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Mode, Mensch und Maschine

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Ying Gao: no where/now here basierend auf photoluminiszenten Fäden und Blickerfassungstechnologie. (c) Dominique Lafond

Mit 3D-Druck, Wearables und Robotik stehen bahnbrechende Innovationen bevor. Die Fusion von Modedesign mit Wissenschaft und Technologie macht den Designprozess noch komplexer.


Als im vergangenen Frühjahr die ›see now-buy now‹ Diskussion aufflammte, war die Modewelt in zwei Lager gespalten: In New York und London war man euphorisch, in den traditionellen europäischen Modemetropolen lehnte man das Modell ab. Unter den Pro-Argumenten war auch jenes der beschleunigenden digitalen Fertigungstechnologien. Insider fragten sich, was damit gemeint sei. Teilprozesse wie der Zuschnitt, das Anbringen von Knöpfen und das Nähen von Taschen konnten bereits automatisiert werden, aber es braucht immer noch einen Menschen, um die Schnittteile zusammenzunähen. Grund für den Optimismus in USA war vermutlich die medial vermittelte Aufbruchsstimmung. Zeitgleich zur Diskussion liefen vier Ausstellungen zum Thema ›Mode und Technologie‹, vier globale Brands launchten die ersten komplett 3D-gedruckten Sneakers und das kalifornische Startup Sewbo veröffentlichte ein Video, in dem es den (nach eigenen Angaben) ersten Nähroboter vorstellte. Wirklich marktreif war noch nichts von alldem. Aber die Ereignisse gaben einen guten Überblick über die aktuellen Entwicklungen im Sektor Mode und Technologie, weshalb sie den Ausgangspunkt für die folgenden Ausführungen bilden:

Kontext zur Kunst
 
Das Forschungsfeld Mode und Technologie hat mit Beginn der Nullerjahre eine zukunftsorientierte Kunstszene angeregt, die i.d.R. in interdisziplinären Verbindungen an noch nicht Dagewesenem arbeiten. In den vier US-Ausstellungen waren die prominentesten Vertreter der Szene versammelt. Der erklärte Star war die Holländerin Iris van Herpen, deren Werke in allen Ausstellungen präsent waren; darunter das High Museum in Atlanta, das ihr eine erste Einzelausstellung in USA widmete. Van Herpen war 2010 die erste Modedesignerin, die eine 3D-gedruckte Kollektion über den Laufsteg schickte. Zahlreiche Objekte sind bereits in Museumssammlungen eingegangen. Die experimentellsten Konzepte zeigte die Manhattan Pratt Gallery unter dem Titel ›Coded Couture‹. Die Exponate fielen in die Kategorie ›fashionable Wearables‹ worunter man Kleider und Accessoires mit integrierter Technologie versteht. Die Integration erfolgt durch das Einweben, -stricken oder –sticken bzw. Aufdrucken von elektronischen Leiterbahnen und Sensoren oder Aktuatoren. Diese reagieren auf Körper- und Umgebungsimpulse, indem sie dokumentieren oder programmierte Aktionen initiieren. Zu Körperimpulsen zählen Aspekte wie Herzfrequenz, Körpererwärmung oder Gänsehaut. Z.B. integrierte Rebecca Pailes-Friedman ein Herzfrequenzmessgerät in ein mit Federn besetztes Bolero. Eine beschleunigte Herzfrequenz löst das Aufrichten der Federn aus. Zu Umgebungsimpulsen zählen Aspekte wie Blick, Berührung und Sprache. Die Künstlerin Ying Gao setzte diese u.a. mit Blickerfassungstechnologie um. Fällt ein Blick auf das Kleid, beginnen sich Gewebekomponenten zu winden und zusätzlich aufzuleuchten. Cute Circuit arbeitete mit Impulsen aus digitaler Quelle. Ihr iMiniskirt liest eingehende Tweets. Cute Circuit ist übrigens das erste Couture Label, das sich 2004 im Bereich der Wearables positionierte.
Die Kuratorinnen der Ausstellung ›Coded Couture‹- Judy Fox und Ginger Duggan sehen Couture untrennbar mit der Idee der Personalisierung verbunden. In der Vergangenheit waren es Perlenapplikation, Handstickerei und andere zeitintensive handwerkliche Effekte, die eine spezielle Verbindung zum Besitzer schufen und das Kleidungsstück zum Kunststück erhoben. Die Kodierung ermögliche eine neue Annäherung an und Perspektive auf personalisierte Mode. (vgl.: Alan G. Brake, 17.03.2016: Coded couture exhibition in New York presents garments that detect lies and read tweets. Auf: Dezeen.com)

Coded Couture: Mit der Betonung des individuellen körperlichen Ausdrucks ermöglicht Codierung eine neue Annäherung an personalisierte Mode.


