Helena Düll

freiberufliche Journalistin (helenaduell.de) , Berlin

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Topmodel: "Meine Tage blieben aus und die Emotionen waren weg"

Givenchy, Gaultier, Karl Lagerfeld: Für diese Marken modelte Anne-Sophie Monrad zehn Jahre lang auf den Laufstegen von Mailand bis New York. Sie erzählt, wie es wirklich war, ein Topmodel zu sein, und was sie dazu gebracht hat, ihr Leben zu verändern.

Als Anne-Sophie das erste Mal "Germany's next Topmodel" im Fernsehen sah, schrieb sie in ihr Tagebuch: "Spä­tes­tens mit 19 habe ich einen Mo­del­ver­trag." Den hatte sie dann schon mit 17 Jahren, als sie bei einem Casting in ihrem Dorf einen Vertrag bei einer Agentur bekam. Von da an hat sie zehn Jahre lang zu den international bestgebuchten deutschen Models gehört.

"Es war mir schnell unangenehm, meinen Körper zu zeigen, weil ich nie wusste, ob er den Maßen entspricht, die von mir erwartet wurden."

Anne-Sophie über ihr Körpergefühl als Topmodel

Bis sie merkte, dass das echte Topmodel-Leben mit dem, das in der Fernsehsendung gezeigt wird, nicht viel zu tun hat. Sie sei ziemlich schnell in der Realtität angekommen, sagt Anne-Sophie heute.

Ständig sei sie irgendwelchen Fantasie-Maßen hinterhergejagt und habe gehungert. "Noch bevor ich den Vertrag unterschrieben hatte, sollte ich abnehmen und auf meine Figur achten", erinnert sie sich. "Ich habe mich konstant in meinem Körper unwohl gefühlt."

Jahrelang blieb ihre Periode aus

Doch das ständige Hungern hatte auch andere Auswirkungen auf den Körper von Anne-Sophie. So sei ihre Menstruation über mehrere Jahre komplett ausgeblieben. Im Model-Business wurde das einfach zur Normalität erklärt, sagt sie. "Auch wenn ich voll schnell gerafft habe, dass das nicht normal und gesund ist, habe ich immer gedacht: Nee, ich möchte das trotzdem schaffen. Es ist egal, wenn ich jetzt ein, zwei Jahre meine Tage nicht bekomme."

"Ich habe alles dafür gegeben und dabei konstant meine Gesundheit riskiert."

Anne-Sophie über ihre Ernährung als Topmodel

"Die Tage blieben aus und die Emotionen waren weg. Ich habe nur noch funktioniert und gearbeitet", erinnert sich Anne-Sophie. Für ihren Traum hat sie "alles" gegeben. Sie habe sich vegan ernährt oder ihren Körper mit einer Kombination aus Saft- oder Fastenkuren und Hot Yoga gequält.

Modeln für Geld, Ruhm und Spaß

Das viele Geld, ein Leben in Metropolen wie New York oder Paris oder das Gefühl, völlig verwandelt vor einer Kamera zu stehen. Das alles seien für Anne-Sophie die positiven Seiten des Jobs gewesen, der Anreiz, die eigene Gesundheit so lange aufs Spiel zu setzen.

Als ein befreundetes Model wegen einer schweren Krankheit im Krankenhaus lag, kam für Anne-Sophie der Wendepunkt. "Die Ärzte haben gesagt, dass sie, wenn sie zwei Kilo weniger gewogen hätte, womöglich nicht überlebt hätte", erinnert sie sich. Diese Situation habe sie sehr wütend gemacht.

"Da dachte ich, das ist so pervers, dass ich mich die ganze Zeit abmagere, um einem Schönheitsideal zu entsprechen."

Anne-Sophie über den Wendepunkt in ihrem Leben

Inzwischen modelt sie nur noch selten, sagt aber, dass es ihr viel besser gehe als in ihrer Zeit als Topmodel. 2018 hat sie ihre krassen Erfahrungen in der Branche mit einem Instagram-Post öffentlich gemacht. Die Reaktionen darauf seien total positiv gewesen. "Fast alle Models, die mir folgen, haben darauf geantwortet oder ihre eigene Geschichte erzählt", sagt sie. Für eine wirkliche Veränderung im Model-Business müsste jedoch die ganze Branche die Missstände anprangern, so die Einschätzung von Anne-Sophie.

Wenn ihr an einer Essstörung leidet oder ein lieber Mensch oder Familienmitglied daran erkrankt ist, könnt ihr euch an verschiedene Beratungsstellen wenden. Eine Auswahl:
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