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O-Ton

Maschsee-Mord

Ein Informant gibt dem Fotografen Michael Thomas einen Tipp. Was der dann zu sehen bekommt, wird er nie mehr vergessen

Protokoll: Isabelle Zeiher 

Eigentlich ist der Maschsee ein fröhlicher Ort. Im Sommer treffen sich hier die Hannoveraner zum Kaffeetrinken. Oder auch zum Spazieren, Baden oder Tretbootfahren. Am Nachmittag des 31. Oktober 2012 aber wurde der Maschsee zu einem Ort des Grauens. An jenem Tag bekam ich einen Tipp von einem Informanten bei der Polizei. Ein Spaziergänger hatte kurz vor 13 Uhr den Rumpf einer Leiche im See gefunden. Als ich ankam, war der gesamte Bereich bereits abgesperrt. Die Polizei lief mit Spürhunden umher, Taucher suchten nach weiteren Leichenteilen im Wasser, und die Spurensicherung ging in weißen Schutzanzügen den Bootssteg entlang. Um kurz nach 20 Uhr entstand dieses Bild. Als ich wenig später zu den Polizisten hinüberging, konnte ich in die Tüten schauen. In einer sah ich den abgetrennten Kopf einer Frau und die rot lackierten Nägel eines Fußes. In einer anderen eine Hand, die bleich und aufgedunsen aus der blauen Plastiktüte hing. Diesen Anblick werde ich mein Leben lang nicht vergessen. Mein Informant bei der Polizei verriet mir ein paar Tage später den Namen und die Adresse des mutmaßlichen Opfers: Andrea B. Ich fuhr hin und klingelte bei den Nachbarn. Sie erzählten mir, dass sie 44 Jahre alt und nett gewesen sei, vermutlich drogensüchtig und Gelegenheitsprostituierte. Ebenfalls am 31. Oktober hob eine Frau Geld vom Konto der Toten ab. Eine Überwachungskamera hatte Aufnahmen von ihr gemacht, sie wurde von der Polizei als Camilla W. identifiziert. Sie gestand, das Geld abgehoben zu haben, und belastete ihren Ex-Freund Alexander K. Sie sagte: Er habe Andrea B. ermordet. In der Wohnung von Alexander K. stieß die Polizei auf jede Menge DNA-Spuren des Opfers. K. selbst saß zu der Zeit schon seit einigen Tagen in Haft. Er war wiederholt beim Schwarzfahren erwischt worden. 2013 kam es zum Prozess. K. war ein rechtsradikaler Rapper – mit 24 Jahren bereits mehrfach wegen Körperverletzung und Drogendelikten vorbestraft. Der Richter kam zum Schluss, dass K. mit Andrea B. hatte schlafen wollen, es sich dann aber anders überlegte und sie mit mehreren Machetenstichen in Hals und Brust ermordete. Er zersägte sie, packte die Körperteile in Tüten und warf sie dann in den Maschsee. Seine Ex-Freundin Camilla W. half ihm dabei. Anschließend strich K. das Zimmer in Schwarz-Rot-Gold. Er hoffte, die DNA des Opfers zu überdecken. Die Richter gingen davon aus, dass das Hauptmotiv für die Tat reine Mordlust war. Seine Tötungsfantasien hatte K. schon vorher detailliert in Liedtexten beschrieben. Weil Psychiater ihm eine tiefgehende Persönlichkeitsstörung diagnostizierten, verurteilte ihn das Gericht lediglich zu zwölf Jahren Haft und psychiatrischer Behandlung. Noch heute fahre ich auf dem Weg zur Arbeit jeden Tag am Maschsee vorbei. Obwohl er so idyllisch ist: Für mich hat der See seine Unbeschwertheit verloren.

Foto: Michael Thomas/HAZ