Wechselwirkung zwischen Produktion und Design
 
In der Ausstellung ›Techstyle – Digital Fashion Technology‹ im Museum of Fine Arts (MFA) Boston untersuchten die Kuratoren die Auswirkungen der Synergien zwischen Mode und Technologie auf den Designprozess und die Interaktion von Mensch und Kleidung. Der Fokus lag auf Prêt à Porter aus dem 3D-Drucker. Unter 3D-Druck versteht man die Kreation eines dreidimensionalen Objektes aus einem digitalen Design. Zentrales Exponat war ›Kinematic Dress‹ von Nervous System, ein relativ ausgereiftes 3D-Druck-Kleid, das sich durch textilähnlichen Fall auszeichnet. Tatsächlich sind die einzelnen Nylonkomponenten steif und die Fläche erhält ihre Flexibilität durch kleinteilige einzelne Komponenten sowie deren Verbindung mit aufwändigen Gelenkskonstruktionen. Das Design basiert auf Prozessen und Mustern aus der Natur.
 
Aufwertung der maschinellen Arbeit
 

Die Ausstellung ›Manus x Machina: Fashion in an Age of Technology‹ im Metropolitain Museum of Modern Art in New York zeigte eine historische Retrospektive, in der manuelle und maschinelle Arbeit gleichwertig behandelt wurde. Ausgangspunkt war die Erkenntnis, dass Mode immer schon von den neuesten Technologien beeinflusst war – sei es durch die Erfindung des Jacquardwebstuhls oder der Nähmaschine. In einem Artikel der New York Times verweist der Kurator der Ausstellung, Andrew Bolton, auf den damit verbundenen common sense, der Handwerk mit Luxus und Maschinenfertigung mit Mittelmaß gleichsetze. In einer Zeit in der die Designer beide Praktiken anwenden, seien diese Assoziationen nicht mehr angebracht. Bei den Werken von Iris van Herpen entstehe allein aufgrund der Materialien der Eindruck der Maschinenfertigung. Tatsächlich sei oft 70 bis 90 Prozent Handarbeit involviert. Zitat: »I don’t think, those associations are accurate, particularely in the 21st century, when designers are borrowing from both practices.« (Hilarie M. Sheetsmarch, 14.03.2016: When Fashion meets Technology you can wear your Tweets).

 
 
Technologie als ästhetisches Problem
 
Die Modeindustrie hatte lange kaum Interesse an modernen Technologien. Weil Luxuriöses eben handgefertigt sei, so der Konsens. Deshalb mussten die Pioniere von außen kommen.

 
In der Vergangenheit wurde Technologie im Modedesign als ästhetisches Problem betrachtet. Das Mode- und Designstudio Bless beschäftigte sich erstmals 2013 mit Technologie und kommentierte den Designprozess folgend: »Die involvierte Technik soll das Design weder zweckentfremdend noch ästhetisch bestimmend wirken lassen. Vielmehr sollte diese unsichtbar sein und die Kleidungsstücke auf herkömmliche Weise benutzbar.« Bless hatte unter dem Projektnamen ›soundperfume‹ textile Accessoires entwickelt, die im Zusammenspiel mit dem Nutzer zum Instrument werden. U. a. kreierten sie den »Orchestra Scarf«, der die Möglichkeit bietet, ein Musikstück in fünf verschiedene Tonspuren aufzusplitten. Die Trägerin der Stola entscheidet, welche der Spuren aktiviert werden. Auf diese Art kann sie ein personalisiertes Musikstück zusammenstellen und hören. Das Projekt war von Sabine Seymour für die Ausstellung Sonic Fabric im MAK/Wien kommissioniert worden. Die in New York lebende Österreicherin beschäftigt sich mit Mode an der Schnittstelle zur Technologie – u.a. als Leiterin des ›Fashionable Technology Lab‹ an der ›Parsons The New School‹ in New York. In ihrem Buch ›Functional Aesthetics. Visions in fashionable Technology‹ hält sie fest, dass Kleidung immer schon kommunikativen Charakter hatte und in seiner spezifischen Art zumindest den sozialen Status und den Kulturkreis des Trägers symbolisierte. Auch in der technologiebasierten Interaktion zwischen Träger und Kleidung, bzw. Kleidung und Umgebung sieht sie eine natürliche Funktion von Kleidung. Als unmittelbare Schnittstelle zur Umgebung sende und empfange diese konstant Gefühle, Erfahrungen und Bedeutungen. Die personalisierende Funktion von Wearables deutet sie als einen neuen Modus des Selbstausdrucks, der für die Begehrlichkeit von Modeprodukten essenziell sei. (vgl.: Seymour 2010, 7-17).

