Giorgia Grimaldi

Freie Journalistin, Frankreich-Korrespondentin, Marseille

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Artikel

Anne Hidalgo: Sie will die Erste sein

Ihr Büro gilt als eines der schönsten der ganzen Stadt, manche behaupten sogar, es sei schöner als das des Staatschefs im Elysée-Palast: Dunkle Holzvertäfelungen und hohe Stuckdecken rahmen den Blick aus dem 150-Quadratmeter-Büro raus auf die Seine, die Kathedrale Notre-Dame und die berühmten blaugrauen Dächer von Paris. Etwas mehr als die Hälfte der Städter liebt Anne Hidalgo und wählte sie, nachdem sie 2014 ihren ersten Erfolg feierte, auch sechs Jahre später in ihr zweites Mandat. Für ihre Anhänger ist sie eine Visionärin der nachhaltigen Stadtplanung und der Gleichberechtigung, für ihre Kritiker eine links-grüne Närrin.

Mitte September kündigte Anne Hidalgo ihre Kandidatur für die Präsidentschaftswahlen 2022 an und wurde nun auch offiziell von der Sozialistischen Partei als Vertreterin nominiert. Das Herzstück ihrer Politik soll der Kampf gegen „soziale und territoriale Ungleichheiten“ werden. Doch im Moment stehen die Chancen schlecht: In den aktuellen Umfragen schneidet Hidalgo mit Werten zwischen 4 und 6 Prozent ab.

 

Feminismus, Ökologie und soziale Gerechtigkeit

 

„Politisch inexistent“, „hübsche Brünette“ und „Alibi-Frau“ titelten die Medien als Anne Hidalgo 2001  ihre erste Karriere als Inspekteurin zur Überwachung des Arbeitsrechts beendete und zur stellvertretenden Bürgermeisterin der Hauptstadt berufen wurde. Doch von der unauffälligen Newcomerin ist heute nicht mehr viel übrig: Hidalgo hält Paris in Schach. Ihre Entscheidung in der Vergangenheit deutlich mehr Frauen als Männer in Führungsposten berufen zu haben, führte Ende letzten Jahres zu einem strafrechtlichen Verfahren und auch Hidalgos Stadtplanung spaltet mit vielen Neuerungen die Gesellschaft. Das Tempolimit von 30 Kilometer pro Stunde, die dauerhafte Ausweitungen von Straßencafés auf Parkplätze und der Ausbau der Fahrradwege ist für die viele ein Grund zum Jubeln. Doch Autofahrer sind wütend auf die Bürgermeisterin. Für allem für die Menschen aus den Banlieues, die kaum Alternativen zum Auto haben und jetzt täglich in langen Staus stehen, hat das wenig mit der versprochenen sozialen Gerechtigkeit und Gleichheit zu tun, sondern mit versnobter und realitätsferner Umweltpolitik.

Dabei gibt sich Anne Hidalgo stets volksnah und will mit ihrer eigen Lebensgeschichte Brücken zwischen gesellschaftlichen Diskrepanzen schlagen. 1962 verlassen Hidalgos Eltern das durch die Franco-Diktatur zerrüttete Andalusien und beginnen mit den beiden Töchtern ein neues Leben in Südfrankreich nahe Lyon. 1973 erhält die gesamte Familie die französische Staatsbürgerschaft und aus der 14-jährigen Ana wird Anne. Als erste Präsidentschaftskandidatin mit doppelter Staatsbürgerschaft ist Hidalgo die Migrationsproblematik ein besonderes Anliegen. Ein Aufstieg wie ihrer - vom Einwandererkind aus prekären Verhältnissen zur hochkarätigen Politikerin – soll kein Einzelfall mehr bleiben: „Ich will, dass alle Kinder Frankreichs dieselbe Chance bekommen, die auch ich bekommen habe.“