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Elektrisches Citybike Muto: Das neue Hollandrad - DER SPIEGEL - Mobilität

Der erste Eindruck: Klein, praktisch und auf unaufdringliche Weise modern. Ein Rad, bei dem man zweimal hinschaut.

Das sagt der Hersteller: Es sind recht große Versprechungen, mit denen der niederländische Hersteller für sein neues E-Bike wirbt. "Muto, ein Mehrzweck-E-Bike, das so anpassungsfähig und flexibel ist, wie seine Nutzer." Die Worte sollen nicht nur reine Marketingprosa sein, versichert der verantwortliche Produktmanager, Almert Polinder: "Der Entwicklungsauftrag lautete ursprünglich, das ideale Stadtfahrzeug für Europa zu entwickeln. Es hätte kein Fahrrad werden müssen, aber im Laufe der Entwicklung hat es sich als ideal herausgestellt."

Das Muto soll ein Multifunktions-E-Bike sein, dass sich dank des patentierten "Click&Roll"-Trägersystems innerhalb von Sekunden verwandeln lässt und sich so jedem Weg und jeder Transportaufgabe anpassen soll. Ein wertvoller Helfer also für alle Städter, die im Alltag ohne Auto auskommen wollen oder müssen.

Interesse weckt auch der Preis, "ab 1699 Euro". Klingt nach einem guten Angebot - ist es das auch?

Das ist uns aufgefallen: Das Muto kann nur online bestellt werden. Es kommt aus den Niederlanden fast fahrbereit im Karton. Nur noch Lenker gerade drehen, Pedale anschrauben und Sattelhöhe einstellen. Der Akku ist geladen, es kann losgehen.

Aber erst ein kurzer Rundgang um das Rad. Die Formgebung erinnert an ein klassisches "Damenrad" mit tiefem Durchstieg, aber in modernisierter Form. Rahmen und die Gabel aus Aluminium sind kräftig ausgeformt und in hochglänzendem "Electric Blue" lackiert. Zusammen erscheinen sie vor den mattschwarzen Kettenstreben und Anbauteilen als großes "M". Ein Hingucker für Designliebhaber und doch nicht übertrieben witzig. Leider stört der Vorbau mit dem viel zu großen Schriftzug des Teileherstellers die Harmonie. Hätte man den nicht dezenter halten können?

Aber Form ist nicht alles, die Funktion zählt. Das Muto soll ja Transportprobleme lösen. Zum Test hat der Hersteller deshalb drei verschiedene "Click&Roll"-Erweiterungen mitgeliefert: einen Korb aus Alurohr mit Bambusbodenplatte "Chameleon Bamboo" in zwei Größen, M und L, sowie einen großen Gitterrohrkorb, den "Chameleon XL".

Um einen Korb am Rad zu befestigen, klickt man ihn einfach vorn oder hinten in den gut erkennbaren Halter. Das war's. Mit einem Schloss lässt er sich diebstahlsicher verriegeln. Abnehmen ist genauso einfach: Schloss öffnen, Korb nach oben abnehmen, fertig. Der kleine Korb ist für 10 Kilo Last zertifiziert und lässt sich vorn oder hinten befestigen. Für vieles, was man unterwegs mitnehmen möchte, reicht er locker aus. Auch Spanngurte zum Befestigen sind integriert. Für den größeren Einkauf klickt man die Größe L oder den Gitterkorb "Chameleon XL" ans Rad. Der nimmt zum Beispiel locker die Tasche mit Gemüse vom Markt auf und hält bis zu 20 Kilo aus. Er lässt sich nur hinten am Rad befestigen, denn er nutzt eine clevere Stütze, die beinahe unsichtbar im Rahmen versteckt ist. Auch einen Kindersitz bietet Muto an. Der lässt sich auf die gleiche Art in fünf Sekunden anbringen und wieder abnehmen. So flexibel und einfach, dass es seinesgleichen sucht.