Die Modewelt muss sich mit dem Design von modischen Wearables auseinandersetzen, um einen neuen Markt für hochqualitative Produkte zu kreieren, sagt Sabine Seymour. Sie unterscheidet in drei verschiedene Funktionen von Wearables: Kommerzielles Produkt, Kunstobjekt und Prototyp im Rahmen von Forschung.
 
Die Luxuskonferenz des Condé Nast-Verlags lief unter dem Titel ›Mindful Luxury‹. Das belegt, dass auch in der traditionsorientierten Luxusmodeindustrie ein Umdenken eingesetzt hat. Schlüsselthema war der fortschreitende Einfluss der Technologie. Diese verändere jeden Aspekt der Industrie, vom Design über die Produktion und das Marketing bis hin zum Einzelhandel und darüberhinaus (vgl. Broschürentext). Es bleibt abzuwarten, ob fashionable Wearables, die Begehrlichkeit von Mode im digitalen Zeitalter neu etablieren können. Gegenwärtig räumt aber auch Seymour in einem Artikel im Magazin Profil ein, dass das Hauptinteresse für Wearables aus dem Sport-, Fitness- und Gesundheitsbereich komme (Robert Prazak, 14.03.2016: Stoffwechsel: Smart Textiles). Die technologische Interaktion zwischen Kleidung, Umgebung und Körper wird vorwiegend zur Leistungsaufzeichnung bzw. -optimierung sowie zur Überwachung der körperlichen Funktionen eingesetzt. Fordert die Modeindustrie die ›Unsichtbarkeit‹ der Technologie, so ist die Sichtbarkeit in der Sportbekleidungsindustrie geradezu erwünscht. Wenn Design Funktion und Intelligenz auch visuell repräsentiert, wird es zum Teil des Marketing. Dennoch hat auch die Sportbekleidungsindustrie großes Interesse an Smart- oder E-Textiles, weil zusätzliche elektronische Gadgets in der Sportausübung hinderlich sind. Bei der Integration von Technologie in Textilien, ist u.a. die Dehnbarkeit der Komponenten (Leiterbahnen, Sensoren, Aktoren) ein Kriterium. Die Forschung im Bereich Stretchable Electronics läuft auf Hochtouren. Hinter den Investments stecken große Umsatzerwartungen. Dr. Khasha Ghaffarzadeh, Research Director, IDTechEx, rechnet bis 2027 mit einem Anwachsen des Marktes auf 600 Millionen Dollar. Darüberhinaus werde auch der Bereich der ›stretchable devices‹ intensiv erforscht, so Ghaffarzadeh. Auch Dinge wie Batterien, Displays, Transistoren, Photovoltaic, etc. sollen dehn- und knautschbar gemacht werden. Zitat: »Manche dehnbaren Komponenten werden kurz- bis mittelfristig sehr erfolgreich werden, andere werden akademische Kuriositäten bleiben.« (vgl.: 11.05.2017: Stretchable electronics: everything you need to know. Auf: textile-future.com)
In jedem Fall ist mit Wearables die Privatsphäre des Nutzers gefährdet. Sensible Daten werden preisgegeben und die Gefahr, dass sie in die Hände profitinteressierter Dritter gelangen, ist allgegenwärtig. Besonders problematisch zeigt sich die Situation im Gesundheitsbereich, wo Versicherungen von den Daten profitieren würden.

Das Drucken von Kleidern ist bereits möglich - auch wenn die Technologie noch der Verfeinerung bedarf. Hürde ist die Vereinbarung von starrer Technologie und weichem Stoff.


Dreidimensionales Modedesign
 
In 3D-Druck sieht die Modeindustrie realistische Anwendungsmöglichkeiten. Weil sich damit noch nie dagewesene Effekte schaffen lassen.
 
