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Radio FM4 - Online (14)

El mundo ya no es digno de la palabra

nos la ahogaron adentro

como te asfixiaron

como te desgarraron a ti los pulmones

y el dolor no se me aparta

sólo queda un mundo

por el silencio de los justos

sólo por tu silencio y por mi silencio, Juanelo.

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Die Welt ist des Wortes nicht mehr würdig
sie haben es in uns ausgelöscht
so wie sie dich erstickten so wie sie dir deine Lungen zerrissen
und mein Schmerz weicht nicht
es bleibt nur eine Welt
für die Stille der Gerechten
nur für deine Stille und meine Stille, Juanelo.



"¡Estamos hasta la madre! - Wir haben die Schnauze voll!"

Diese Worte brechen aus Javier Sicilia hervor, nachdem sein Sohn Juan Francisco ermordet wurde. Es sind die letzten Worte eines Dichters. Und die ersten eines Mannes, der ab diesem Zeitpunkt in den vordersten Reihen des Protests gegen den mexikanischen Drogenkrieg steht.


Erfolgsmeldungen

Während der vergangenen Tage machte eine Nachricht die Runde: Heriberto Lazcano, höchster Boss des brutalen Drogenkartells "Los Zetas", ist im Bundesstaat Coahuila während eines Feuergefechts mit der mexikanischen Marine getötet worden. Ein paar Tage davor, Ende September, wurde einer der führenden Köpfe desselben Kartells, Ivan Velazquez Caballeros, festgenommen. Es sind diese Erfolgsgeschichten des Krieges, welche die mexikanische Regierung voller Stolz präsentiert.

Doch die Realität ist keineswegs von Erfolg gekrönt. Edgardo Buscaglia, Experte für transnationale organisierte Kriminalität und ein Kenner der mexikanischen Kartelle, erklärt in einem Interview, dass der von dem noch amtierenden Präsidenten Felipe Calderón ausgerufene Drogenkrieg in Wahrheit eine Kampfansage des Staates an die eigene Bevölkerung bedeute. Die Problematik rund um die Gewalt und das organisierte Verbrechen, die Mexiko vollkommen im Griff haben, wären ein soziales und politisches Phänomen und die Gesellschaft deshalb selbst Teil dieser organisierten Kriminalität. Mit verstärkter Militärpräsenz und gelegentlichen Erfolgsmeldungen wäre dieser Krieg nicht zu gewinnen, so Buscaglia.

Und tatsächlich brachte der mexikanische Drogenkrieg während der letzten sechs Jahre kaum positive Nachrichten mit sich. Die Bilanz ist verherrend: Schätzungen zufolge steuert die Zahl der Ermordeten auf 70.000 zu, weitere 10.000 Menschen gelten als verschwunden - Mexiko hat mehr Opfer zu beklagen, als der Afghanistan-Krieg. Aufgrund der weit verbreiteten Korruption auf institutioneller Ebene, die nur wenige der Opfer dazu motiviert, Verbrechen anzuzeigen, kann man aber davon ausgehen, dass diese Zahlen nur bedingt Aufschluss über die tatsächlichen Ausmaße des mexikanischen Drogenkrieges geben.


Friede mit Gerechtigkeit und Würde

Es war der 28. März 2011, als der Sohn Sicilias ermordet aufgefunden wurde. Sein Körper war gezeichnet von Folter: Gefesselt und mit einem Klebeband erstickt lag der 24-jährige Student gemeinsam mit sechs weiteren ermordeten Männern in einem Auto. Sein Vater, der Dichter Javier Sicilia, beschließt, das Dichten sein zu lassen und sich voll und ganz dem Protest zu widmen. Die Welt wäre des Wortes nicht mehr würdig, schreibt er in seinem letzten Gedicht, das er seinem Sohn Juanelo widmet. Mit Javier Sicilia erwacht die mexikanische Gesellschaft. Sein Gedicht ist der Anfang des größten zivilen Protests, den Mexiko seit Beginn des Drogenkriegs im Jahr 2006 und der damit einhergehenden Eskalation der Gewalt erlebt.

