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Nachruf: Zum Tod von Gene Wilder

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Foto: Caroline Bonarde Ucci

Eigentlich verdanken wir Gene Wilders Filme dem Arzt seiner manisch-depressiven Mutter. "Mach Deiner Mommy keinen Ärger", soll er dem Siebenjährigen, der damals noch Jerry Silberman hieß, eingeschärft haben, "du könntest sie damit umbringen." Das machte dermaßen Eindruck auf den Jungen, dass er nun alles daran setzte, seine Mutter zum Lachen zu bringen. Kein leichter Job, zumal er zu Wutausbrüchen neigte und erst lernen musste, sich zu beherrschen, sich zu verstellen. "Ganz sicher war ich mir nur, wenn sie sich in die Hose pinkelte. Dann wusste ich, dass ich es geschafft hatte."

Seine Schauspielkarriere führte Silberman schnell zum Broadway, wo er den Namen Gene Wilder annahm. Sein herausragendes Talent brachte ihm einige Achtungserfolge ein, für eine Kinokarriere fehlte ihm aber das Gesicht. Der Jedermann mit großer Nase und zu weichen Zügen verkörperte nicht das westliche Männlichkeitsideal der frühen Sechzigerjahre, er war kein Gregory Peck oder Rock Hudson. Aus seinen gütig-verträumten, wasserblauen Augen sprach eine liebenswürdige Naivität, eine verletzliche Ehrlichkeit, die mit den großen Helden Hollywoods nichts gemein hatte. Sein Stern am Filmhimmel ging erst auf, als das Kinopublikum der späten Sechzigerjahre mehr Wahrhaftigkeit, Seele und echte Gefühle auf der Leinwand sehen wollte.

Darüber verfügte Wilder im Überfluss, hatte von klein auf seine Wut heruntergeschluckt. Vor der Kamera ließ er sie explodieren, konnte in Millisekunden umschalten von samtweichem Schmeicheln zum manisch hysterischen Anfall, oscarreif als Hauptdarsteller in der Erfolgskomödie "Frühling für Hitler" (1967). Mit der Figur des Willy Wonka in "Charlie und die Schokoladenfabrik" (1971) schuf er sich ein Denkmal, seine ikonische erste Szene, der akrobatische Purzelbaum wie aus dem Nichts, war Wilders eigener Einfall, und bei weitem nicht sein einziger Eingriff in ein Skript. Regelmäßig überraschte er seine Regisseure mit originellen Auslegungen der Drehbücher, unerwartetem Timing und dramatischen Pausen, ganze 23 Sekunden lang in Woody Allans "Was Sie schon immer über Sex wissen wollten ..." (1972). Für "Young Frankenstein" (1974), den Wilder zu Recht als seinen besten Film ansah, schrieb er selbst am Drehbuch und spielte die Titelrolle des cholerisch-verrückten Wissenschaftlers. Nach "Frühling für Hitler" war dies bereits die zweite Zusammenarbeit mit Regisseur Mel Brooks, die ihm eine Oscar-Nominierung einbrachte.

Wilder übernahm nun bei mehreren Filmen selbst die Regie, aber die Erfolge blieben aus. Es folgten zunehmend klamaukige Rollen, darunter die vier Buddy-Komödien mit Stand-up-Comedy-Legende Richard Pryor, mit dem ihn eine enge Freundschaft verband. Die Filme machten Wilder zwar zu einem der populärsten Filmkomiker seiner Zeit, legten ihn aber auf den immer gleichen Typus fest und beuteten sein Talent aus. Die Arbeit mit dem kokainsüchtigen Co-Star Pryor, die Oberflächlichkeit des amerikanischen Achtzigerjahre-Kinos und die schwächelnden Drehbücher schlugen dem sensiblen Wilder aufs Gemüt. Bald nach dem frühen Krebstod seiner Filmpartnerin und dritten Frau Gilda Radner 1989 kehrte er Hollywood für immer den Rücken, trat nur noch in Fernsehen und Theater auf, zog sich aus der Öffentlichkeit zurück, malte und schrieb mehrere Bücher.

Am 29. August 2016 starb Gene Wilder an den Folgen einer Alzheimer-Erkrankung. Er wurde 83 Jahre alt.

Hendrik Heisterberg
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