Gudrun Ambros

Fachjournalistin, Redakteurin, Reutlingen

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Osteopathie - Mit den Händen heilen

Osteopathie - Mit den Händen heilen

 

Wenn Schmerzgeplagte mit Schulmedizin nicht weiterkommen, ist Osteopathie gelegentlich ihr letzter Ausweg.

 

Alles schien gut. Die Knieverletzung des Bundesligafußballers war operiert worden – Kreuzband, Meniskus, Innenband, alles wieder in Ordnung. Und trotzdem: Er musste nur eine halbe Stunde trainieren und schon war das Knie wieder dick. Es folgte eine Odyssee: Die besten Ärzte untersuchten das Knie. Fanden aber nichts.

 

Ein klassisches Beispiel aus der Praxis des Osteopathen Dr. Johannes Mayer, Präsident der Gesellschaft für Osteopoathische Medizin DGOM. „Das lag nicht mehr am Knie. Das Knie schmerzte, aber die Ursache war woanders.“ Mayers Untersuchung ergab: „Fußwurzelknochen, Sprunggelenk und Wadenbein waren beeinträchtigt, das Becken verschoben, eine Niere verklebt – es zog sich hoch bis zu Halswirbelsäule und Schädel.“

 

Der Osteopath sieht nicht das einzelne Gelenk. Er erfasst den Menschen, seine Knochen, Gelenke, Sehnen, Muskeln, Organe als Ganzes. Alle Teile sind direkt oder indirekt miteinander verbunden.

 

Den ganzen Menschen von oben bis unten zu röntgen oder in den Kernspintomographen zu legen wäre aber aufwändig und nutzlos. Der Osteopath nimmt sich Zeit, befragt den Patienten ausführlich, verlässt sich auf Erfahrung und Gelerntes – und auf seine Hände. Die Fingerkuppen ertasten die Temperatur der Haut, die Lage der Knochen, der Gelenke, der Organe, die Spannung der Muskeln. Diagnose und Behandlung sind fast eins: Im Tasten gibt der Osteopath einen fast unmerklichen Impuls, der die Selbstheilungskräfte anregen soll.

 

Vielen, vor allem Schulmedizinern, fällt es schwer, dieser alternativen Anschauungsweise und Heilmethode zu vertrauen. Zumal sich herkömmliche wissenschaftliche Verfahren nur bedingt eignen, um zu belegen, ob Osteopathie tatsächlich hilft. Doch mühsam aber stetig mehren sich die Studien. Insbesondere die Akademie für Osteopathie sorgt hier für Transparenz.

 

Patienten lassen sich durch unkonventionelle Methoden nicht mehr abschrecken. Eine Umfrage der Stiftung Warentest, an der sich immerhin 3500 Patienten mit Osteopathie-Erfahrung beteiligten, zeigt klare Ergebnisse: 71 Prozent der Befragten waren mit dem Ausgang ihrer Behandlung sehr zufrieden, weitere 17 Prozent waren zufrieden. Und das, nachdem viele wegen derselben Beschwerden zuvor schon einen anderen Arzt oder Therapeuten aufgesucht hatten – ohne den erhofften Erfolg.

 

Leider müssen Patienten oft lange Wartezeiten in Kauf nehmen. Johannes Mayer wundert das nicht. Es gebe in Deutschland gerade mal 2300 osteopathische Ärzte und 5000 nichtärztliche Osteopathen. „Und bei uns dauert eine Behandlung mindestens eine halbe Stunde.“ Viel Zeit, die ein Osteopath in seinen Patienten investiert.

 

Klassische Behandlungsfelder sind Blockaden oder chronische Schmerzen des Bewegungsapparats, etwa der Wirbelsäule oder des Schultergelenks, Folgen von Unfallverletzungen, Probleme mit dem Kiefergelenk oder chronische Kopfschmerzen. Ein Osteopath kann aber auch chronische Nasennebenhöhlenentzündungen, Verdauungsstörungen oder schmerzende Operationsnarben angehen. Spezialisten für Kinder empfehlen sich insbesondere nach einer schwierigen Geburt, bei Schreikindern oder Entwicklungsstörungen.

 

Die Grenzen der Heilmethode: Notfallmedizin sind nicht Sache der Osteopathie. Herzinfarkt etwa, Unfallverletzungen, eine akute Infektion, Tumore und andere schwere Erkrankungen fallen ebenfalls nicht in ihr Ressort. Auch psychische Erkrankungen sind zunächst Sache anderer Spezialisten.

 

In den USA ist der „Doctor of Osteopathic Medicine“ als eigenständiger ärztlicher Beruf anerkannt. Deutsche Osteopathen sind Physiotherapeuten, Heilpraktiker oder Ärzte mit Zusatzausbildung. Aber die Berufsbezeichnung ist nicht geschützt, die Ausbildung nicht einheitlich. Diverse Verbände schreiben unterschiedliche Standards vor. Meist läuft die Ausbildung berufsbegleitend – vier bis fünf Jahre lang, in denen bis zu 1350 Unterrichtseinheiten zu absolvieren sind.

 

Wie findet man einen guten Osteopathen? - „Er sollte in Deutschland als Arzt den D.O.M., Diplom für Osteopathische Medizin besitzen, als nichtärztlicher Osteopath sollte er Diplom Osteopath (D.O.) sein. Das sind grundlegende Qualifikationsstandards,“ sagt Johannes Mayer. Darüber hinaus: Berufsverbände veröffentlichen im Internet Therapeutenlisten.

 

Und der Fußballspieler? Nach drei Behandlungen stand er wieder auf dem Platz und schoss sogar ein Tor.

 

  Im Original, in der Naturkostzeitschrift Cosmia, Ausgabe 5-2014, finden Sie weitere Informationen und Hinweise.