Die Architektin Julia Körner hat sich auf digitales Design für 3D-Druck spezialisiert. Sie kollaborierte 2012 bis 2014 mit Iris van Herpen und später mit Couture Häusern in Paris. 2015 launchte sie ihre eigene ready-to-wear-Kollektion. Für sie ist die Tragbarkeit von Kleidung aus dem 3D-Printer bereits gegeben, wie sie im nachfolgenden Interview erklärt. Parallel zur High Fashion gibt es auch im High Street-Segment Bestrebungen die Technologie umzusetzen. Dr. Shaun Borstrock ist der stellvertretende Dekan der Abteilung ›Business and Innovation‹ an der Universität Hertfordshire (UK). Er suchte die Zusammenarbeit mit dem 3D-Designer Mark Bloomfield, um 3D-Print einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Gemeinsam ist es ihnen gelungen, dem 3D-Design die Steifheit und mangelnde Flexibilität zu nehmen. Aus dem Projekt sind acht Modelle hervorgegangen. Lt. Dr Borstrock kommt das Material in Flexibilität und Bewegung an traditionelle Stoffe heran. Erreicht wurde dies mit einer Flächenkonstruktion, die an Gewebe-, Naht- und Stricksysteme angelehnt ist. Die Modelle der Kollektion können auf Maß angefertigt und in verschiedenen Formen variiert werden. Finish und Färbung erfolgen nach dem Druck.
Mit dem 3D-Print tauchen allerdings auch neue ethische und rechtliche Probleme auf. Konkret rechnet man mit Produktpiraterie und einem wachsenden Schwarzmarkt – wie dies zuvor schon in der Musikindustrie mit der Streaming-Technologie zu beobachten war. Eine Überarbeitung des Urheberrechtsgesetzes ist erforderlich.

Interview Julia  Körner

Konvergenz von Architektur, Produkt- und Modedesign
 
Die gebürtige Salzburgerin Julia Körner hat Architekturstudien in Wien und London absolviert und unterrichtet seit 2012 an der ›University of California in Los Angeles‹ (UCLA). In ihrem Unternehmen JK Design hat sie sich auf digitales Design für 3D-Druck spezialisiert. Sie erstellt eigene Kollektionen, arbeitet aber auch mit Unternehmen aus der Luxusindustrie. Julia Körner im Interview:
 
Textil Zeitung: 3D-Couture war bis jetzt den Laufstegen und den Kunstsammlungen vorbehalten. Wird die Technologie in absehbarer Zeit auch straßentauglich werden?
 
Julia Körner: Das ist ein Thema mit dem ich mich sehr intensiv auseinandersetze. Die Designmöglichkeiten hängen mit den verfügbaren Materialien und Drucktechnologien zusammen. Weshalb ich eng mit Materialanbietern zusammenarbeite und oft auch innerhalb einer Kollektion verschiedene Materialien einsetze. Inzwischen ist es möglich mit flexiblen Materialien zu drucken, die durch eine spezielle Geometrie wie dreidimensionale Stoffe verarbeitet werden können. Die Geometrie in der Software ist starr. Deshalb ist es oft schwer abzuschätzen, wie beweglich der Stoff in einem Kleidungsstück tatsächlich wirkt. Trotzdem ist es möglich, tragbare Designs zu entwickeln. Ein Beispiel dafür ist das Korsett, das ich 2015 für Marina Hörmannseders ready-to-wear Kollektion designt habe. Die Oberfläche war an der traditionellen Smoktechnik inspiriert.

Wie lang dauert die Herstellung eines 3D-Prints – vom Entwurf bis zum Ausdruck?
 
In meinen frühen Projekten hat es manchmal eine ganze Woche gedauert, bis der Druck aus der Maschine genommen werden konnte. Mit den flexiblen Materialien hat sich die Druckzeit auf bis zu zwei Tage reduziert. Die gesamte Herstellungszeit hängt vom Material und der Komplexität der Geometrie ab. Das kann von einer Woche bis zu zwei Monaten dauern. Wenn ein Modell erst designt und ein digitales File erstellt ist, können daraus ganz einfach Varianten abgeleitet werden. Man muss nicht wieder hunderte Stunden in die Neuentwicklung investieren. Außerdem arbeite ich mit digitalen Designprozessen, die das Schreiben von Algorithmen beinhalten – und mit visueller Programmier-Software, mit der man Geometrie automatisieren und in der Folge Muster auf verschiedene Objekte automatisch adaptieren kann. Trotzdem funktioniert der Prozess nicht ohne mich als Designer. Oft überarbeite ich die Designs noch manuell, das heißt ich modelliere digital am Computer in einer weiteren Software.
 
