewerbs Strascheg Award. 90 Sekunden haben Wozniak und Krämer, um
mit ihrer Geschäftsidee zu überzeugen. Wozniak begrüßt die Anwesenden, Krämer schaut auf die Uhr. Nur noch 30 Sekunden, er nimmt das Mikro, sagt „Wir färben Holzspäne ein und pressen sie zu Platten." Dann ist die Zeit um. Wozniak und Krämer holen den ersten Platz. ,,Beste studentische Geschäftsidee", lautet das Urteil die Jury.

Ein ressourcenschonender ästhetischer Werkstoff aus Spanholz - das ist Wozniaks und
Krämers Geschäftsidee. Als sie vor der Hochschul-Jury antraten, nannten sie sich noch die SpanBrüder. Ein Name, den sie heute nicht mehr wählen würden. ,,Auf dem internationalen Markt funktioniert das nicht", sagt Krämer. Ihre Siegerprämie, ein sechsmonatiges Förderprogramm plus 5000 Euro, war der Grundstein für Wye.

Wye, das sind hundertprozentig recycelbare Möbel, made in Oberbayern. Der Name Wye kommt nicht von ungefähr. Vor jedem Designprozess steht das „warum" englisch „why". ,,Wir wollen konventionelle Prozesse hinterfragen und verbessern", sagt Krämer. ,,Wenn wir neue Möbel entwickeln, denken wir nicht nur an das nächste Geschäftsjahr. Wir versuchen das große Ganze im Blick zu haben. Wie werden wir in zehn oder zwanzig Jahren leben? Und wie in 100 Jahren?"

Antdorf, knapp 1100 Einwohner, zwölf Kilometer südlich des Starnberger Sees, viele alte
holzverzierte Häuser, auf Balkonen blühen Geranien. Die Glocke der Kirche schlägt neun. In einem alten Fachwerkhaus gegenüber der Kirche haben Wozniak und Krämer ihr Büro, Atelier und den Laden. Durch eine Glastür, dann steht man in der Möbelkollektion von Wye. Puristisch, klar geformt, clean: Das sind die Worte, die fallen werden, wenn die beiden
später über ihre Hocker, Tische und Bänke sprechen. Eine Mischung aus glattem, kaltem Blechgestell und einer warmen Oberfläche aus Neolign - ihr selbst entwickelter und patentierter Holzwerkstoff.

Ein weißer Caddy fährt vor. Krämer steigt aus und schließt den Laden auf. Schwarze Jeans,
schwarzes Shirt, weiße Sneaker. Krämer und Wozniak wohnen in München, fahren fast jeden Tag 50 Kilometer zur Arbeit und zurück. Nachhaltig sei das auf den ersten Blick zwar nicht, sagt Krämer, 34, aber ihr Lager sei nur wenige Kilometer entfernt, und bei ihren Prototypen arbeiteten sie mit Handwerkern in der Region, darunter auch der Schreiner direkt gegenüber.

An den Wänden des Büros hängen gerahmte Fotos aus Wohnungen mit Wye-Möbeln,
Kunden haben sie geschickt. „Vor allem in den Niederlanden kommt unser Design gut an", sagt Krämer, ,,die Holländer mögen kräftige Farben, die Deutschen richten sich lieber mit gedeckten Tönen ein." An einer Wand hängen die bisherigen Auszeichnungen: German Design Award, lconic Award, Deutscher Nachhaltigkeitspreis, Nominierung für den Green
Product Award, Blickfang Designpreis, Strascheg Award. Die Jurys loben das ästhetische, schlichte, modulare Design von Wye, es sei zeitlos, nachhaltig und innovativ.
Krämer füllt Wasser in die Kaffeemaschine, kurz darauf kommt Franziskus Wozniak ins
Büro, zwei volle Jutebeutel über der Schulter, leicht aufgeknöpftes Jeanshemd, dunkle Cropped Jeans. Er räumt die Beutel aus. Joghurt, Schokokekse, Müsli, alles bio, dazu eine Bäckertüte mit Croissants.

Als sein Handy klingelt, geht er in den Nebenraum. Ferdi und Franzi, so nennen sie sich gegenseitig, kennen sich seit der fünften Klasse. Als sie sich in der siebten Klasse im Ski-Schullandheim ein Zimmer teilen, freunden sie sich an. ,,Da hat es plötzlich gefunkt", sagt Wozniak. Beide haben ähnliche Probleme. Eltern, die sich scheiden lassen, oft Streit zu Hause, schlechte Noten. „Wenn ich gelernt habe, war ich gut, nur habe ich das eine Zeit lang
nicht so häufig gemacht", sagt Wozniak. Die beiden sind draußen unterwegs, machen im Wald Lagerfeuer, wärmen Konservendosen mit Sardellen in Tomatensoße auf.

Im Studium wohnen sie mit Freunden in einer Achter-WG in München. Krämer studiert
Industriedesign, Wozniak Wirtschaftsingenieurwesen. Abends sitzen sie beim Bier in der WG-Küche, diskutieren über mögliche Geschäftsideen. Irgendwas Nachhaltiges soll es sein. Nichts Handgemachtes, kein Liebhaber-Produkt. Etwas Großes. ,,Nur im großen Stil lässt sich etwas verändern", sagt Wozniak.

Ganzer Text im GREEN-Magazin.