Ab Juni 2011 rollt ein Konvoi an Bussen durch das ganze Land. Es ist die Karawane für Frieden mit Gerechtigkeit und Würde, die der Dichter Sicilia initiiert hat und der sich immer mehr Menschen anschließen. Als sie im August am Zócalo, dem zentralen und geschichtsträchtigen Platz im Zentrum von Mexiko Stadt ankommt, strömen hunderttausende Menschen dorthin, um sich dem Protest anzuschließen. Es sind die Angehörigen der Ermordeten und Verschwundenen, die sich an die Öffentlichkeit trauen und ihre Geschichte erzählen. Die Opfer des Drogenkrieges wären nicht einfach nur Nummern, erklären sie, diese Opfer hätten Namen, Gesichter, Freunde und Familien, die um sie trauern. Um die Politiker daran zu erinnern, bringen die Aktivisten Schilder mit den Namen der Ermordeten und Verschwundenen an den Hauswänden unzähliger Städte an.

Es ist der friedliche Protest, dem sich Javier Sicilia und das von ihm gegründete "Movimiento por la Paz con Justicia y Dignidad" (Bewegung für den Frieden mit Gerechtigkeit und Würde) verschrieben haben. Sie fordern die lückenlose Aufklärung der Verbrechen, ein Ende des Krieges als Strategie und die Bekämpfung von Korruption und Straflosigkeit sowie der wirtschaftlichen Wurzeln des Konflikts. Außerdem sollen effektive Maßnahmen getroffen werden, um das soziale Gefüge wiederherzustellen und eine partizipative Demokratie durchgesetzt werden. Auch die Zapatistas, die seit 1994 für autonome Selbstverwaltung kämpfen, ebenso wie die international anerkannten Schauspieler Gael Garcia Bernal oder Diego Luna (beide kennt man aus dem Film "Y tu mamá también") haben sich dem Aufschrei der mexikanischen Zivilgesellschaft angeschlossen. Gemeinsam kämpfen sie für ein friedlicheres Mexiko.


Mexiko der Zukunft

Neben dem "Movimiento por la Paz con Justicia y Dignidad" haben sich unzählige weitere Initiativen entwickelt, die für ein besseres und vor allem friedlicheres Mexiko kämpfen. Kurz vor den Präsidentschaftswahlen Anfang Juli 2012 sorgte ein Video auf YouTube für Aufregung: "Wenn dies die Zukunft ist, die mich erwartet, dann will ich sie nicht", erklärt darin eine Kinderstimme mit Bestimmtheit. Das Video zeigt den Alltag in Mexiko, der von Korruption, Entführung und Raubüberfällen geprägt ist. Am Schluss steht die offene Frage im Raum: "Wollt ihr nur das Präsidentschaftsamt oder die Zukunft unseres Landes verändern?" Es ist die direkte Aufforderung an die Kandidaten der Präsidentschaftswahlen, sich mit den Realitäten der mexikanischen Bevölkerung auseinander zu setzen und die Zukunft positiver zu gestalten. Das Besondere: es sind Kinder, die diese Realität im Video darstellen.

Das Video stammt von der zivilgesellschaftlichen Organisation "Nuestro México del Futuro" (Unser Mexiko der Zukunft), die zum Ziel hat, die Menschen und vor allem die Politiker im Land wach zu rütteln. Nachdem das Video online gegangen war, wurde heftig darüber diskutiert. Vor allem die Tatsache, dass es Kinder sind, die die Realität in Mexiko zeigen, sorgte für Kontroversen. Rosenda Martínez, Koordinatorin von "Nuestro México del Futuro" erklärte der BBC dazu: "Wir wussten, dass es Kontroversen geben würde, weil wir Themen der Realität berühren, die wir oft nicht sehen wollen. Doch es gibt jetzt schon Kinder, die manche der Dinge tun, die in dem Video gezeigt werden." Sie hätten das Video auch mit Erwachsenen drehen können, aber dann wäre es wie jede andere Nachricht gewesen und niemand hätte es beachtet, erklärt sie weiter.

In einem weiteren Video zeigt die Organisation schließlich, wie die Zukunft aussehen könnte. Als Basis dienten hunderttausende Wünsche und Visionen, die die Organisation in ganz Mexiko zusammengetragen und ausgewertet hatte.


