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Donnersberg-Zufahrt: Shitstorm statt Schneegestöber

Die Kritik war heftig. Kaum war am Donnerstagabend die Nachricht draußen, dass die Kreisverwaltung am Wochenende Shuttlebusse auf den Donnersberg einsetzen will, brannte es lichterloh in den Sozialen Netzwerken. In Anbetracht der hohen Infektionszahlen gab es kein Verständnis für diesen Service. Am Freitag blies der Kreis die Shuttletouren wieder ab.

Als die Meldung auf der Facebookseite der Kreisverwaltung erschien, dauerte es nicht lange, bis Gegenwind kam: An die 800 Kommentare fanden sich bis Redaktionsschluss unter dem Facebook-Post vom Donnerstagabend, der den Busshuttle zum Donnersberg ankündigte. Obwohl auf der Plattform sonst eigentlich lebhaft diskutiert wird und die unterschiedlichsten Meinungen aufeinander prallen, waren sich zumindest dieses Mal fast alle einig: Ein Shuttleservice ist das Letzte, was die aktuelle Pandemie-Lage braucht.

Während die seit Wochen überfüllten Winterausflugsgebiete des Landes bereits verkündeten, dass sie aus Infektionsschutz- und Sicherheitsgründen geschlossen bleiben, hat die Kreisverwaltung andere Pläne gefasst: Busse sollten am Wochenende im Stundentakt Besucher auf den verschneiten Donnersberg bringen. „Die Kreisverwaltung bedauert, dass das gut gemeinte Angebot anders aufgenommen wurde, als es von den an der Entscheidung Beteiligten intendiert war“, heißt es in der Pressemitteilung der Verwaltung. Landrat Rainer Guth nehme die Kritik sehr ernst und ziehe deshalb das Angebot zurück.


Die letzten Wochen(-enden) gab es einen regelrechten Ansturm auf den höchsten Berg der Pfalz. Der Parkplatz war voll, die Autos standen schon im Kreisel bei Bastenhaus im Stau, Wege wurden zugeparkt, Einbahnstraßen ignoriert. Als Reaktion sperrte die Kreisverwaltung die Zufahrt zum Donnersberg über Tag. Damit sich solche Szenen nicht wiederholen, schien ein Busshuttle die perfekte Lösung zu sein: Ab Rockenhausen und Kirchheimbolanden eingesetzt sollte er stündlich pendeln – und das obwohl laut Ministerpräsidentin Malu Dreyer die strengeren Corona-Maßnahmen mitunter eine Reaktion auf den enormen Wintertourismus seien.


Noch am Vormittag wird Entscheidung revidiert

Das Vorhaben löste Unverständnis aus, das sich in zahllosen Facebook-Kommentaren niederschlug. Es entwickelte sich ein regelrechter Shitstorm: Von ironischen Verbesserungsvorschlägen („Habt ihr auch an den Glühweinstand gedacht“) über Ungläubigkeit („Das ist doch ein Aprilscherz“) und Unverständnis („Wer das zu verantworten hat, hat den Knall nicht gehört“) bis hin zu Ärger („Das ist ein Schlag ins Gesicht für alle Gastronomen, Friseure und andere Branchen, die Geld in Hygienekonzepte investiert haben und trotzdem schließen mussten“) war alles dabei. Die Kommentare ließen der Kreisverwaltung keine Wahl. Noch am Vormittag wurde die Entscheidung revidiert. Mit negativen Kommentaren habe er zwar gerechnet, so Guth. „Die Reaktionen auf die Sperrung der Straße waren auch nicht positiver“, erinnert er sich. Eine so breite Ablehnung habe er aber nicht erwartet.

Gute Idee zum falschen Zeitpunkt

Schon in den letzten Jahren kam es an schneereichen Tagen zu Staus und Warteschlangen auf dem Berg. Ein Shuttle, der spontan zugeschaltet werden kann, ist eine Idee, die schon länger in der Luft liegt. Dass die Kreisverwaltung ausgerechnet den jetzigen Zeitpunkt dafür wählte, begründet der Landrat mit dem Verkehrschaos: „Die Gefährdung im Straßenverkehr war immens. Es gab Blechschäden, Verstöße, Fußgänger liefen den Autos auf der dunklen Straße entgegen. Es war eine rein verkehrssichernde Maßnahme.“ Gemeinsam mit dem Ordnungsamt, den Verbands- und Ortsgemeinden sowie der Polizei hätte man sich für den Shuttles entschieden, so der Landrat. Bei der Planung seien auch der Infektionsschutz und die Umsetzbarkeit der AHA-Regeln berücksichtigt worden: Stündlich sollten zwei der größten Busse pendeln, die aktuell im ÖPNV der Region unterwegs sind und insgesamt 150 Personen transportieren können. Davon sollten allerdings nur 40 Plätze besetzt werden, dazu sind die Busse mit Hygienespendern ausgestattet, und eine Maskenpflicht hätte bestanden, erklärt Guth. Andere Lösungen wie Parkplatzkontrollen seien keine Alternative, so der Landrat. Die würden die Verkehrsproblematik am Kreisel nicht lösen. „Wir waren nicht blauäugig und auch nicht fahrlässig“, so der Landrat. Trotzdem reagierte er und legte den Shuttle auf Eis - vorerst.

Nach der Pandemie will die Kreisverwaltung auf jeden Fall einen zweiten Anlauf wagen „Bei gutem Wetter kommen hunderte Leute und Autos. Der Parkraum auf dem Berg ist dafür viel zu klein. Aus verkehrstechnischen und ökologischen Gründen wäre ein Pendelverkehr auf jeden Fall eine gute Variante“, so Guth.


Vorerst bleibt es bei den Sperrungen

Die Straßensperrung zwischen neun und 18 Uhr bleibt nun bestehen. Dafür werden dieses Wochenende wieder Ordnungsamt und Polizei im Einsatz sein. „Durch die Schließungen der anderen Wintergebiete rechnen wir schon mit einem regen Zulauf“, so Simone von Focht, stellvertretende Leiterin der Polizeiinspektion Kirchheimbolanden. Sie appelliert an die Vernunft und das Verständnis der Bürger. Die Polizei wird am Wochenende nicht nur die Zufahrtswege sperren, sondern auch das Ordnungsamt darin unterstützen, Verstöße gegen das Infektionsschutzgesetz zu ahnden.

Einen Busshuttle gibt es also nicht – dafür aber die Erfahrung für die Kreisverwaltung, wie sich ein Shitstorm anfühlt.


Meinung: Vernunft hat gesiegt


Politiker appellieren seit Wochen verzweifelt an die Bevölkerung, Maßnahmen werden verschärft, Kinder dürfen nicht in die Schule, Geschäfte bleiben zu.

Doch während andere Regionen zum Infektionsschutz ihre überfüllten Winterausflugsgebiete konsequent geschlossen haben, wollte die Kreisverwaltung mit einem Busshuttle trotz Pandemie einem Massenpublikum bewusst den Weg auf den Donnersberg ebnen. So ein Shuttle für Wintertouristen ist genau das Gegenteil von dem, was nötig ist, um die Infektionszahlen zu senken. Es ist das falsche Signal – und das hat die Kreisverwaltung deutlich zu spüren bekommen. Die Vernunft hat da am Ende gesiegt. Auch wenn dafür ein Shitstorm mit Hunderten Facebook-Kommentaren erforderlich war.

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