Giorgia Grimaldi

Freie Journalistin, Frankreich-Korrespondentin, Marseille

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In Marseille wird Multikulti gelebt


Saint Charles. Erst quietscht er, dann rattert er und nach den letzten Metern kommt der Zug polternd am Gleis K zum Stehen. Die Türen öffnen sich, Menschen quetschen sich heraus. Sie fingern an ihren Taschen, hadern mit schwerem Gepäck. Der Bahnhof in Marseille ist für manche ein Sehnsuchtsort, das Sinnbild der Wanderlust und Abenteuer. Für andere ist er die Endstation einer gescheiterten Existenz. Und das erste Kapitel eines Neuanfangs.

Zwei junge Männer steigen aus. Ahmed und Mamadou haben keine Koffer, nur jeweils einen Rucksack. Sie tragen Sneaker, Jeans und Pulli. Ihr schlaksiger Gang passt nicht so recht zu ihrem erschöpften Gesichtsausdruck. "Wo geht es nach Noailles?", fragen sie auf Französisch mit starkem Akzent die Dame am Informationsschalter. Danach gehen sie aus der Halle in die Abenddämmerung. Auf der Aussichtsplattform sehen sie erstmals Marseille. Möwen gleiten durch die Luft, während ein penetrantes Hupkonzert den Berufsverkehr einläutet. Auf der anderen Seite der Metropole strahlt "La Bonne Mère", die Marienstatue der Kathedrale Notre-Dame-de-la-Garde, auf die Stadt herab. "Sie passt auf alle auf", sagen die Einheimischen. Nach den vielen Monaten der Ungewissheit liegen zwischen den Jugendlichen und der Stadt, von der sie sich ein besseres Leben erhoffen, nur noch die 104 Stufen der imposanten Bahnhofstreppe.


Rückblick, 27. November 2021. "Und schön tief rein", faucht der Präsidentschaftskandidat eine Frau an und streckt ihr seinen manikürten Mittelfinger ins Gesicht. Eric Zemmour ist in Rage. Gerade erst kam er mit seinem Wahlkampfteam aus einem Restaurant im Alten Hafen. Ein paar Sekunden später nähert sich eine brünette Frau. Sie zeigt ihm medienwirksam den Mittelfinger. Zemmour, dem scheinbar keine bessere Reaktion einfällt, antwortet mit derselben rüden Geste. Es klickt und blitzt, die Menge grölt, für die anwesenden Fotografen ein Traum. Für die Kampagne des rechtsradikalen Kandidaten ist es ein Desaster. Eigentlich wollte Zemmour die Bürger Marseilles von seinem Programm überzeugen, stattdessen liefert sich der ehemalige Journalist, Polemiker und nun auch Kandidat für das französische Präsidentschaftsamt am letzten Tag seines Aufenthaltes in der zweitgrößten und ältesten Stadt Frankreichs ein Stinkefinger-Duell.


Zwölf Anwärter kämpfen im April um den Einzug in den Élysée-Palast. Neben dem amtierenden Präsidenten Emmanuel Macron rechnen sich auch Valérie Pécresse, Kandidatin der Republikaner, und Marine Le Pen, Vorsitzende des rechtsextremen Rassemblement Nationale, Chancen auf einen Sieg aus. Ebenfalls im Rennen ist der Linkspolitiker Jean-Luc Mélenchon, der in manchen Erhebungen auf dem dritten Platz hinter Macron und Le Pen liegt. Während die Frauen Pécresse und Le Pen das rechte Spektrum "entdiabolisieren" wollen, setzt der wegen Volksverhetzung bereits mehrfach verurteilte Zemmour auf einen unverblümt rassistischen Diskurs. Der kommt bei einigen Franzosen gut an. Die Umfragen sehen Zemmour bei zehn bis zwölf Prozent. Ebenso wie Pécresse steht Zemmour damit nur knapp hinter Mélenchon.

Mit Zemmour als Präsident würde ein anderer Wind in Frankreich wehen. Er will nicht nur "unerwünschte Ausländer" abschieben, sondern auch das Geburtsortsprinzip abschaffen, das in Frankreich geborenen Kindern ausländischer Eltern die französische Staatsbürgerschaft garantiert. Außerdem sollen diese Kinder per Gesetz nur noch französische Namen tragen. Und das ist nur der Anfang seiner angestrebten "Reconquête", einer Rückeroberung, nach der er auch seine Partei benannt hat. Marseilles Antwort auf diese Vorschläge fällt knapp aus: "Zemmour, verpiss dich! Antirassistisches Marseille!" Mit diesen Parolen begleiten Demonstrierende den Konvoi des Kandidaten durch die Stadt.


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