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„Nichts in St. Petersburg deutet auf einen Krieg hin"

Gegen den Angriff auf die Ukraine zu protestieren ist in Russland verboten und gefährlich. Aber Darja und Lenya wagen es. Hier erzählen sie, warum Telegram, Regenrinnen und Partisanenschminke dabei wichtig sind
von Helena Weise
11.04.2022

Darja*: Unser Protest hat kurz nach der Invasion begonnen. Zunächst still: Wir haben „Nein zum Krieg" auf Taschen oder Kleidung gemalt und sind damit durch St. Petersburg gelaufen. Allein für diesen Slogan drohen mittlerweile Geld- oder Haftstrafen. Anfang März durchsuchte die Polizei die Wohnungen einiger unserer Aktivistinnen von der „Achten Initiative", nahm ihre Handys und Laptops mit. Gegen sie wurde ein Strafverfahren wegen „Telefonterrorismus" eröffnet. Darauf stehen bis zu eine Million Rubel Geldstrafe oder bis zu zehn Jahre Haft. Ich habe meine Adresse geheim gehalten, wusste aber, dass die Polizei nicht lange braucht, bis sie mich findet.

Darja hat Ökologie und Umweltschutz studiert. Sie ist in der „Achten Initiative St. Petersburg" und der „Feminist Anti-War Resistance", die Protest organisieren, Aktivisten vernetzen und Rechtsbeistand vermitteln. Am 6. März floh Darja nach Istanbul.

Lenya*: Am ersten Kriegstag habe ich Gummihandschuhe mit roter Farbe gefüllt und in die vereiste Fontanka geschmissen. Es sah aus wie ein Fluss aus Blut. Wir müssen kreativ sein, Botschaften gegen den Krieg senden, die die Behörden und Reinigungsdienste nicht so schnell erkennen und entfernen können. Wenn man „Kein Krieg" auf die Innenseite einer Regenrinne schreibt, sieht man die Botschaft zum Beispiel nur aus bestimmten Winkeln.

Lenya ist Straßenkünstlerin und in einem Kunstkollektiv aktiv, das Protestaktionen organisiert. Sie ist noch in St. Petersburg.

Darja: Früher hat die Polizei uns verfolgt und sogar Mitarbeiterinnen in unsere Bewegung geschleust. Heute gehen die anders vor, wir nennen es Karussell-Inhaftierungen: Eine Aktivistin wird wegen einer Ordnungswidrigkeit verhaftet, sie kommt frei - und wird direkt wegen der nächsten Ordnungswidrigkeit verhaftet. Parallel laufen Verfahren wegen früherer Aktionen. So trifft es manchmal mehrere Tausend Personen an einem Tag. Viele haben Angst, dass Strafverfahren gegen sie aufgenommen werden: Bei zwei Ordnungswidrigkeiten innerhalb eines halben Jahres droht in Russland Haft.

Lenya: Ein Teil meines Kunstkollektivs hat Russland verlassen. Die Aufgaben sind neuerdings verteilt: Alle außerhalb Russlands verbreiten Informationen über den Krieg; alle im Land versuchen, mit Aktionen in St. Petersburg auf den Krieg aufmerksam zu machen. Wer das nicht riskieren kann, weil er zum Beispiel kleine Kinder hat, übernimmt andere Aufgaben. Wir bieten auch eine Hotline an, die Verhafteten rechtlichen Beistand organisiert.

Darja: Bislang war die feministische Bewegung in Russland am wenigsten von Repressionen betroffen. Weder der Staat noch die Opposition haben uns ernst genommen. Jetzt ist die russische Opposition zerstreut, und wir sind eine der stärksten Widerstandskräfte. Wir sind Feministinnen, wir kämpfen für Frauenrechte. Aber gerade müssen wir unseren Protestenergie in Einklang bringen: Unser Ziel ist, dass dieser Krieg aufhört. Trotzdem behalten wir eine feministische Perspektive, sprechen verstärkt über die Fälle von sexueller Gewalt, Menschenhandel oder Zwangsprostitution, die ukrainische Frauen gerade auf der Flucht erleben.

„Hier in St. Petersburg machen sie schöne Spaziergänge, gehen einkaufen, trinken Latte. Wir müssen die Leute in die Realität holen"

Lenya: Zu Kriegsbeginn hat die Stadtverwaltung zusätzliche Überwachungskameras angebracht - und ein Maskenverbot auf öffentlichen Plätzen und im Nahverkehr ausgesprochen. So arbeiten die Überwachungssysteme effektiver. Erst gestern haben sie wieder eine Aktivistin in der U-Bahn identifiziert und verhaftet. Wir nutzen sogenannte Partisanenschminke, wie man sie von Widerstandsbewegungen in Syrien kennt. Wir schminken uns geometrische Formen ins Gesicht und verändern unsere Erscheinung, damit die Kameras uns nicht erkennen.