Sehr gut gelungen ist auch die Parkstütze unter dem Tretlager. Ein Merkmal, das man im Alltag schnell zu schätzen lernt, egal, ob man Einkäufe im Korb transportiert oder ein Kind im Sitz. Mit wenig Druck klappen die beiden Füße weit zur Seite aus und selbst voll beladen lässt sich das Rad beinahe ohne Kraftaufwand auf den Zweibeinständer schieben, wo es auch bei unebenem Boden felsenfest steht.

Und wie fährt sich das Rad? Vom Antrieb gibt es wenig Erfreuliches zu berichten. Das Bedienteil für den Motor wirkt billig, und die Möglichkeit, aus neun Unterstützungsstufen zu wählen, ist für ein Alltagsrad übertrieben. Drei hätten es auch getan. Noch dazu, wo sich der Beinantrieb über eine Siebengangschaltung regulieren lässt. Leider setzt der Motor auch in der höchsten Stufe erst nach gut einer halben Kurbelumdrehung ein und läuft, wenn man nicht mehr tritt, zu lange nach. So wird das nichts mit schnellen Ampelstarts. Dieses Gefühl, Superkräfte zu besitzen, das E-Bikes oft vermitteln, will sich nicht einstellen. Der Hersteller sollte die Motorsteuerung nachbessern.

Dabei fährt das Muto sonst ausgezeichnet. Weil der vordere Träger fest am Rahmen ist, lässt sich auch mit viel Gepäck sicher rangieren. Überhaupt machen die kompakten Maße das Rad sehr wendig. Aber auch bei Höchstgeschwindigkeit fährt es stabil und sicher. Die 26-Zoll-Reifen bügeln die meisten Unebenheiten in der Stadt aus. Sie sind mit 50 mm breit genug, um nicht in Straßenbahnschienen einzufädeln. Gebremst wird souverän mit hydraulischen Scheibenbremsen.

Der Akku ist mit 252 Wh nicht besonders groß, reicht aber laut Hersteller für bis zu 70 km bei mittlerer Unterstützung und 40 km bei maximaler Unterstützung. Nach den Erfahrungen aus einer Woche Testfahrten in der Stadt könnte er damit ungefähr richtig liegen. Er ist zwar komplett in den Rahmen integriert, lässt sich zum Laden aber einfach herausnehmen.

Das muss man wissen: Vom Muto gibt es nur ein Modell und eine Größe. Die Frage "Gibt es Damen- und Herrenräder?" beantwortet der Hersteller folgerichtig mit "Ja, unser Muto ist für Damen und Herren gemacht". Eine Größe passe für alle und mit Unisex-Rahmen könne man das Rad mit seinem Partner einfach tauschen, auch wenn beide unterschiedlich groß sind - jedenfalls zwischen 159 cm bis 188 cm. Um die ganze Größenspanne abzudecken, braucht man aber unterschiedlich lange Sattelstützen: eine für 159 bis 172 cm und eine für 170 bis 188 cm. Ganz so einfach dürfte es in vielen Haushalten mit dem Fahrradtausch deshalb doch nicht sein: Frauen sind in Deutschland im Schnitt 166 cm groß, Männer 180 (Geburtsjahr 1996).

Und wo sind bei dieser Elektromobilitätslösung die elektronischen Features? Die Antwort: Es gibt keine. Zum Abschließen besitzt das Muto ein klassisches integriertes Rahmenschloss. Mit der zusätzlich erhältlichen 140 cm langen Kette lässt es sich an jede Art von Fahrradhalter schließen. Alles andere funktioniert gut ohne Smartphone. Weil der Motor aber Bluetooth unterstützt, wird es demnächst wohl doch eine App geben. Nicht zum Fahren oder Abschließen, aber zum Anpassen der Fahrmodi. Vielleicht lassen sich ja dann drei Lieblingsunterstützungsstufen wählen.

Das werden wir in Erinnerung behalten: Noch nie hat es so viel Spaß gemacht, sich mit Gepäckträgern zu beschäftigen. Und trotzdem war es kaum nötig, bei der Benutzung über sie nachzudenken.

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