Wie gehen Sie an Rohstoffwahl und Materialkonstruktion heran?
 
Momentan präferiere ich flexible Materialien und netzartige Muster. Damit spare ich Druckzeit, Material und Kosten. Großflächige Drucke sind oft schwerer und weniger flexibel. Aber als Architektin verstehe ich sehr viel von tragfähigen Strukturen und wie sich Materialien bei Druck und Zug verhalten. Das hilft im Designprozess.
 
Sie haben 3D-Druck-Kleider designt, die auf die Emotionen des Nutzers reagieren. Wie können wir uns das vorstellen?
 
In dem Projekt habe ich mit Materialien gearbeitet, die die Farbe mit der Körpertemperatur des Trägers ändern. Basis war die Beobachtung, dass Stimmungen mit der Erwärmung bestimmter Körperzonen verbunden sind. Indem das Kleid mit Variationen eines Schwarz-/Weiß-Musters auf die lokale Körpererwärmung reagiert, kommuniziert es Stimmungen wie Freude, Liebe, Stolz etc.
 
Wie ist 3D-Druck aus der Perspektive der Nachhaltigkeit zu bewerten?
 
Der 3D Druck ist ein additives Fabrikationsverfahren, in dem es keinen Abfall gibt. Es wird nur soviel Material verwendet, wie tatsächlich gebraucht wird. Das Druckmaterial ist meist aus Plastik, kann allerdings auch aus wiederverwertbaren Rohstoffen hergestellt werden. In dem Fall kann das alte Kleidungsstück eingeschmolzen und zu neuem Druckmaterial aufbereitet werden. Darüberhinaus entfällt auch der Kleiderversand. Man kann das digitale File global versenden und das Kleid lokal drucken.
 
Danke für das Gespräch.
Website: https://www.juliakoerner.com/

Digitale Sorgfalt
 
Lt. Sewbo Inc.-Gründer Jonathan Zornow, ist die Automation des Nähprozesses bisher an der mangelnden Feinmotorik des Roboters gescheitert. Er selbst arbeitet mit einem Trick.
 
Zornow hat das Material temporär mit einer Substanz versteift, so dass die Schnittteile wie Papierblätter gehandhabt werden können. Als solches können sie vom Roboter aufgehoben, unter dem Nähmaschinenfuß positioniert und durch den Nähprozess befördert werden. Auf diese Art konnte Zornow seinem Roboter immerhin ein T-Shirt entlocken. Der junge Forscher verwendet übrigens eine gewöhnliche Haushaltsnähmaschine. Marktreif ist die Innovation noch nicht – aber sie veranschaulicht das Hauptproblem der Automatisierung des Nähprozesses – die mangelnde Feinmotorik des Roboters. Sewbo war und ist nicht allein am Markt. Das amerikanische Fachmagazin apparelnews.net berichtet von weiteren Startups, die an automatisierten Fertigungsprozessen arbeiten. Sie wollen die Produktion nach Amerika zurückholen, um u.a. das ethische Problem der ausbeuterischen Produktion in Billiglohnländern zu beseitigen. Im Vordergrund stehen allerdings ökonomische Interessen wie noch geringere Produktionskosten, das Ende der Handelszölle und die dramatische Erleichterung der Logistik. Außerdem will man lokal kurzfristig Markttrends reagieren. Das Feindbild des Roboters als Jobkiller bleibt nicht unerwähnt, wird aber mit der Aussicht auf hochqualifizierte Arbeitsplätze entkräftet (vgl.: Andrew Asch, 20.04.2017: Fashion Robot: Fashion’s Robotic Future. Auf: apparalnews.net).
 
Sewbot

Eine zentrale Rolle in der Debatte spielt das Startup Softwear Automation Inc., das 2012 von der DARPA, einer Abteilung der US-Verteidigungsforschungs und –entwicklungsagentur einen Forschungsauftrag erhalten hatte. Im Rahmen dieses Auftrags fand das Forscherteam eine Lösung für die mangelnde Feinmotorik des Roboters, die sich in Stoffverzug äußerte. Die Software wird auf Basis von High-Speed-Fotografie manipuliert. Durch die Bildinformationen können einzelne Fäden im Stoff geortet und die Nahtposition aufgrund der Fadenanzahl ermittelt werden. Die exakte Messung jedes Nadelstichs lässt den Obertransportfuß konstant kleine Korrekturen vornehmen (vgl.: 28.05, 2015: Made to Measure. Auf: The Economist). Aktuell kündigt Softwear Automation Inc. auf seiner Website Vororders für vollautomatisierte Arbeitsabläufe für T-Shirts an. Palaniswamy Rajan, CEO und Vorstand des Startup vergleicht das Produktionsmodell mit jenem der Automobilindustrie. D.h. Arbeiter bedienen Maschinen, die ein Kleidungsstück herstellen. Der Sewbot, so der Name des Roboters, soll den Prozess vom Ergreifen des Stoffballens bis zur Fertigstellung des Kleidungsstückes ohne menschliche Hilfe abhandeln. Das Nähen eines T-Shirts soll nicht mehr als 22 Sekunden in Anspruch nehmen.