Darja: Viele Aktivistinnen können Russland nicht verlassen, weil ihr Reisepass beschlagnahmt wurde oder sie kein Geld haben. Sie wissen, dass die Polizei ihre Adressen kennt, sie sehen die Polizisten neben ihren Häusern. Viele Haustüren werden mit einem „Z" markiert, dem Symbol der Unterstützung für die russische Armee und Regierung. Wer die Türen anmalt, wissen wir nicht. Unter Aktivisten geht die Nachricht um, die russische Anti-Extremismus-Behörde bekomme die Adressen zugespielt und gebe sie an Rechtsradikale weiter, die die Haustüren dann markieren. Das Ziel ist klar: Angst verbreiten.

Lenya: Ich poste Listen mit Menschenrechtsorganisationen wie „Apologia Protesta" oder seriösen Informationsquellen wie dem Telegram-Kanal OVD Info. Das hat nicht die Wirkung eines Straßenprotests, hilft aber vielleicht manchen, die in Schwierigkeiten stecken.

Darja: Wirkung zeigen jetzt stille Protestaktionen. Wir als „Feminist Anti-War Resistance" haben gerade eine beendet, die wir uns aus anderen Ländern abgeschaut haben: Frauen gehen mit schwarzer Kleidung und weißen Blumen auf die Straße. Solche Aktionen sind erfolgreich, glaube ich: Der Staat kann wenig dagegen tun und wir erreichen Menschen, die gewöhnlich nicht in der Anti-Kriegs-Bewegung sind.

LenyaDie Leute werden vorsichtiger. Sie meiden Demonstrationen, teilen keine Anti-Kriegs-Statements mehr, weil selbst das strafbar ist. Das Wort „Krieg" darf nirgendwo auftauchen. Wir überlegen also: Wie machen wir den Menschen begreiflich, was gerade passiert, ohne es zu benennen? Dafür nutzen wir das „Z", das man hier überall sieht. Aus „Za Putin" (Für Putin) machen wir „Für Putin in Den Haag" - plädieren also für ein internationales Strafverfahren gegen ihn. Die Stadtreinigung reagiert oft zögerlich. Bevor sie es entfernt, haben viele unsere Botschaft gesehen.

Darja: Instagram, Twitter und Facebook sind gesperrt. Die meisten umgehen die Sperrungen über das sicherere VPN. Wir nutzen Telegram-Kanäle, auch wenn wir nicht sagen können, welche Informationen Telegram möglicherweise an die Behörden gibt. Der Channel der „Feminist Anti-War Resistance" hat mittlerweile mehr als 20.000 Mitglieder.

Lenya: Untereinander nutzen wir hier in Russland Signal. Das ist am sichersten. Wir stellen ein, dass sich die Nachrichten nach einer Stunde selbst löschen. Wir speichern kein Beweismaterial auf unseren Handys oder Laptops.

Darja: Ich wollte Russland nicht verlassen. Aber nach den ersten Polizeirazzien hat mir mein Vater Flugtickets nach Istanbul gekauft. Hier brauche ich kein Visum und kann Geld abheben. In der Türkei leben viele Russinnen und Russen. Politisch waren die kaum aktiv, jetzt wollen wir hier Proteste organisieren. Trotzdem hoffe ich, dass der Krieg bald zu Ende ist und ich zurück nach Hause kann. Sollte das dauern, versuche ich, in der Türkei eine Aufenthaltserlaubnis zu bekommen und hier zu arbeiten.

Lenya: Ich möchte das Land verlassen, aber gerade geht es nicht: Ich habe kaum Geld, und ohne einen richtigen Plan will ich unsere Wohnung nicht zurücklassen. Solange wir hier in Russland sind, müssen wir unseren Protest sichtbar machen.

Darja: Die Propaganda und die Einschüchterungen des Staates wirken. Viele glauben Putins Geschichte, dass Russland das ukrainische Volk von seiner nationalsozialistischen Regierung befreien wolle. Die Menschen müssen wissen, dass Russland der Aggressor ist. Dass das kein Befreiungskrieg ist, sondern ein Angriff.

Lenya: In St. Petersburg machen die Leute einen schönen Spaziergang, gehen einkaufen, trinken Latte. Nichts in der Stadt deutet auf einen Krieg hin, außer dass internationale Ketten wie McDonald's, H&M oder Ikea geschlossen sind. Wir müssen die russische Bevölkerung in die Realität holen.

* Hinter der Geschichte: Um die Frauen zu schützen, hat die Redaktion ihre Namen geändert. Unsere Autorin hat separat mit beiden gesprochen, per Telefon und in Anwesenheit einer Übersetzerin. Erst danach wurden ihre Antworten so arrangiert wie sie hier zu lesen sind. Nicht alle Informationen lassen sich unabhängig überprüfen.

Titelbild: Mary Gelman / VII / Redux / laif

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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