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Fans warteten mit Messer am Zaun

MAINZ - Denis Oriana hat Premier-League-Erfahrung. Die sammelte der ehemalige Fußballer des VfB Ginsheim, der in der Winterpause zum Bezirksligisten TSG Hechtsheim wechselte, allerdings nicht in England, sondern in Maltas gleichnamiger Eliteklasse. Der Traum von der Profikarriere machte aus dem studierten Fitnesstrainer einen Fußball-Nomaden. Vom VfB Ginsheim wechselte er im Sommer 2016 in die erste maltesische Liga. Ein kompletter Reinfall. Ein halbes Jahr später wagte er in Italiens viertklassiger Serie D erneut den Sprung in den Profisport: Mit Erfolg auf dem Platz, aber Gewalt und Morddrohungen neben dem Platz.

In der A-Jugend gegen Ginter und Can

„Malta ist eine Insel. Das war das Einzige, was ich über das Land wusste“, gibt Denis Oriana zu. Als ein Bekannter aus England ihm den fußballerischen Draht auf die Mittelmeerinsel herstellte, musste er trotzdem nicht lange überlegen. In der A-Jugend bei Wehen Wiesbaden spielte er noch gegen die heutigen Nationalspieler Matthias Ginter („schon damals ein Fuchs“) und Emre Can („starker Athlet“). Für ganz oben reichte es allem Ehrgeiz zum Trotz nicht. Stattdessen studierte Oriana an der Universität Düsseldorf Sport und Gesundheit und arbeitete anschließend in Wiesbaden als Fitnesscoach. Über verschiedene Stationen in der Verbandsliga landete er beim VfB Ginsheim. Die Fußballambitionen blieben aber weiterhin auf Profiniveau, weshalb er sich nach Malta vermitteln ließ.

Über ein einwöchiges Probetraining bei Mosta FC erspielte sich der beidfüßige Mittelfeldspieler einen Profivertrag. Mit 3000 bis 5000 Euro lagen die Gehälter auf deutschem Dritt- und Viertliganiveau, im Kader standen Profis aus allen Kontinenten. Die Mannschaft trainiert zweimal am Tag. Zur Begrüßung erwartete den Kicker aus der Verbandsliga knallharte Konditionsarbeit: „Wir sind in einer Vormittagseinheit einfach mal 20 Kilometer gelaufen. Das ist brutal. Das ist quasi ein Halbmarathon.“ Das technische und taktische Niveau nennt der 25-Jährige hingegen „absolut lächerlich“. Der Ehrgeiz, einmal im Nationalstadion auf einem der insgesamt zwei Naturrasenplätze des Zwergstaates aufzulaufen, spornte den Italiener an. Er absolvierte zwei Testspiele, zu seinem Profidebüt kam er nicht. Sein Engagement wird nicht honoriert – im wörtlichen Sinne. Weder die versprochene Bonuszahlung mit Vertragsunterschrift noch das erste Monatsgehalt wanderten auf Orianas Konto. „Ich habe bis heute kein Gehalt bekommen“, sagt der Dribbler. Er zog die Reißleine. Einen Monat nach seinem Abstecher nach Malta stand Oriana wieder in Ginsheim beim VfB auf dem Trainingsplatz.

In Wiesbaden konnte er wieder als Fitnesstrainer arbeiten und mehr Zeit mit der Freundin verbringen. Mit einem Auge beobachtete Oriana aber weiter die Ligen der Berufsfußballer. „Es klingt vielleicht verrückt. Aber auch als 23-jähriger Spieler bei einem Verbandsligisten wollte ich nochmal beweisen, dass ich das Zeug zum Profi habe.“  Ein halbes Jahr nach dem Malta-Abenteuer öffnete sich die Tür in seine italienische Heimat. In di Ragusa an der Südküste Siziliens unterschrieb er im Januar 2017 einen Vertrag bis Saisonende. Auf den staubtrockenen Rasenplätzen der vierten Liga („Jeder Platz war ein Acker“) jagte er dem Ball nach. Es lief sportlich und privat wie erhofft. „Meine Familie stammt aus Kalabrien. Also habe ich häufiger mal bei meinen Großeltern vorbeigeschaut.“ Allerdings: „Die Anfeindungen der Fans waren krass. Bei allen Spielen zeigte die Polizei Präsenz. Bei Atletico Catania machte ich ein besonders gutes Spiel. Nach dem Abpfiff standen dann plötzlich Catania-Fans mit Messern vor dem Zaun und wollten mich abstechen“, erzählt Oriana.

War das der Grund, di Ragusa nach sechs Monaten wieder zu verlassen? „Nein. Ich fühlte mich sicher, aber hatte ein besseres Angebot aus Norditalien vorliegen. Man ist zwar Profi, vom Gehalt konnte ich aber trotzdem kaum Rücklagen bilden“, erklärt Oriana seinen Wechsel in die nördliche Staffel der Serie D zum ASD Edmondo Brian. Die Rasenplätze wurden durch den Wechsel zwar besser, dafür blockierten private Probleme den Mittelfeldmotor. Die lange Zeit der Fernbeziehung, Heimweh und Stress in der Spieler-WG brachten Oriana ins Grübeln – er kündigte kurz vor Weihnachten den Vertrag bei Edmondo.

Mehr Zeit für Freundin und Familie

Ob er den Weg bereut? „Nein, überhaupt nicht“, antwortet Oriana. Aber die Prioritäten des Weltenbummlers haben sich geändert. „Ich möchte mir mehr Zeit für Familie, Freundin und Arbeit nehmen.” Ab Februar arbeitet er wieder als Fitnesscoach. Fußball bleibt Hobby. Trotz eines Angebots aus der Hessenliga wollte der Wiesbadener nach Hechtsheim in die Bezirksliga. „Die Mannschaft ist top. Es gibt viele Italiener.“ So ganz lässt Italien Oriana auch in Hechtsheim nicht los.