Die Industrie 4.0 skalierbar machen

Auch zur abgelaufenen Texprocess in Frankfurt wurde die Rückkehr der Produktion aus den Billiglohnländern diskutiert. Die Argumentation unterschied sich kaum von jener in USA. Allerdings sah man das Thema Automation wesentlich differenzierter. Highlight der Fachmesse war die ›Digital Textile Micro Factory‹ (DTMF), in der Teilprozesse automatisiert waren, der Stoff aber immer noch von menschlicher Hand durch die Maschine geführt wurde. Das Modell zielt auf einen hochflexiblen Prozess ab und ist auf die verschiedensten Stoff- und Modelltypen anwenden, betont Christian Kaiser von Deutsche Institute für Textil und Faserforschung, der die DTMF leitete. Er möchte die Bedeutung der Automation nicht unterschätzen, weist aber auf die hohen Investitionskosten und die unausgereifte Technologie hin. Die Handhabung von leichten, flexiblen Stoffen sei noch nicht gewährleistet. Sein Ansatz ist es, die Industrie 4.0 skalierbar zu machen und den bisweilen analog laufenden Arbeitsablauf zu digitalisieren. Den entscheidenden Vorteil der DTMF sieht er in der prozessspezifischen Nähmaschinenkonfiguration. Diese wird nicht mehr analog sondern digital durchgeführt und kann auf Knopfdruck von einem System ins nächste wechseln. Dadurch seien fließende Arbeitsabläufe gesichert. Darüberhinaus sei das System netzwerktauglich und kann auf Kleinserien genauso wie auf maximal 1500 Maschinen angewendet werden.
 
Nachhaltigkeit vs. Innovationstempo
 
Inwieweit die neuen Technologien das Dilemma der Modeindustrie lösen werden, ist noch nicht absehbar. Am Höhepunkt der ›see now buy now‹-Debatte hat die Autorin Robin Givhan in einem Online-Artikel der Washington Post kritisiert, dass die Maßnahmen am wirklichen Problem vorbeiziele. Die Modehäuser sollten mehr darüber nachdenken, was sie verkaufen, als wie sie es verkaufen (15.02.2016: The fashion industry wants to disrupt the runway. It’s missing the real problem). Diese Kritik lässt sich auch auf die Produktion übertragen: Die Modeindustrie ist die zweitgrößte Industrie wenn es um Umweltschädigung geht. Zusätzlich hat das rapide Tempo der Innovationszyklen zu einer Wegwerfmentalität geführt. Das System der permanenten Innovation ist aus der Perspektive der Nachhaltigkeit in Frage zu stellen. Eine Verlangsamung würde die Industrie aber um den ständigen Reiz des Neuen beschneiden. Der Konsument lebt mit Mode seinen Wunsch nach individuellem Ausdruck, Kreativität und Selbstoptimierung aus. Dieses hedonistische Bekleidungsverhalten ist – irreversibel - zumindest für einen Teil der Konsumenten. Die Vereinbarkeit von Nachhaltigkeit und kurzfristigen Modelaunen könnte mittels recyclefähigen oder biologisch abbaubaren Stoffen erreichbar werden.
Die Überhänge sind nicht zuletzt auf die Kluft zwischen Industrie und Verbraucher zurückzuführen, die sich im Zuge der Globalisierung vergrößert hat. Abhilfe sollen Kundendaten schaffen. Weiters zielt die Personalisierung von Produkten auf das Problem ab. Beispiel dafür ist das Adidas ›Knit for you‹-Projekt. Es erlaubt dem Kunden, das Design seines Pullis mitzubestimmen. Durch die Fertigung auf Anfrage entsteht keine Überproduktion sondern Kundennähe und ein Datenpool, der die Kundenwünsche transparenter macht.
 
Hildegard Suntinger





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