Gudrun Ambros

Fachjournalistin, Redakteurin, Reutlingen

1 Abo und 3 Abonnenten
Artikel

Gut gewickelt

Jeder hat Erfahrung mit Wickeln und Auflagen, ob bewusst oder unbewusst. Gerade in der winterlichen Erkältungszeit zeigen sie einen natürlichen Ausweg aus aus Schnupfen, Husten, Halsschmerzen.

 

Wadenwickel – das ist die Erinnerung an Fieberglühen mit Alpträumen und Kopfschmerzen. Aber dann kam die Mutter, maß Fieber, strich über den Kopf und brachte später einen Berg voll Handtücher, eine Schüssel Wasser und eine Plastikunterlage mit. Nicht lange und sie hatte die Fieberträume verscheucht.

 

Wickel und Kompressen sind alte Hausmittel. Unsere Großmütter und Urgroßmütter hatten für zahlreiche Leiden und  Wehwehchen eine spezielle Anwendung parat – hier das Zwiebelpäckchen, dort die Senfkompresse. Heute kennen wir gerade noch die Namen, haben aber nur noch selten eine Ahnung, wie sie funktionieren. Kein Wunder. Lange Zeit vertrauten die Menschen vorwiegend auf Fieberzäpfchen, Einreibungen und Salben, die ihnen der Arzt verschrieben hatte. Heute lernen sie wieder mehr, sich selbst zu versorgen.

 

Sperrige Wickel

Es gibt kaum eine klinische Studie, die die Wirksamkeit von Wickeln belegen könnte. Weil es überhaupt kaum wissenschaftliche Untersuchungen darüber gibt. Denn zum Krankenhausbetrieb passt diese Behandlungsform denkbar schlecht. Kohl, Quark, Senf, Lehm oder Honig in den Krankenbetten   würden Hygieneexperten die Haare aufstellen. Und in den straff durchgezogenen Zeitplan, der das Pflegepersonal von einem zum nächsten Patienten treibt, mögen sich Wickel einfach nicht einbinden lassen. Wickel stehen für Innehalten, Ruhe und Zuwendung. Sie pflegen Seele und Körper.

 

Wickel legen sich rund um Waden, Gelenke, Hals und Leib. Auflagen oder Kompressen zielen auf einen bestimmten Bereich: etwa auf de Wespenstich oder auf die Brandwunde. Allesamt setzen sie Hitze oder Kälte oder pflanzliche Wirkstoffe ein, gerne auch in Kombination.


Pflegeleicht

Mag sein, dass Wickel in Kliniken Schwierigkeiten bereiten, im Hausgebrauch sind sie pflegeleicht. Alles, was der Mensch für einen helfenden Umschlag benötigt, findet er in seinem Haushalt: Tücher, Wasser, Lebensmittel – die meisten davon sind immer parat. Mit Wasser getränkte Tücher leiten Hitze oder Wärme weiter. Wer mag, kann sich auch ein passendes Dinkel- oder Kirschkernkissen für diesen Zweck bereitlegen oder mit heißen Kartoffeln, Leinsamen oder Bockshornklee arbeiten. Die Fortentwicklung dieses Hausmittels, der Hot-Cold-Pack, hat auch schon etlichen Naturheilkundeskeptikern weitergeholfen. Zwiebeln, Senf, Kräuteressenzen oder Tees und ätherische Öle transportieren, auf oder zwischen Tücher gepackt, ihre Wirkstoffe über die Haut in den Körper des Patienten. Quark und Heilerde entziehen dem Körper Hitze und schädliche Stoffe.

 

Wie Wickel wirken, darüber gibt es keine wissenschaftlichen Beweise, dafür aber jahrelange Erfahrungswerte, genaue Beobachtungen und wohldurchdachte Erklärungen. Kälte zieht die Blutgefäße zusammen. Das verhindert oder reduziert Schwellungen und nimmt damit Schmerzen. Hitze und starke Kälte steigern die Durchblutung. Das kurbelt den Heilungsprozess an: Abwehrzellen gelangen schneller an den Ort, an dem eine Entzündung herrscht und Abfallstoffe werden schneller von dort wegtransportiert. Wärme und gesteigerte Durchblutung bewirken, dass sich Muskeln entspannen und sie helfen, schädliche Stoffe auszuleiten, indem sie den Schweißfluss anregen. Pflanzliche Stoffe und spezielle Substanzen in Lebensmitteln wirken je nach ihren spezifischen Eigenschaften.

 

Erste Hilfe im Winter

Winterzeit ist Erkältungszeit. Die Hausapotheke stellt eine Vielzahl an unterstützenden Mitteln bereit. Honigauflagen oder Ölläppchen mit Lavendelöl sollen helfen, den Hustenreiz zu mildern. Zwiebelpäckchen gelten als ausgezeichnete Soforthilfe bei Ohrenschmerzen. Ihre Senföle hemmen starke Entzündungen. Bei Halsentzündung empfehlen Wickelexperten einen Quarkumschlag mit Quark als Medium, das Stoffwechselgifte entziehen soll. Als fiebersenkendes Mittel – meist nur nötig, wenn die Temperatur über 39 Grad steigt – ist der Wadenwickel bekannt. Wadenauflagen mit Senf sollen bei Schnupfen oder Stirnhöhlenentzündung Entlastung bringen; eine Meerrettichkompresse im Nacken kann Kopfschmerzen mildern.

 

Zu Risiken und Nebenwirkungen...

Senf und Meerrettich sind Mittel, die nicht zu jedem passen. Manche Menschen reagieren auf den starken Reiz der Senföle mit brennender, knallroter Haut. Wickel und Auflagen sind, entgegen der landläufigen Meinung, keinesfalls frei von Risiken und Nebenwirkungen. Kühlende Wadenwickel dürfen nicht bei Schüttelfrost angelegt werden, Quarkumschlag eignet sich nicht für Menschen, die allergisch auf Milchsäure reagieren, manch einem widerstrebt der Zwiebelgeruch in der Nase. Wer sich mit Wickeln selbst weiterhelfen will, sollte erstens ein gutes Fachbuch zur Hand haben oder bei einer Expertin einen Wickelkurs belegen. Zweitens hilft genaues Beobachten: Kälteanwendungen nur, wenn der Körper und die zu behandelnde Stelle sich warm oder heiß anfühlt. Andersrum gilt genauso: Wärme hilft nur, wenn nicht schon Hitze da ist. Sobald ein Wickel unangenehm wird, muss er entfernt werden. Drittens: Bei unklaren Situationen gibt es nur eines: den Arzt zu Rate ziehen.


Das Original, ergänzt durch das Interview mit einer Fachfrau für Wickelanwendungen und weiterführenden Informationen, u.a. einer Wickelanleitung ist zu finden in Schrot und Korn 10-2011.

Bild: Hopf / pixelio.de