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Das ist Reäliti

Alles fing damit an, dass Erika Girardi ein kurzes Kleid trug und keine Unterwäsche darunter. Und es ging damit weiter, dass der Mann ihrer Freundin Dorit zu lange dorthin schaute, wo Erikas Unterwäsche hätte sein sollen.

Das war ein Plot, der „The Real Housewives of Beverly Hills" einst für eine ganze Staffel reichte. 21 Folgen zu je 45 Minuten, in denen der Konflikt um Erikas Unterleib kreiste, mal gelöst schien, um dann wieder aufgewärmt und neu erfunden zu werden: Hätte Dorits Mann sich zusammenreißen müssen? Erika sich dezenter kleiden oder zumindest eine Serviette über den Schoß legen müssen? Ist es eine gute Spitze, wenn Dorit Erika beim nächsten Treffen Unterwäsche schenkt? Gehört der Zwischenfall verschwiegen, um den Ruf des prominenten Anwalts zu schützen, der mit der Frau ohne Unterwäsche verheiratet ist?

Wenn man möchte, kann man aus einer Kleinigkeit einen unendlichen Streit spinnen. Und im Reality-TV möchte man. Wo Konflikt ist, ist Unterhaltung, das lehrte schon das klassische griechische Drama. In westlichen Geschichten baut der Spannungsbogen bis heute fast immer auf einem Konflikt auf. Reality-TV-Formate funktionieren nicht anders. Im Gegensatz zu fiktiven Geschichten sollen sie aber, wie der Name schon sagt, real sein. Zumindest theoretisch. Denn weil die Realität keiner Dramaturgie folgt und darüber zuweilen unspannend zu werden droht, muss der Konflikt aus den Protagonisten herausgekitzelt und dann über ein giftiges Script und die richtigen Schnitte so lange wie möglich heiß gehalten werden.

Reality-TV als Versuchsanordnung

So unterschiedlich wie die Shows sind die Konflikte, die sie ausweiden. Bei manchen geht es um Wettbewerb, da kann der Konflikt wie bei „Shopping Queen" eher spielerisch sein. In anderen wird aktiv angeheizt wie bei „Germany's Next Topmodel", wo sogar die Produktionscrew die Kandidatinnen zum Lästern und Mobben animiert haben soll. Sendungen wie das „Dschungelcamp" setzen auf die Zermürbung der Teilnehmenden, damit sie irgendwann so gereizt sind, dass man den Streit einfach ernten kann. Shows wie „Love Island" oder der „Bachelor" casten ihre Kandidaten so zusammen, dass sie von allein Streit anfangen, um mehr Sendezeit zu bekommen. Und dann gibt es natürlich noch Shows, die sich um bestehende Konflikte drehen, zwischen Familienmitgliedern und Paaren, um Konflikte mit dem Gesetz oder mit dem eigenen Körper. „Alle Realityshows sind Versuchsanordnungen", sagt Andrea Nolte. „Sie schaffen Rahmenbedingungen, die Konflikte schüren."

Nolte, Medienwissenschaftlerin an der Universität Paderborn, guckt am liebsten das „Dschungelcamp" und das „Sommerhaus der Stars". Sie hat über Dokusoaps promoviert und beobachtet die Dynamiken im deutschen Reality-TV. Nolte glaubt, dass dessen Konfliktkultur eskaliert, vor allem durch die sozialen Medien. „Zwischen diesen Welten gibt es Wechselwirkungen", sagt Nolte, „sie pushen sich gegenseitig."

Auf TikTok, Reddit, Instagram und anderen Plattformen diskutieren die Zuschauer die Folgen, oft parallel zur Ausstrahlung. Die Lagerbildung heize die Diskussionen an, sagt Nolte: Die Zuschauenden schlagen sich auf die Seite einer Konfliktpartei, ziehen zum Teil gnadenlos über die Realitystars her. „Diese Feindseligkeit trägt dazu bei, dass sich auch in den Formaten selbst die Atmosphäre verändert, und zwar nicht zum Positiven", sagt Nolte. Hinzu komme, dass das Realitybusiness professioneller wird. Viele der Teilnehmer tingeln von Format zu Format. Sendezeit bringt Follower und damit letztlich bares Geld. Dafür muss man liefern, sagt Nolte, je krasser, desto lukrativer. „Wer langweilig ist und nicht provoziert, hat keine Chance auf eine Realitykarriere."

Die Kritik am Konfliktfetisch der Formate ist bekannt: Sie beuten die Teilnehmer psychisch aus, verankern Stereotype und negative Verhaltensweisen im Unterbewusstsein der Zuschauer. Und sie können auch die verletzen, die sich mit den Teilnehmern identifizieren. Trotzdem muss ich sagen: Es sind gerade die sinnlosen Konflikte, die Reality-TV für mich so erholsam machen.

Andrea Nolte hat dafür eine Erklärung: „parasoziale Interaktion". Entweder wir identifizieren uns mit den gezeigten Personen, oder wir finden sie doof. Nicht wenige schauen zu, um sich über die Gezeigten zu erheben: ein sozialer Abwärtsvergleich. „Dadurch vergewissern wir uns unserer eigenen Werte und Ansichten", sagt Nolte. Realityshows kann man also auch als Verhandlung gesellschaftlicher Normen sehen.

Einschalten, um abzuschalten

Früher war es mir peinlich, dass ich als politisch interessierter Mensch Sendungen schaue, die als „Trash" gelten, als schriller Nonsens, über den viele nur den Kopf schütteln. Mittlerweile weiß ich, dass es in allen Teilen der Gesellschaft Fans wie mich gibt: Die Quoten boomen, und es gibt immer mehr Realityformate.

Am liebsten sind mir US-Serien: diverse Maklerinnen-Shows, zwischendurch ein Datingformat, am liebsten aber die „Real Housewives of Beverly Hills", die sich seit bald 15 Jahren vor der Kamera streiten und versöhnen.

Das läuft meist so ab: Der Konflikt entsteht bei einer Party unter Alkoholeinfluss. Sofort scharen sich alle um die Streitparteien - vorsätzlich, um zu schlichten, tatsächlich, um noch mehr Öl ins Feuer zu gießen. Im Nachgang treffen sich die Beteiligten in Grüppchen und besprechen, was passiert ist. Weil alle beteuern, ehrlich miteinander sein und sich aussprechen zu wollen, wird das Streitthema immer wieder aufgebracht. Irgendwann vertragen sich die Streitenden, besonders gern, wenn schon der nächste Konflikt ansteht, in dem sie sich gegen eine andere Person verbünden.

Die Konfliktanlässe sind dabei meist komplett unwichtig, und die Kulisse - die Häuser riesig, die Extensions grellblond, die High Heels schwindelerregend - ist so fernab meiner Realität, dass ich beim Zuschauen richtig abschalte. Als Journalistin schreibe ich viel über Rassismus, Völkerrechtsverbrechen oder Migration, belastende Themen, die ich oft noch im Privaten weiterdiskutiere. Läuft nach Feierabend eine Folge „Housewives", tausche ich Realität gegen Reality. In der gibt es auch jede Menge Konflikte, aber die sind banal und haben nichts mit dem verkorksten Zustand der echten Welt zu tun.

Illustration: Sebastian Haslauer
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