#yosoy132, Anonymous und Den Haag

Eine weiterere Protestbewegung, die sich kurz vor den Präsidentschaftswahlen dieses Jahres auftat, war der studentische Protest #yosoy132. Er breitete sich über ganz Mexiko aus. Seinen Ausgang nahm er in der Universidad Iberoamericana in Mexiko Stadt, als der Präsidentschaftskandidat Enrique Peña Nieto zu einem Vortrag geladen und von den Studenten vom Unicampus verjagt wurde. Ihm wurden Menschenrechtsverbrechen unterstellt, enge Verbindungen mit dem mächtigen Fernsehkonzern Televisa und später Wahlbetrug vorgeworfen. Dennoch gewann er die Wahlen am 1. Juli und wird das Land die nächsten sechs Jahre als Präsident führen.

Ein beinahe dramatisches Ende nahm eine Kriegsansage des mexikanischen Hackerkollektivs "Anonymous". Im November 2011 tauchte ein Video im Internet auf, in dem Anonymous-Aktivisten die mexikanische Bevölkerung dazu auffordern, die Korruption im Land aufzudecken. Sie wollen Namen korrumpierter Politiker nennen, die mit den Drogenkartellen paktieren. In einem Land, in dem sich die Presse selbst zensiert, um eine Entführung oder Ermordung zu verhindern, ist dieses Vorgehen eine riskante Sache. In der Rangliste von Reporter ohne Grenzen steht Mexiko in einer Reihe mit Afghanistan, Pakistan und dem Irak - wurden 2009 noch keine Internetaktivisten ermordet, waren es 2011 bereits fünf, drei davon alleine in Mexiko. Ein Mitglied des Anonymous-Kollektivs wurde in Folge der Veröffentlichung des Videos angeblich von dem Drogenkartell "Los Zetas" entführt. Als Antwort wurde die Webseite des Juristen Gustavo Rosario Torres gehackt und dieser dort als Zeta-Mitglied geoutet. Daraufhin wurde das Anonymous-Mitglied wieder freigelassen. Ob dies eine wahre Geschichte ist, kann nicht eruiert werden.

Eine Initiative auf internationaler Ebene wurde vom jungen Menschenrechtsanwalt Netzaí Sandoval Ballesteros initiiert: Im Oktober 2011 kündigte er an, eine Klage gegen Präsident Felipe Calderón und weitere hohe Beamte am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag einbringen zu wollen. Es sollte die größte Zivilklage der Geschichte des Gerichtshofs sein: Als sie am 25. November in Den Haag übergeben wurde, war sie mit 23.000 Unterschriften von Mexikanern gezeichnet. Durch den Drogenkrieg hätte Felipe Calderón das Land in eine massive humanitäre Krise getrieben, in der mehr als 50.000 Menschen ermordet, 230.000 vertrieben und 10.000e verschwunden wären. Ob es zu einer Anklage kommen wird, ist derzeit unklar.


Internationalisierung des Protests

Über ein Jahr, nachdem die Karawane für Frieden mit Gerechtigkeit und Würde in Mexiko gestartet war, befand sie sich Anfang September 2012 noch immer auf Reisen. Die Aktivisten hatten sich in die USA begeben, um dort Solidarität zu suchen und den Kampf um Gerechtigkeit weiterzuführen. Genauso wie der Drogenhandel kein rein nationales Phänomen ist, können es auch die Friedensbestrebungen nicht sein. Die USA sind der größte Abnehmer mexikanischer Drogen und gleichzeitig der größte Waffenlieferant - für die Drogenkartelle und den mexikanischen Staat. Zwei Milliarden Dollar haben die USA in den letzten fünf Jahren an die mexikanische Regierung geschickt, um diese im Drogenkrieg zu unterstützen, Mexiko selbst hat mindestens das vierfache davon in den Krieg investiert.

Einer Sache sind sich die Aktivisten der unterschiedlichen Proteste einig: Das Geld könnte besser investiert werden. In Prävention, Ausbildung, Arbeitsplätze und die Korruptionsbekämpfung - auf beiden Seiten der Grenze.

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