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O-Ton

Panzer im Villenviertel

Mitten in der Nacht rumst es in einem Villenviertel. Reporter Alex Talash ist vor Ort. Jemand hat Besuch von der Polizei bekommen

Protokoll: Isabelle Zeiher

Der Informant rief mich nachts um 3.30Uhr an. Er nannte mir eine Adresse. Höhenweg in Dortmund Holzen. Er sagte, dort werde etwas passieren, das ich fotografieren könne. Mehr wusste ich nicht. Es war der 28. Januar 2020. Um kurz vor sechs Uhr stand ich in der Nähe des Höhenwegs auf einem Parkplatz. Ich sah Neubauten und Villen, teure Autos in den Einfahrten. Ein Polizeiwagen nach dem anderen fuhr an mir vorbei, etwa 40 Polizisten waren im Einsatz. Und ein Räumpanzer. Von Demos kannte ich solche Fahrzeuge. Dort standen sie nur am Rand, dieser Panzer aber war mittendrin. Als die erste Blendgranate in die Luft ging, lief ich in Richtung des Knalls. Ich sah, wie der Panzer auf ein Haus zufuhr und mit seinem Räumschild das schwarze Eingangstor aus Stahl rammte. Im Schutz des Panzers das SEK, das nun die Villa stürmte. In den Gärten der Nachbarn standen Polizisten, um zu verhindern, dass jemand flüchtete. Es war wie im Film. Kurz darauf wurde ein Mann abgeführt, und die Beamten durchsuchten mit Spürhunden das Haus, die Garage und das Gelände. Sie trugen Kisten – vermutlich mit Datenträgern, PCs und Handys – heraus. Aus Lautsprechern dröhnte: „Achtung, Achtung. Das ist ein Polizeieinsatz. Bleiben Sie bitte in Ihren Häusern.“ Natürlich standen einige Nachbarn trotzdem im Schlafanzug auf der Straße. Ich vermutete, dass der Einsatz etwas mit den „Bandidos“, einem kriminellen Motorradklub, zu tun hatte. 2017 brach ein blutiger Bandenkrieg zwischen ihnen und den „Freeway-Riders“ aus. Die Bandidos fingen an, sich in Hagen auszubreiten, wollten dort ein Chapter aufbauen, wo die Riders schon jahrzehntelang ihren Sitz hatten. Die Folgen: teils tödliche Messerstechereien und Schusswechsel, Festnahmen und Gerichtsverhandlungen. Seit Monaten ermittelte die Hagener Polizei im Rockermilieu und leitete auch diesen Einsatz. Vor Ort wollten mir die Beamten nichts verraten. Sie verwiesen mich an die Pressestelle und die Staatsanwaltschaft. Um 6.30 Uhr drückte ich auf den Auslöser und machte das Bild. Um 6.49 Uhr verließ ich den Einsatzort und fuhr in mein Büro. Ich recherchierte, und tatsächlich lag ich mit meiner Vermutung richtig. An diesem Morgen gab es zeitgleich Razzien in sieben NRW-Städten. Sechs führende Bandidos-Mitglieder, Männer im Alter zwischen 36 und 56 Jahren, wurden festgenommen – gegen zwei von ihnen lag bereits ein Haftbefehl vor. Rund 240 Polizisten waren im Einsatz. Den ganzen Tag lang klingelte mein Telefon. Jeder wollte das Bild haben. Ich sah es später überall: im Fernsehen, online, in Zeitungen. Das frühe Aufstehen hatte sich gelohnt. Die Polizei scheint den Bandenkrieg inzwischen beendet zu haben. Die Verantwortlichen wurden größtenteils verurteilt. Am Landgericht Hagen laufen nur noch zwei Prozesse mit Bandidos-Rockern. Ein paar Wochen später fuhr ich wieder zu dem Haus in Holzen. Ich wollte mir den Einsatzort im Tageslicht anschauen. Der Frieden im Nobelviertel war zurück, das Tor repariert. Als hätte es die Razzia nie gegeben.