Hanns-J. Neubert

Wissenschafts- & Technikjournalist, Autor, Berater für Kommunikationsprojekte, Hamburg

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Artikel

Klimasünder vor Gericht

Im peruanischen Palcacocha-See sammelt sich das Schmelzwasser der umliegenden Berge. Nun droht er im Zuge der Erderwärmung überzulaufen. Rohre führen daher das überschüssige Wasser ab. (Foto: Niels Ackermann/ Lundi13)

Im peruanischen Palcacocha-See sammelt sich das Schmelzwasser der umliegenden Berge. Nun droht er im Zuge der Erderwärmung überzulaufen. Rohre führen daher das überschüssige Wasser ab. (Foto: Niels Ackermann/ Lundi13)

Extreme Wetterereignisse machen den Klimawandel inzwischen deutlich spürbar. Nun verklagen Umweltschützer Großunternehmen, um sie dafür bezahlen zu lassen. Und Wissenschaftler liefern die Beweise.

Dieser Artikel-Ausschnitt ist der aktuellen Print-Ausgabe der Technology Review entnommen. Das Heft 02/2018 ist ab dem 25.01.2018 im gut sortierten Zeitschriftenhandel und im heise shop erhältlich.

Wenn es die Geschichte von Asterix und Obelix noch nicht gäbe, so wäre es spätestens jetzt an der Zeit, sie zu schreiben. Dann wäre der deutsche Energiekonzern RWE das übermächtige Rom, Saúl Luciano Lliuya wäre Asterix, und das gallische Dorf hieße Huaraz und läge in Peru. Denn dort, eine halbe Weltreise von den großen Kohlemeilern entfernt, braut sich ein Ereignis zusammen, das nicht nur RWE, sondern sämtliche großen Kohlendioxid-Produzenten teuer zu stehen kommen könnte.

Die Kleinstadt Huaraz liegt am Ausgang eines tiefen Andentals, in dem gewaltige eis- und schneebedeckte Bergmassive emporsteigen. An seinem Ende sammelt sich in über 4500 Metern Höhe das türkisgrüne Schmelzwasser des Pucaranra-Gletschers. Wegen der Erderwärmung tauen dessen Eismassen immer schneller ab, wie bei fast allen Gletschern weltweit. Dadurch drohen große Eisblöcke in den Palcacocha-See zu stürzen, ihn überlaufen zu lassen und eine verheerende Flutwelle loszutreten.

Eine Schutzmauer könnte die Gefahr bannen. Und der peruanische Bauer Lliuya will, dass RWE sich daran beteiligt. Mit Unterstützung der Nichtregierungsorganisation Germanwatch verklagt er den Energiekonzern auf Zahlung von 17000 Euro. Das sind 0,5 Prozent von den 3,4 Millionen Euro Gesamtkosten, und sie entsprechen dem Anteil, den RWE an den globalen CO 2-Emissionen hat. Der Konzern stößt jährlich rund 152 Millionen Tonnen aus.

Einen ersten Erfolg hat Lliuya bereits errungen: Nachdem das Landgericht Essen die Klage vor einem Jahr abgewiesen hatte, ließ das Oberlandesgericht Hamm die Beweisaufnahme am 13. November 2017 zu. Für große Emittenten könnten damit ungemütliche Zeiten anstehen. Denn der richterliche Beschluss bedeutet nichts anderes, als dass Firmen grundsätzlich für Schäden und Risiken haften müssen.

Bisher konnten sich die Verursacher darauf verlassen, dass niemand ihnen eine ursächliche Verantwortung für die Folgen des Klimawandels nachweisen konnte. Doch diese Zeiten neigen sich dem Ende zu. „Die Gerichtsprozesse, in denen es in erster Linie um die Auswirkungen der Kohlenstoffemissionen geht, nehmen zu", beobachtet Joana Setzer vom Grantham Institute am Imperial College in London. Allein in den USA landen derzeit rund 20 Klimafälle pro Jahr vor Gericht. Und die Aussichten, solche Prozesse zu gewinnen, werden immer besser.

Das wissenschaftliche Rüstzeug für solche Klagen hat der US-Geograf Richard Heede mit jahrelangen Recherchen zusammengetragen, in einer Datenbank der sogenannten Carbon Majors. Sie listet auf, welche Länder und Unternehmen zu den größten CO 2-Emittenten der Erde gehören. 63 Prozent aller Industrieemissionen seit 1751 gehen auf nur 90 Betriebe zurück. Die Datenbank ist seit 2013 öffentlich zugänglich und seitdem die beweiskräftigste Grundlage für Klagen gegen Ölkonzerne wie BP, Chevron, Exxon und Shell.

Auf diese Daten berufen sich auch die kalifornischen Regionen San Francisco und Oakland. Sie haben im September 2017 Klage gegen fünf in Kalifornien tätige Carbon Majors eingereicht, mit der sich das Gericht inzwischen befasst, trotz Einwänden der Ölfirmen. San Francisco beziffert allein die Kosten für den Ausbau des Stadtdeiches auf fünf Milliarden Dollar, wofür die Ölmultis aufkommen sollen. Und Oaklands Anwältin Barbara J. Parker nennt gar nicht erst eine Obergrenze. Für sie müssen die Konzerne uneingeschränkt mit sämtlichen jemals verdienten Profiten für alle bisherigen und zukünftigen Klimaschäden haften.

Eine künftig noch größere Rolle als die Datenbank dürften jedoch die Klimamodelle spielen. Denn sie werden mit wachsender Rechenpower und Datenlage immer besser. Die Folge ist ein Aufblühen der „Attribution Science". Sie hat in den vergangenen fünf Jahren erhebliche Fortschritte dabei erzielt, die wahrscheinliche Ursache von Extremereignissen zu ermitteln. Nach Auffassung des Oberlandesgerichts Hamm, das Lliuyas Klage angenommen hat, dürfen diese Klimamodelle zur Beweisführung herangezogen werden. Schließlich nutzen Gerichte auf anderen Gebieten schon seit längerem mathematische Modelle, etwa um Verkehrsunfälle zu simulieren.

Angefangen hatte die Disziplin mit einem Versuch des Klimatologen Peter Stott und seiner Kollegen vom britischen Wetterbüro, dem Met Office. Er wies 2004 in einer aufwendigen Untersuchung nach, dass sich das Risiko einer Hitzewelle, wie sie 2003 Europa heimsuchte, durch den Klimawandel mindestens verdoppelt habe. Vor vier Jahren dann begann die American Meteorological Society, jedes Jahr ein Bulletin der Attribution Science zu widmen.

Forscher um Friederike Otto vom Environmental Change Institute in Oxford haben dazu das derzeit größte Klimamodell der Welt aufgebaut. Damit können sie Tausende Wetterszenarien mit unterschiedlichen Treibhausgaskonzentrationen berechnen - zum Beispiel mit aktuellen sowie historischen Werten vor Beginn der Industrialisierung. „Wenn die Wahrscheinlichkeiten eines Extremwetters in den Modellläufen unterschiedlich sind, dann können wir sagen, dass die Klimaänderung diesen Unterschied verursachte", erklärt Otto. „Dabei kann es sich um Unterschiede in der Intensität oder in der Frequenz handeln." Stürme, Regenfälle oder Hitzewellen könnten also entweder stärker sein, häufiger auftreten - oder sogar beides.


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